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Endlich wieder eine Konstante

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Von: Frank Hellmann

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Jiri Pavlenka legt sich ins Zeug für Werder.
Jiri Pavlenka legt sich ins Zeug für Werder. © rtr

Der Tscheche Jiri Pavlenka hat das jahrelange Torwartproblem bei Werder Bremen gelöst.

Wer in einer Chronik von Werder Bremen blättert, der kommt um die stilprägenden Schlussmänner gar nicht herum. Um Torhüter, die dem Traditionsverein von der Weser teilweise über Jahrzehnte ein Gesicht gaben. Es begann bei Bundesliga-Gründung 1963 mit Günter Bernard, der zwei Jahre später die Meisterschale in den Händen hielt und erst 1974 seinen Platz räumte. Für Dieter Burdenski, der trotz des zwischenzeitlichen Abstiegs (1980) den Grün-Weißen immer treu. Ausgerechnet in seiner letzten Saison 1987/88 – gekrönt mit der zweiten Meisterschaft für die Hanseaten – blieb „Budde“ ein Einsatz verwehrt. Immerhin: Mit 444 Einsätzen ist er bis heute Bremer Rekordspieler.

Danach prägten Oliver Reck (1985 – 1998), später Frank Rost (1992 – 2002) auf ihre Art die nächste Ära. Nur holte die vierte Meisterschaft noch ein anderer: Andreas Reinke, 2003 aus der Versenkung im spanischen Murcia nach Bremen gelotst, gewann gleich zum Einstand das Double. Seine Karriere hätte vermutlich viel länger gedauert, wenn sich Meister Reinke nicht 2006 solch eine schwere Gesichtsverletzung zugezogen hätte. Dafür stellte sich ein Paradiesvogel unter die Latte, der bald Publikumsliebling werden sollte: Tim Wiese. Der Prototyp des Selbstdarstellers, aber gut genug für die nächsten fast 200 Begegnungen im (mitunter rosafarbenen) Werder-Trikot.

Keine Konstanz im Werder-Tor

Dass der SVW nach Wieses Abflug 2012 eigentlich Jahr für Jahr um den Klassenerhalt zitterte, hatte auch damit zu tun, dass es im Kasten keine Konstante mehr gab. Sebastian Mielitz und Raphael Wolf rauschten durchs Rüttelsieb. Erst als sich der aus dem Reiterstädtchen Thedinghausen stammende Felix Wiedwald, bei Werder ausgebildet, in der vergangenen Saison in der Rückrunde stabilisierte, schien die Langzeitlösung in der T-Frage gefunden. Nicht jedoch für Geschäftsführer Frank Baumann, der Wiedwald zum englischen Zweitligisten Leeds United ziehen ließ. Stammtorhüter in Bremen ist seit dieser Spielzeit Jiri Pavlenka. „Wir werden uns auf dieser Position verbessern“, hatte Baumann für seine Verhältnisse recht vollmundig angekündigt, als er den tschechischen Torwart nach langem Tauziehen für rund drei Millionen Euro Ablöse von Slavia Prag losgeeist hatte.

Aber damit war nicht zu viel versprochen: Anfangs wegen einigen unorthodoxen Faustabwehreinlagen noch argwöhnisch beäugt, gehört der 25-Jährige inzwischen zur gehobenen Spitzenklasse. Soll es im Heimspiel gegen Hertha BSC (Samstag 18.30 Uhr) das dringend ersehnte erste Erfolgserlebnis des Jahres geben, braucht es diesen starken Rückhalt. Das Fachmagazin „Kicker“ stufte den 1,96-Meter-Hünen in seiner Winter-Rangliste bereits in der „internationalen Klasse“ ein. An Position fünf.

Kaum ein Keeper hat mehr Bälle abgewehrt. Und nur Peter Gulacsi (RB Leipzig) und Timo Horn (1. FC Köln) weisen derzeit einen besseren Notenschnitt auf.Die Punkte, die er mit seinen famosen Reflexen und seinen überragenden Qualitäten im Eins-gegen-Eins rettete, sind längst nicht mehr an den Fingern einer Hand abzuzählen; fast tragisch, dass er nun ausgerechnet vergangenen Sonntag beim entscheidenden 3:2 von Robert Lewandowski für den FC Bayern nicht so ganz glücklich aussah.

Der ausgewiesene Stoiker hat über seine prächtigen Paraden bislang selten geredet; da gleicht er ganz seinem 38 Jahre alten Landsmann Jaroslav Drobny; die ehemalige Nummer eins aus Berlin gibt noch immer den Ersatztorwart in Bremen. Pavlenka musste sein Schweigen kürzlich brechen, nachdem er beim Rückrundenstart gegen die TSG Hoffenheim (1:1) einen unhaltbar erscheinenden Ball von Andrej Kramaric wie eine Krake von der Linie fingerte. „Es ist meine Aufgabe, Werder zu helfen“, sagte der Held wider Willen hernach in einer seiner seltenen Presserunden, „ich habe ja nicht gerade wenig gekostet.“

Sein Trainer Florian Kohfeldt lobt: „Jiri nimmt eine starke Entwicklung. Es gibt mir ein gutes Gefühl, so einen Mann im Tor zu haben.“ Die Frage, die sich heutzutage nach der Aneinanderreihung von Klasseleistungen stellt: Wie lange noch? „Wenn er so weitermacht, müssen wir sehen, ob wir ihn in der nächsten Saison noch halten können“, stellte kürzlich der tschechische Nationalverteidiger Theodor Gebre Selassie fest. Ahnt der Mitspieler bereits, dass der moderne Fußball nicht mehr dazu taugt, eine Ära zwischen den Pfosten zu begründen?

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