DFL

Ende des Rattenrennens

Langsam dämmert es dem Profifußball, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann.

Wären die Zeiten andere, dann hätte sich Christian Seifert am heutigen Montag an einen ganz geheimen Ort in Frankfurt zurückgezogen, der Termin war rot unterstrichen im Kalender des mächtigen Geschäftsführers der Deutschen Fußball Liga (DFL). Es wäre um die Ausschreibung der TV-Rechte gegangen, bis zum 8. Mai wäre die Versteigerung gegangen, jeden Tag wäre höchstbietend ein Rechtepaket veräußert worden. 1,5 Milliarden Euro pro Jahr hatte die DFL zuletzt von den Fernsehstationen erhalten. Dieser Termin hat sich längst in Luft aufgelöst – und auch diese Summe wird in absehbarer Zeit nicht mehr zu erlösen sein.

Darüber schienen sich in der Branche die meisten im Klaren, nicht nur Seifert spürt in der Debatte die Wucht des Widerstandes, ihn trifft der Vorwurf, dass der Profifußball an einem speziellen Virus leidet, der Hybris heißt, Anmaßung, Selbstüberhebung.

Es sind nachdenkliche Worte, die der DFL-Stratege mittlerweile öffentlich wählt, Worte, die erahnen lassen, dass der Profifußball vor lange nicht für möglich gehaltenen, dramatischen Umwälzungen steht: „Sehr viele Menschen stellen zu Recht die Frage: Sind eigentlich Spielergehälter angemessen, sind Ablösesummen angemessen. Und die Frage ist mehr als berechtigt. Und glauben Sie mir: Die stelle ich mir auch“, hatte Seifert unlängst im heute Journal des ZDF gesagt. „Wir werden ganz bestimmt aus dieser Situation einiges mitnehmen und uns sehr wohl Gedanken machen, wie künftig das wirtschaftliche,vielleicht aber auch das Wertefundament der Bundesliga aussehen kann.“ Ein einfach „weiter so“ wird es mit einiger Sicherheit nach der Corona-Krise nicht geben, es wird Einschnitte geben.

Der Vorstandschef von Fortuna Düsseldorf, Thomas Röttgermann, hat sich für eine Gehaltsobergrenze ausgesprochen. „Es braucht Regeln, um die Entwicklung der Vereine und des Fußballs insgesamt nicht zu gefährden“, sagte Röttgermann der „FAZ“. Der 59-Jährige verwies auf Gehaltsgrenzen im US-Sport. Es sei möglich, „Gehaltsobergrenzen anhand des Gesamtumsatzes des jeweiligen Vereins zu errechnen“. Das aktuelle Finanzierungsmodell des Profifußballs sei „extrem risikoreich“, warnte Röttgermann. Beim Düsseldorfer Bundesligisten machten die Löhne für die Fußballprofis 45 Prozent des Gesamtumsatzes aus. „Man befindet sich in einem immerwährenden Rattenrennen mit Vereinen aus derselben Liga und internationalen Klubs“, erklärte der Fortuna-Boss.

Auch Jörg Schmadtke, Sportchef des VfL Wolfsburg, plädiert für grundlegende Änderungen im Profifußball nach der Corona-Krise. „Wir werden uns vom Grundsatz her Gedanken machen müssen. Ob alle Entwicklungen der letzten Jahre [...], ob die alle noch so sinnvoll sind“, sagte der 56-Jährige in der aktuellen Folge des Podcasts „Der Sechzehner“. Schmadtke präzisierte in dem Gespräch mit dem Technischen Direktor des FC St. Pauli, Ewald Lienen, und dem TV-Journalisten Michael Born: „Wir müssen uns unterhalten über Ablösesummen. Wir müssen uns unterhalten über Beraterzahlungen. Wir müssen uns unterhalten über Gehälter.“

Für den früheren Bundesliga-Manager Reiner Calmund sind solche Schritte selbstverständlich. Hochbezahlten Spielern müsse klar sein, „jetzt geht es euch an die Kohle, ob es euch passt oder nicht“, sagte der 71-Jährige bei Sky. Wirtschaftliche Einschnitte müssten auch die treffen, die am meisten im Fußball verdienen, sagte Calmund. „Das ist doch so klar wie das Amen in der Kirche.“

Ein radikales Umdenken mahnt auch Augsburg-Geschäftsführer Michael Ströll an. „Jeder muss in den vergangenen Monaten festgestellt haben, dass höher, schneller, weiter nicht immer das richtige Mittel und vor allem in Krisenzeiten enorm gefährlich ist“, sagte Ströll der „Augsburger Allgemeinen“: „Wer jetzt nicht kapiert hat, dass dieses System krankt, dem ist nicht mehr zu helfen.“

Durch die Corona-Pandemie haben zahlreiche Klubs finanzielle Probleme bekommen. Schalke 04 ersuchte jüngst seine Fans um Unterstützung, Werder Bremen muss einen zweistelligen Millionenkredit aufnehmen. Mehr als ein Drittel der Vereine der ersten und zweiten Liga sind von der Insolvenz bedroht, wenn die Saison nicht beendet werden kann. Immerhin: Die vorzeitige Überweisung der Mediengelder schafft einen Puffer bis Ende Juni. Danach aber geht selbst bei Beendigung der Saison das Zittern weiter.

Bayer Leverkusens Sportdirektor Simon Rolfes hält es deswegen „grundsätzlich für unabdingbar, dass die Vereine nach der Bewältigung der Krise ihre Eigenkapitalquote erhöhen“. Nur so könnten sie „dauerhaft ihre Widerstandsfähigkeit stärken“, sagte der 38-Jährige dem Sportbuzzer.

Der Trendforscher Tristan Horx hat für die Zeit nach der Corona-Krise nachhaltige Veränderungen im Profifußball angemahnt. Die „Disproportionalität in der Entlohnung“ sei noch nie zuvor so stark an die Oberfläche getreten wie gerade, sagte Horx der „FAZ“. Über viele Jahre habe „eine wirklich perverse Entwicklung stattgefunden. Das führt gerade zur Entfremdung.“ (hel/dpa/sid)

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