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Auch Hunde halten jetzt zu England. afp
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Auch Hunde halten jetzt zu England. afp

EM-Endspiel

England träumt vom Titel

  • VonHendrik Buchheister
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Die englische Nationalelf kann mit einem Triumph im EM-Finale von Wembley nicht die Konflikte im eigenen Land lösen, aber ein Ereignis mit größtem Erinnerungswert schaffen

Die Bilder, die aus England übermittelt wurden nach dem Einzug der Nationalmannschaft ins EM-Endspiel gegen Italien an diesem Sonntag (21 Uhr/ZDF) – sie wirkten wie Sammlerstücke aus einer besseren Zeit. Zum einen lag das daran, dass es Bilder waren, die man seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr gesehen hat. Mehr als 60 000 Fans berauschten sich im Wembley-Stadion am 2:1 nach Verlängerung im Halbfinale gegen Dänemark. Auf den zentralen Plätzen der englischen Großstädte feierten die Menschen dicht gedrängt und ohne Maske. Zum anderen erinnerten diese Bilder aber auch deshalb an eine bessere Zeit, weil es Bilder der Gemeinschaft, der Einigkeit, der kollektiven Freude waren. Auch so etwas ist in England selten gewesen zuletzt.

Das Land ist gespalten, es befindet sich im Konflikt mit sich selbst. Das knappe Brexit-Votum vor fünf Jahren war davon ebenso Ausdruck wie es der Umgang mit der Corona-Pandemie und die vergifteten Debatten zur eigenen Kolonial-Vergangenheit im Windschatten der „Black Lives Matter“-Bewegung sind. Und dann ist da noch das Königshaus. Hält man zu Meghan und Harry? Oder zum Rest der Royals? Selbst das wurde zur ideologischen Streitfrage.

Es gibt seit einer Weile wenig, das die Menschen in England über die Konfliktlinien zusammenhält. Beziehungsweise: Es gab wenig. Plötzlich allerdings ist da etwas Großes. Die Aussicht auf Erlösung von einem nationalen Trauma. Genau das ist es nämlich, dass England, das Mutterland des Fußballs, erst einmal ein Turnier gewinnen konnte. Seit dem WM-Erfolg 1966 zählen die Engländer die titellosen „years of hurt“, wie es in der Fan-Hymne „Three Lions (Football’s Coming Home)“ heißt. Am Sonntag könnte das Zählen ein Ende haben, nach 55 Jahren.

Nationaltrainer Gareth Southgate spricht viel davon, dass die Mannschaft die Last der Vergangenheit abschütteln, ihre eigene Geschichte schreiben müsse. Daran arbeitet sie. Und sie arbeitet daran, eine zerrüttete Nation zu vereinen. Das 2:0 gegen Deutschland im Achtelfinale, vor allem aber das 2:1 im Halbfinale gegen Dänemark sind Spiele, die niemand je vergessen wird, dessen Herz an der englischen Nationalmannschaft hängt. Wegen der Geschehnisse auf dem Rasen und wegen der ausgelassenen Stimmung auf den Rängen. Was die Zuschauer dagegen zu vergessen scheinen, ist das Corona-Virus.

Southgate ist ein emphatischer Typ, redegewandt, demütig. Doch das bedeutet nicht, dass er nicht durch und durch Patriot wäre. Im Gegenteil. Allerdings versucht er, einen positiven Patriotismus zu verbreiten.

Vor der EM wurde ein Text in seinem Namen auf dem Portal „The Players‘ Tribune“ veröffentlicht, der ein Brief an sein Land war. Er handelte davon, wie jedes England-Spiel die Möglichkeit sei, Erinnerungen zu schaffen, er handelte von Southgates Großvater, der im Zweiten Weltkrieg gedient hatte, und er handelte davon, dass Patriotismus für Southgate auch bedeute, seine Öffentlichkeit zu nutzen: „Ich habe einen Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber, meine Stimme zu erheben, und das haben die Spieler auch.“

Die aktuelle Nationalmannschaft ist vermutlich die am meisten politisierte, die England jemals hatte. Spieler wie Raheem Sterling, Marcus Rashford oder Jordan Henderson setzen sich gegen Rassismus, Ausgrenzung und soziale Benachteiligung ein. Bei der EM schickt das Team vor jedem Spiel ein Zeichen für Gerechtigkeit in die Welt, wenn es auf die Knie geht, nach dem Vorbild von Footballer Colin Kaepernick. Die Geste hat zum Start des Turniers die Risse in der englischen Gesellschaft sichtbar gemacht. Teile des Publikums in Wembley buhten die Aktion aus. Spätestens beim Halbfinale gegen Dänemark übertönte der donnernde Applaus von den Rängen aber die Unmutsbekundungen. Die Nationalmannschaft nimmt offenkundig viele Menschen mit bei dem positiven Wandel, den sie anstrebt.

Das macht es schwierig für Premierminister Boris Johnson, den Erfolg bei der EM für eigene Zwecke zu nutzen, auch wenn er es natürlich versucht. Die Ideale, für die das Team steht, sind nicht unbedingt seine Ideale. Oder, wie der „Guardian“ schreibt: „Southgate und seine Spieler verhindern, dass spalterische Politiker den Erfolg bei der EM kapern.“ Sollten konservative Meinungsführer versuchen, einen möglichen englischen EM-Titel als Zeichen für den Erfolg des Brexit zu deuten – es dürfte kompliziert werden.

Das heißt natürlich nicht, dass Englands EM-Kampagne die Konflikte im Land löst. Der WM-Erfolg der Franzosen 1998 durch eine multikulturelle Mannschaft hat nicht die Probleme in der französischen Gesellschaft beseitigt, die rauschende WM 2006 in Deutschland hat keine politische Erneuerung gebracht. Aber sie hat eine positive Stimmung geschaffen, kollektive Glücksmomente, Erinnerungen fürs Leben. Genau damit will auch die englische Nationalmannschaft am Sonntag weitermachen.

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