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Das Champions-League-Finale in Madrid steht im Zeichen der Engländer.

Europa-Finale

Endspiele EL und CL: Rule, Britannia?

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Die Engländer haben die europäischen Fußballfinals in diesem Jahr fest im Griff – doch die Nachhaltigkeit der Dominanz ist fraglich.

Es geschieht Historisches in dieser Woche. Zum ersten Mal treffen in den Finals der Europa League und der Champions League vier Mannschaften aus dem selben Land aufeinander, und zwar aus England. An diesem Mittwoch spielen der FC Arsenal und der FC Chelsea in einem Londoner Derby in Baku den Gewinner des kleineren der beiden internationalen Wettbewerbe aus. Am Samstag streiten in Madrid der FC Liverpool und Tottenham Hotspur um den Sieg in der Königsklasse.

Es ist logisch, dass angesichts dieser Konstellation von einer neuen Dominanz des englischen Fußballs im Europapokal gesprochen wird, ironischerweise in einer Zeit, in der sich das Vereinigte Königreich per Brexit von Europa abzuspalten versucht. Doch stimmt das überhaupt? Bricht tatsächlich gerade eine Epoche der englischen Vormachtstellung an? Und, falls ja: wie englisch ist die überhaupt?

Selbst die sonst so patriotischen Kommentatoren auf der Insel haben da ihre Vorbehalte. Sie wissen ja, dass Englands Triumphzug von Facharbeitern aus dem Ausland angeführt wird. Keiner der vier Finalteilnehmer wird von einem Engländer trainiert. Die Architekten des Erfolgs kommen aus Deutschland, Argentinien, Italien und Spanien. Sie heißen Jürgen Klopp (Liverpool), Mauricio Pochettino (Tottenham), Maurizio Sarri (Chelsea) und Unai Emery (Arsenal). Englands Meister Manchester City, in Europa weiterhin im Wartestand, national allerdings seit zwei Saisons das Maß der Dinge, wird ebenfalls von einem Spanier unterrichtet, nämlich von Pep Guardiola.

Auch die Spieler sind zum Großteil importiert. Bei den Achtelfinalrückspielen von Liverpool, Tottenham, Chelsea und Arsenal standen insgesamt nur acht Engländer in der Startelf. Nationaltrainer Gareth Southgate hat gerade wieder einmal Alarm geschlagen. „Wir dürfen als Liga oder Verband nicht denken: Alles läuft gut, wir können uns zurücklehnen“, sagte er und warnte davor, dass in „in zehn Jahren nur noch 15 Prozent der Spieler“ aus der Premier League für die Nationalmannschaft in Frage kommen würden. Oder, mit anderen die Worten: dass in England bald (fast) keine Engländer mehr spielen.

Die Grundlage des Erfolgs der Vereine aus der Premier League sind die finanziellen Möglichkeiten, doch sie alleine reichen nicht als Erklärung. Tottenham Hotspur gab in dieser Saison nicht einen Cent für neue Spieler aus und steht dennoch im Finale der Champions League. Manchester United dagegen befindet sich trotz massiver Investitionen seit Jahren in der Krise. Entscheidend ist, dass Vereine wie Liverpool oder Manchester City ihr vieles Geld mittlerweile geschickt einsetzen (wobei bei City bekanntlich untersucht wird, ob die Ausgaben im Einklang mit den Finanzregeln der Uefa stehen).

Trügerische Dominanz

Liverpool zum Beispiel tätigte in den vergangenen beiden Transferphasen die beiden teuersten Einkäufe der Vereinsgeschichte, um die Schwachstellen im Kader bestmöglich zu beheben: erst kam Weltklasse-Innenverteidiger Virgil Van Dijk, dann der ebenfalls hoch gepriesene Torwart Alisson. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass der Klub gerade bester Vizemeister in der Historie der Premier League geworden ist. Über allem thront in Liverpool, bei Manchester City und Tottenham die langfristige Philosophie der Trainer Klopp, Guardiola und Pochettino.

Den Finaleinzug von Arsenal und Chelsea als Beweis für eine neue Dominanz der Engländer zu deuten, ist gewagt. Beide Vereine sind im Umbruch. Arsenal könnte die erste Saison in der Ära nach Arsene Wenger mit einer europäischen Trophäe veredeln, hat aber noch viel Arbeit vor sich, um wieder zur nationalen und internationalen Spitze aufzuschließen. Vor allem die Abwehr muss verstärkt werden. Chelsea hat gute Ergebnisse eingefahren in der Premieren-Saison von Trainer Sarri, dennoch ist er umstritten und könnte im Sommer nach Italien zurückkehren. Dazu steht der beste Spieler des Teams vor einem Wechsel zu Real Madrid, nämlich Eden Hazard. Arsenal und Chelsea mögen im Moment die Besten des internationalen Mittelbaus sein, mehr allerdings nicht.

Und überhaupt: Es muss sich zeigen, wie nachhaltig der Erfolg der Premier League im Europapokal ist. Als die Engländer die Champions League vor einem Jahrzehnt zuletzt dominierten, konnten sie das nur unzureichend in Pokale umwandeln. Zwischen 2007 und 2009 standen dreimal nacheinander drei englische Teams im Halbfinale. Nur Manchester United (2008) triumphierte damals auch. 2012 dagegen schaffte es nur ein Vertreter der Premier League bis ins Viertelfinale, nämlich Chelsea – und trug am Ende die Trophäe davon, sehr zum Unglück des FC Bayern (Stichwort: Finale dahoam). Der Triumph war ein Ausreißer, kein Zeichen von Dominanz. Seitdem konnte keine englische Mannschaft die Königsklasse gewinnen.

Das wird sich in dieser Saison ändern. Es ist sicher, dass der Titel der Champions League und der Europa League auf der Insel landen. Doch um den kontinentalen Fußball wirklich zu beherrschen, braucht es mehr. Zur Erinnerung: In den vergangenen zehn Jahren kam der Gewinner der beiden Wettbewerbe insgesamt 13 Mal aus Spanien.

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