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Englands Nationaltrainerin Wiegman: Die Perfektionistin

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Von: Frank Hellmann

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Enge Verbindung zur Mannschaft: Sarina Wiegman hat die Engländerinnen in kurzer Zeit zum Titelfavoriten geformt.
Enge Verbindung zur Mannschaft: Sarina Wiegman hat die Engländerinnen in kurzer Zeit zum Titelfavoriten geformt. © AFP

Die Niederländerin Sarina Wiegman ist auf dem besten Weg, ihre zweite EM zu gewinnen - diesmal mit den englischen Fußballerinnen.

Auf den ersten Blick mag Sarina Wiegman mit ihrer Brille viele an die Lehrerin erinnern, die nach einer verhauenen Klassenarbeit besonders streng schaute. Und die Schüler und Schülerinnen ermahnte, sich beim nächsten Mal besser anzustrengen. Wenn Englands Nationaltrainerin bei der EM zu den Pressekonferenzen erschien, konnte aber von einer oberlehrerhaften Attitüde keine Rede mehr sein. In erster Linie war die Niederländerin damit beschäftigt, die überbordende Erwartungshaltung zu dämpfen. Alle sollten sich doch mal ein bisschen entspannen.

Ihr Team trennt nur noch das Finale gegen Deutschland (Sonntag 18 Uhr/ARD) vom Triumph, der dafür entschädigen soll, was den Männern vor einem Jahr in Wembley verwehrt blieb: beim Heimendspiel den EM-Pokal einzusacken. Es gibt zwar auch diesmal ein Alkoholverbot im Wembley-Park, aber keinerlei Zuschauerbeschränkungen. Und wohl auch weniger Selbstzweifel.

Englands Verband (FA) hat die Niederländerin schließlich auf die Insel gelockt, weil sie eben genau weiß, wie titeltaugliches Coaching bei einem Heimturnier geht: Bei der EM 2017 verwandelte sich der Endspielort Enschede in eine „Oranje“-Partymeile, in der Wiegmann auch am Ende wie ein nüchterner Fels in der Brandung wirkte. Im Gegensatz zu ihren Landsleuten hatte sie Vivianne Miedema, Lieke Martens und Co. die Sensation ja zugetraut.

Klare Aufgabenverteilung

Nun verfolgen Lucy Bronze, Leah Williamson und Co. dieselbe Mission – und ihre Matchpläne sind wieder von klaren Aufgabenverteilungen in einer fixen Stammelf geprägt. Nach dem Gegner richtet sich das Team am allerwenigsten. Wiegman will das so. Wer Beth Mead (sechs EM-Tore) und Lauren Hemp an den Flügeln sieht, entdeckt eine Spielidee alter holländischer Fußball-Schule mit einer klassischen Mittelstürmerin. Wobei wohl auch im Finale die 33 Jahre alte Rekordtorjägerin Ellen White beginnt, auch wenn die zehn Jahre jüngere Alessia Russo nach jeder Einwechslung den besseren Eindruck macht.

Trotz eines strengen Führungsstils werden Wiegmans Pragmatismus und Perfektionismus gelobt. Sie möchte ihrer Mannschaft den Druck nehmen und vermittelt lieber die Lust am Spiel, denn in ihrer aktiven Zeit „hatte ich manchmal nicht genug Spaß“. Ihr Ensemble agiert immer mit voller Power. Mittelfeldspielerin Keira Walsh sagte kürzlich: „Unsere Mentalität dreht sich nur noch darum, dass das Team gewinnt. Keine schmollt mehr, wenn sie ausgewechselt wird. Die Atmosphäre ist weniger angespannt.“

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg musste bei der Frage schmunzeln, ob es gelingen kann, die zwischendrin mit einer Corona-Infektion ausgefallen Kollegin auszucoachen. „Sarina hat schon in den Niederlanden bewiesen, dass sie ein Team zu einem Titel führen kann. Es wäre schön, wenn es bei einem Titel bleibt.“ Nicht einmal elf Monaten haben dem „Superhirn“ (The Independent) genügt, um aus den „Lionesses“ das zu machen, was sich hinter ihrem Namen verbirgt: ein Rudel hungriger Löwinnen, die ihre Beute so lange jagen, bis sie erlegt ist. Die Fußballlehrerin gilt als Workaholic – lacht aber viel häufiger als bei der EM vor fünf Jahren. Mit Genuss saugt sie die Hingabe ihrer Wahlheimat zum Fußball ein.

Allianz mit der Mannschaft

Millie Bright, die wuchtige Abwehrchefin, hatte die Nationaltrainerin nach dem Kraftakt im Viertelfinale gegen Spanien (2:1 n.V.) freudig in die Luft gestemmt. Die Szene aus dem Falmer Stadium von Brighton lief später im Fernsehen rauf und runter. Weil sie viel über die enge Verbindung zur Mannschaft aussagt. Die Allianz soll nun nach 19 Länderspielen ohne Niederlage in die Krönung münden.

Wiegmans Weg ins Rampenlicht war ein beharrlicher und wahrlich kein einfacher. Sie musste sich als Kind in der Nordseestadt Den Haag die Haare kurz schneiden, damit sie mit ihrem Zwillingsbruder Fußball spielen durfte – Mädchenteams gab es zu dieser Zeit kaum. Bald ging sie als junge Frau und talentierte Fußballerin an die Universität North Carolina, wo sie sich unter US-Nationaltrainer Anson Dorrance einiges von Weltstars wie Mia Hamm und Kristine Lilly abschauen konnte.

Vor allem die Siegermentalität, aber auch die Professionalität des Umfelds beeindruckten die 104-fache Nationalspielerin derart, dass sie dies unbedingt auch in der Heimat verankern wollte, nachdem sie im Anschluss an eine Ausbildung zur Sportlehrerin und die Geburt zweier Kinder hauptberuflich als Trainerin arbeitete. Dass sie für kurze Zeit in einer Assistentenrolle bei Sparta Rotterdam auch als erste Frau im Männerfußball arbeitete, zeigt nur, wie viel sie sich zutraut. Von wegen biedere Lehrerin.

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