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Auf Wolke sieben: Raheem Sterling. Foto: AFP
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Auf Wolke sieben: Raheem Sterling.

EM-Halbfinale England - Dänemark

Englands neuer Darling

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Die Geschichte von Raheem Sterling erzählt viel über die nicht immer einfache Beziehung zwischen dem englischen Nationalteam und seinen leidensfähigen Fans. Der Irrwisch von Manchester City soll jetzt die Engländer in das EM-Finale führen.

Es sah aus wie ein Akt der Verzweiflung, der sich früh im Stadio Olimpico zutrug. Gerade hatte sich Raheem Sterling den Ball kurz hinter der Mittellinie gesichert, als es von der Tribüne so ausschaute, als hätte jemand Sekundenkleber zwischen Schuh und Ball aufgetragen. Nacheinander versuchten zwei Gegenspieler in knallgelben Trikots mit einem wilden Gestochere diese Bindung zu lösen, doch beharrlich behauptete die englische Nummer zehn das Objekt der Begierde. Bis Ilja Sabarny hinzueilte: Der hünenhafte Verteidiger der Ukraine versuchte es erst gar nicht mit dem Fuß, sondern versetzte dem fast einen Kopf kleineren Engländer einen plumpen Stoß in den Rücken. Anders war der Tempodribbler im EM-Viertelfinale zwischen der Ukraine und England (0:4) nicht vom Ball zu trennen.

Später in der magischen Nacht redeten sich die englischen Fans in einer römischen Bar an der Ponte della Musica die Köpfe heiß, ob denn Vollstrecker Harry Kane wirklich der „star of the match“ gewesen sei. Viele hätten diesen Preis beim virtuosen Vorbereiter besser aufgehoben gesehen. Mit einem Steckpass vor dem 1:0 und einer Hackenablage vor dem 3:0 bestätigte der 26-Jährige erneut seine brillante Verfassung. Zuvor hatte der Mann von Manchester City mit dem Führungstor gegen Deutschland (2:0) den viel umjubelten Brustlöser für England gegeben, gegen Kroatien (1:0) und Tschechien (1:0) war er mit seinen Toren der Matchwinner.

Als ihn Nationalcoach Gareth Southgate am Samstag nach 65 Minuten vorzeitig zur Schonung auf das Halbfinale gegen Dänemark (Mittwoch 21 Uhr/ZDF) vom Feld winkte, gab es kaum jemand auf der Bank, der nicht aufstand, um den explosiven Irrwisch zu herzen. Über ihn ergoss sich nun der Inhalt einer ganzen Badewanne an Zuneigung. Dabei kann gerade der 66-fache Nationalspieler viel über die schwierige Beziehung zum leidensfähigen Anhang erzählen.

Der Vater wurde ermordet

Eigentlich wurde, wenn nicht wieder ein Torwart gepatzt hatte, immer er zuerst fürs Scheitern verantwortlich gemacht. So jedenfalls empfand es Sterling. Die Anfeindungen kumulierten bei der EM 2016, als Sterling in den Sozialen Medien mit dem Hashtag „The Hated One“ antwortete. Der Gehasste. Eine Anspielung auf „The Special One“, Copyright bei José Mourinho.

Die gellenden Pfiffe, die beim mühsamen 2:1 gegen Wales im französischen Lens die englische Kurve auf ihn herabregneten wie ein Unwetter, setzten ihm lange Zeit zu. „Es war die schwierigste Phase meiner Karriere“, sagte die heutige Nummer zehn vom Team England, wobei Sterling jedoch auch mit Eskapaden abseits des Platzes reichlich Angriffsfläche lieferte. Die britische Boulevardpresse schlachtete die Geschichten seitenweise aus.

Nur weil sein Trainer Pep Guardiola sofort sein Veto einlegte, kam es vor fünf Jahren nicht zu einem kolportierten Tausch mit dem Chilenen Alexis Sanchez vom FC Arsenal. Erst ein Jahr zuvor hatten die Citizens die Rekordsumme von 50 Millionen Pfund ausgegeben, um das Wunderkind des FC Liverpool zu locken. Schon dieser Wechsel war geeignet, ihn als undankbaren Raffzahn an den Pranger zu stellen.

Seine Mutter wanderte früh aus

Doch vielleicht heilen die Wunden im Fußball wirklich schneller als in jedem anderen Beruf. Aktuell ist Sterling jedenfalls Englands neuer Liebling. Und mit den Finalspielen in Wembley wird die Story fast rührig. Internationale Kamerateams, darunter natürlich auch deutsche, haben bereits am Elternhaus im gleichnamigen Stadtteil geklingelt, wo Sterling ab dem fünften Lebensjahr aufwuchs – keiner aller Halbfinalteilnehmer ist der heiligen Stätte über viele Jahre so nahe gewesen.

Sterlings Familie stammt aus Jamaika, in Maverley, einem der gefährlichsten Viertel von Kingston, wurde der Vater ermordet, als Raheem zwei Jahre alt war. Zunächst wanderte die Mutter ohne ihn und seine Schwester nach England aus, erst als er fünf Jahre alt war, konnte er nachkommen. Kaum verwunderlich, dass die Kindheit nicht einfach verlief, zumal der Londoner Nordwesten viele Jugendliche beheimatet, die auf die schiefe Bahn geraten. Dass Sterlings Lebensweg nicht in einer Sackgasse endete, verdankt er seiner besonderen sportlichen Begabung. Im Alter von zehn Jahren sollte ihm sein Nachhilfelehrer sagen: „Wenn du diesen Weg weitergehst, spielst du mit 17 entweder für England oder du landest im Knast.“

Er harmoniert mit Kane

Nun soll er mithelfen, die stolze Fußball-Nation von dem Trauma des verlorenen Halbfinals bei der EM 1996 befreien – damals noch im alten Wembley gegen Deutschland. Sterling hat seinen Platz gegen die Dänen sicher. Er ist der einzige, der die Laufwege von Stürmer Harry Kane schon antizipiert, ehe der Torjäger überhaupt startet. Dass Trainer Gareth Southgate bereits auf dem Weg ins WM-Halbfinale 2018 diesen beiden Offensivkräften vertraute, macht es jetzt einfacher.

Der 1,70 Meter kleine Trickser ist definitiv der, vor dem sich die skandinavischen Abwehrriesen am meisten fürchten. Nächste Saison könnte es übrigens passieren, dass Sterling sich wie auf römischen Boden mit Sabarny duelliert. Das größte Verteidigertalent der Ukraine soll ein Wunschspieler des FC Chelsea sein. Der 18-Jährige leistete sich am Samstagabend nur diese eine Regelwidrigkeit, weil es ansonsten aussichtslos war, einen Raheem Sterling irgendwie zu stoppen.

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