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Gemischte Gefühle: Emre Can beim Training der Nationalmannschaft in Hamburg. geht über den Platz. 

Nach Ärger über Juventus Turin

Emre Can bändigt seine Wut

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Der Frankfurter Bub und deutsche Nationalspieler ärgert sich erst mächtig über die Ausbootung aus dem Champions-League-Kader und kriegt sich dann wieder ein.

Eigentlich handelt es sich beim Fußballprofi Emre Can um einen Menschen, der gerne gut gelaunt in den Tag hineingeht. Am Mittwochmorgen war ihm das schier unmöglich. Der 21-fache Nationalspieler hatte nach einem unangenehmen Telefonat eine unruhige Nacht in einer Hamburger Nobelherberge hinter sich gebracht. Er schob mächtig Frust, als er am Morgen darauf erst in der Mixed Zone und dann zum längst verabredeten Interview mit der Frankfurter Rundschau erschien. Es hatte ein entspanntes Gespräch mit dem Frankfurter Bub über die Rückkehr ins DFB-Team werden sollen. Doch dann musste Can sich erst mal Luft verschaffen. Am späten Nachmittag, als er ein wenig zur Ruhe gekommen war, war der Ärger vom Morgen dann aber schon wieder ein gutes Stück verflogen. Fußballprofis sind gehalten, sich bei öffentlichen Statements zurückzuhalten, auch wenn sie aus nachvollziehbaren Gründen mal wütend sind. Die mediale Wucht kommt oft doppelt hart zurück. Can weiß das natürlich, und er hat es am Mittwoch von allen seiten zu spüren bekommen. Aber er ist auch nur ein Mensch.

Was war passiert? Tags zuvor hatte sein neuer Heimtrainer von Italiens Abo-Meister Juventus Turin, Maurizio Sarri, dem 25-Jährigen eröffnet, er sei nicht in den Juve-Kader für die Champions League nominiert worden. Emre Can, der in der Frankfurter Nordweststadt aufwuchs, hatte die Botschaft schnell als „extrem schockierend für mich“ eingeordnet. Man habe ihm „letzte Woche noch was anderes versprochen.“

PSG war interessiert

Dazu muss man wissen: Für den defensiven Mittelfeldmann gab es verschiedene Interessenten, allen voran Paris Saint-Germain. Sein Agent hatte mit den Franzosen Gespräche intensiviert, nachdem Juve dem Can-Berater vor drei Wochen den Hinweis gegeben hatte, der Spieler könne bei einem entsprechenden Angebot gehen. Can selbst hatte sogar mit Trainer Thomas Tuchel telefoniert, aber dann habe Juve wissen lassen, dass man ihn doch behalten wolle. „Für mich war Bedingung, in Turin zu bleiben, dass ich zum Kader der Champions League gehöre. Dann hat der Trainer mich angerufen und mir gesagt, dass ich nicht auf der Liste stehe. Das Gespräch hat gerade mal eine Minute gedauert“, hatte er morgens um zehn Uhr in der Mixed Zone des Millerntorstadions gesagt. „Das macht mich sauer und wütend, das muss ich ehrlich sagen.“

Am Nachmittag schob Can dann einlenkend nach, er wolle „trotz der Aufregung nicht unerwähnt lassen, dass ich Juventus immer dankbar sein werde, gerade wie sie mich im vergangenen Jahr während meiner Krankheit unterstützt haben.“ In einem Post in englischer Sprache auf seinem Instagram-Account bestätigte er das. Und er fügte hinzu: „Aus Respekt vor meinen Teamkollegen bei Juve, deren Erfolg die größte Priorität hat, werde ich mich nicht mehr öffentlich äußern und auf dem Platz kämpfen.“

Can, der bei der Frankfurter Eintracht ausgebildet wurde und beim FC Bayern seine ersten Schritte in den Profifußball unternahm, weiß natürlich, dass er aktuell nichts wirklich tun kann. Die Transferliste schloss am Montag und öffnet erst wieder am 1. Januar. Mindestens so lange ist er an Juve weiter gebunden.

Noch immer in Frankfurt zu Hause

Im Gegensatz zum nicht mehr nominierten Juve-Teamkollegen Sami Khedira hat es Emre Can aber zurück in den Kader von Joachim Löw geschafft. Vergangene Woche lag er gerade auf der Couch seiner Turiner Wohnung, als das Handy klingelte. Die Nummer des Bundestrainers erkannte er sofort, und das Herz machte einen Sprung vor Glück: „Ich bin froh, jetzt bei zwei so großen Spielen dabei zu sein.“ Freitagabend in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande, Montag in Belfast gegen Nordirland. Er wolle „versuchen, den Leuten, die nicht an mich glauben, zu beweisen, dass ich dabei sein müsste. Rückschläge machen mich stärker. Ich denke mir innerlich: Jetzt erst Recht!“ So ähnlich sieht es auch der alte Frankfurter Kumpel Niklas Süle: „Ich kenne Emre schon seit der U13 bei der Eintracht. Er ist keiner, der damit nicht klarkommen würde.“

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Im DFB-Team ist vieles anders geworden, seit Can zur WM 2018 trotz seiner Teilnahme am Champions League-Finale mit dem FC Liverpool vom Bundestrainer nicht nominiert wurde, „Ich habe mich beim Essen umgeguckt. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin der Jüngste, jetzt gehöre ich schon fast zu den Älteren.“ Er will im neu entwickelten DFB-Team „eine wichtige Rolle einnehmen“. Leicht wird das angesichts der geballten Konkurrenz – Kimmich, Kroos, Goretzka, Havertz und Gündogan – sicher nicht. Aber Can weiß auch: „Ich bin vom Spielstil so, dass ich auch mal dazwischenhaue. So viele dieser Spielertypen haben wir nicht in der Mannschaft.“ Zudem weist er darauf hin: „Ich kann Sechser oder Achter spielen, aber auch Innenverteidiger. Der Trainer weiß das auch.“

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Im November folgt das Rückspiel gegen den derzeitigen Tabellenführer Nordirland in seiner Heimatstadt Frankfurt. Dort fühlt er sich zu Hause, dort wohnen die Eltern und die Schwester, die ihn auch in diesen nicht ganz einfachen Tagen nach Kräften unterstützt haben. Als er im vergangenen Jahr an der Schilddrüse operiert werden musste, ließ er den Eingriff im Frankfurter Bürgerhospital durchführen. „Ich bin oft in Frankfurt, der Bezug ist groß.“ Zur Eintracht sind die Kontakte zwar ein wenig versiegt, „aber ich verfolge den Verein natürlich. Toll, was die geschafft haben und krass, wie die Fans die Mannschaft nach vorne pushen“. Könnte ein Wechsel zum Europa-League-Teilnehmer im Winter aus seiner Sicht ein Thema sein? Eher nicht: „Aktuell kann ich mir nicht vorstellen, zur Eintracht zu wechseln, obwohl das eine Topmannschaft ist. Aber wieso nicht eines Tages?“ Eines Tages zum Beispiel, wenn Eintracht Frankfurt Champions League spielt.

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