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„Wir wollen den Leuten eine Freude machen“, sagt der englische Kapitän Harry Kane (rechts).

Nations League

England in der Nations League: 71 Zentimeter der Begierde

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Die Engländer wollen ihre 53 Jahre anhaltende Titellosigkeit beenden und finden die Nations League daher gar nicht mehr so unwichtig.

Fünf Tage ist es her, da standen sich zwei englische Fußballmannschaften im wichtigsten Spiel der weltweiten Klubkickerei gegenüber, im Finale von Madrid, im prestigeträchtigsten Wettbewerb schlechthin: der Champions League. Gerade mal drei Tage ist es her, dass eben jene Fußballer wieder auf britischem Boden in ihren Betten erwachten und dem einen oder anderen dabei doch ziemlich der Kopf gedröhnt haben dürfte. Solch eine Saisonabschlusssause ist gewiss anstrengend – egal ob nun aus purem Frust resultierend wie beim Endspielverlierer Tottenham Hotspur oder wegen völliger Ekstase beim Finalsieger FC Liverpool.

Heute nun wird eine nicht gerade geringe Zahl dieser Fußballspieler wieder auf dem Feld stehen: nicht in ihren Klubtrikots, sondern in jenen ihrer Landesauswahlen, wieder im Süden Europas, diesmal in Portugal, in Guimaraes. Dort trifft nach dem gestrigen Duell zwischen der Schweiz und dem Gastgeberland am Abend (20.45 Uhr) im zweiten Halbfinale der Nations League England auf die Niederlande. Virgil van Dijk und Georginio Wijnaldum, beide in Liverpool in Lohn und Brot, zum Beispiel aufseiten der Holländer, dazu Harry Kane und Dele Alli, angestellt bei den Spurs, aufseiten der Briten. Und natürlich noch ein paar mehr. Kurzum: Da kickt eine ganze Menge fußballerische Qualität um den 71 Zentimeter großen Silberpokal des neugeschaffenen Wettbewerbs – und ganz nebenbei um eine Siegprämie von 10,5 Millionen Euro. Das Finale ist am Sonntagabend in Porto angesetzt.

„Wir haben ein großes Ziel“

Nun ist die wichtigste Erkenntnis der (fast) abgelaufenen Saison ja jene, dass die englischen Mannschaften dem Rest Europas enteilt sind, die Premier League zu gut für La Liga, Serie A, Ligue 1 und auch die Bundesliga ist. Liverpool gegen Tottenham im Endspiel der Champions League, Chelsea gegen Arsenal im Finale der Europa League – weiterer Beweise bedarf es kaum. Kann die englische Nationalmannschaft diesem Trend nun also folgen? „Vor der WM habe ich gesagt, wir wollen den Leuten Hoffnung machen und dafür sorgen, dass England wieder stolz auf sein Nationalteam ist“, sagt Verteidiger John Stones: „Das haben wir geschafft. Und der nächste Schritt ist jetzt, eine Trophäe zu holen.“

In der Tat ist es so, dass die Weltmeisterschaft vor einem Jahr in Russland, die die Engländer als guter Vierter beendeten, ihnen mächtig Mut gemacht hat. Auf der Insel hat sich eine junge Generation an feinen Fußballern entwickelt, die mittlerweile selbst in der von ausländischen Profis dominierten Liga ihren Platz gefunden hat. Die englischen Nationalspieler sind in der Regel auch Stammkräfte bei ihren Vereinen, das war nicht immer so. „Alle wissen, was wir bei der WM geleistet haben, und darauf sind wir stolz“, sagt Torjäger und Kapitän Kane: „Aber noch stolzer sind wir darauf, was wir in der Nations League geschafft haben.“ Sie setzten sich in der Gruppe gegen Spanien und Kroatien durch.

„Bei der WM haben wir Mannschaften besiegt, die wir besiegen mussten“, so Kane über die Erfolge gegen Teams wie Kolumbien oder Schweden. „Aber wir hatten noch nicht Mannschaften wie Spanien oder Kroatien besiegt. Das ist ein großer Schritt.“ Einer, der endlich mal in einem Titel münden soll. Seit 1966, dem WM-Erfolg gegen Deutschland, warten die Engländer auf einen internationalen Titel. „Seitdem ist viel Zeit vergangen“, sagt Kane, „wir haben also ein großes Ziel.“ Ein so großes Ziel, das selbst die lange auch bei den Briten kritisch gesehene Nations League plötzlich interessant macht. 18 000 englische Fans werden heute im 30 000 Zuschauer fassenden Stadion sein, Heimspielatmosphäre für die Three Lions. „Wir wollen den Leuten eine Freude machen“, sagt Kane: „Als Fußballer willst du Teil von so etwas sein.“ Selbst dann, wenn der Höhepunkt der Saison gerade mal fünf Tage her ist und die Abschlusssause dem einen oder anderen gewiss noch ein wenig in den Knochen stecken dürfte.

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