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Der Tod von Robert Enke vor zehn Jahren hat manche Menschen darüber nachdenken lassen, ob der Sport bis in die Tiefebenen des Amateurfußballs dem (vermeintlichen) Leistungsprinzip unterworfen werden sollte.

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Empathie ist nicht messbar

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Der Tod von Robert Enke vor zehn Jahren hat manche Menschen darüber nachdenken lassen, ob der Sport bis in die Tiefebenen des Amateurfußballs dem Leistungsprinzip unterworfen werden sollte. Sie sind in der Minderheit.

Der Trainer eines typischen B-Klasse-Vereins blickt auf eine bisher erfolgreiche Saison zurück. Seine Mannschaft hat fast alle Spiele gewonnen und realistische Chancen auf den Aufstieg. Trainer, Vorstand und die kleine Fangemeinde sind zufrieden. Einige Begegnungen gingen gar zweistellig aus, man lag sich jubelnd in den Armen. Aber auch bei diesen Kantersiegen saß ein junger Mann auf der Ersatzbank, der nie zum Einsatz kam. Er ist nur der Ersatztorwart. Dem Trainer war es wichtiger, 10:0 oder 12:0 zu gewinnen, als dem zweiten Tormann Spielzeit zu schenken. Es hätte vielleicht ein Gegentor gekostet, möglicherweise auch zwei, ein 10:1 oder 10:2 statt eines Zu-null-Sieges. Sicher ist das nicht. Der zweite Torwart, sagen seine Mitspieler, sei nicht viel schlechter als der Stammkeeper. Aber niemand kam auf die Idee, den Trainer darauf anzusprechen.

Der Trainer hat seine Mannschaft im Griff, ist fleißig und zuverlässig. Aber er ist im Fußball groß geworden und hat die dort vorherrschende Unkultur so tief inhaliert, dass er gar nicht darüber nachdenken würde, einem schwächeren Spieler Einsatzminuten zu geben. Seine Maxime lautet: Der Bessere spielt. Immer. Es ist eine Maxime, die im Fußball – von den ganz Kleinen bis zu den Alten Herren, von den C-Ligisten bis zu den Profis – die allermeisten Trainer verfolgen. Viele Spieler gehen so verloren. Aber das kümmert kaum jemanden. Es geht mehr um Leistung als um Menschen. Es ist das Prinzip des Erfolgs. Es ist an Punkten auszumachen. Das macht es sehr viel einfacher, damit umzugehen. Empathie ist nicht messbar.

Manche Klubs versuchen schon zart dagegenzuhalten. Es gibt Vorstände, die weiterdenken als nur bis zum 1:0, die ihre Übungsleiter darauf hinweisen, dass nicht nur Siege zählen, die Leitbilder des guten Miteinanders entwickeln; als Orientierungsmarken, die aber meist das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt werden, und auch nicht den Rahmen, in dem sie eingefasst sind und im Vereinsheim hängen, wo sie kaum jemand liest. Ein schöner Schein, der von der Realität verschluckt wird. Die Leitbilder werden nicht gelebt. Die Ignoranz ist oft erschreckend.

Der Tod von Robert Enke vor zehn Jahren hat manche Menschen darüber nachdenken lassen, ob der Sport bis in die Tiefebenen des Amateurfußballs dem (vermeintlichen) Leistungsprinzip unterworfen werden sollte. Sie sind in der Minderheit. Die Mehrzahl hat nicht kapiert, dass ein anderer Weg der bessere wäre.

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