+
Zweikampfstark wie eh und je: Benedikt Höwedes (rechts) im Duell mit Moussa Marega vom FC Porto.

Benedikt Höwedes

"Emotionen werden hochkommen"

  • schließen

Der Ex-Schalker Benedikt Höwedes über seine Rückkehr nach Gelsenkirchen mit Lokomotive Moskau, sein Leben in Russland und die Veränderungen im Fußballgeschäft.

Herr Höwedes, Laut Wetterbericht sind Sie in Moskau mittlerweile im Permafrost angelangt, die Temperatur soll in den kommenden Tagen kaum noch über den Gefrierpunkt steigen. Da kommt ein Ausflug ins relativ milde Gelsenkirchen doch ganz passend, oder?
Das kommt mir tatsächlich ganz gelegen. Wir hatten in den vergangenen Tagen bereits zweistellige Minustemperaturen. Da gibt es schönere Dinge, als draußen Fußball zu spielen. Die Jungs hier vor Ort finden das übrigens auch nicht so cool, obwohl sie sich daran gewöhnt haben. So ist es ganz gut, dass wir nach dem Spiel auf Schalke erst einmal gut einen Monat frei haben. Am 14. Januar ist dann Trainingsauftakt – in angenehmeren Gefilden. Wir fahren dann erst einmal für eineinhalb Monate in die Trainingslager, zunächst in Katar und danach in Marbella.

Wie kommen Sie mit der Kälte zurecht? Spielen Sie noch kurzärmelig?
Nee. Ich trage ein langes T-Shirt unter dem Trikot. Aber eigentlich ist es noch ganz gut auszuhalten.

Können Sie die Spielberichtsbögen auf kyrillisch mittlerweile entziffern?
Auf gar keinen Fall. Ich habe meinen Fokus erst einmal klar auf den Fußball gelegt. Gerade was meine Fitness und meinen körperlichen Zustand angeht, setze ich Prioritäten. Das habe ich aus der vergangenen Saison in Italien gelernt, wo alles auf einmal kam: neue Sprache, neuer Verein, neue Wohnung und so weiter. In Turin kam viel zusammen. Das war zwar nicht der alleinige Grund dafür, dass ich so lange verletzt war. Aber ich habe hier in Russland erst einmal ein paar Sachen – wie die Sprache – hinten angestellt. Zumal wir hier in Moskau zum Glück einen Übersetzer haben, der fünf, sechs Sprachen spricht. In Italien war ich gezwungen, die Sprache sofort zu erlernen.

Nach der Meisterschaft in der vergangenen Saison steht Lok zur Saisonhalbzeit auf Rang fünf. Ist der Zug für Lok sozusagen abgefahren?
Wir wollen uns auf alle Fälle wieder für die Champions League qualifizieren. Natürlich ist auch die Titelverteidigung unser Ziel. Doch wir sind relativ schlecht gestartet. Wir haben uns zwar zwischenzeitlich wieder bis auf Platz zwei hochgearbeitet, danach folgten leider Niederlagen. Ausschließen würde ich aber noch nichts, weil die Liga ziemlich ausgeglichen ist. Wir haben großes Potenzial im Team.

Sie haben in der Champions League gegen Istanbul und in der Liga gegen Spartak Moskau zuletzt nicht in der Startelf gestanden ...
Ich hatte im Spiel zuvor einen Schlag auf das Knie bekommen und bin vorzeitig ausgewechselt worden. Die Jungs haben es danach gegen Galatasaray gut gemacht, weshalb der Trainer sie hat weiterspielen lassen. Wenn die erste Elf einen Lauf hat, ist das völlig okay. Das ist dann kein Weltuntergang für mich, wenn ich mal auf der Bank sitze.

Wie gestaltet sich Ihr Alltag in Moskau jenseits des Fußballplatzes?
Ich versuche, hier relativ viel zu unternehmen. Weil ich noch alleine wohne, muss ich mich zwar intensiv um meinen Haushalt kümmern. Ich versuche aber, viel von der Stadt zu sehen. Ich habe früher schon gesagt: Wenn ich mal ins Ausland gehe, dann hat der Fußball zwar Vorrang. Aber ich möchte auch das Leben kennen lernen. Ich habe in Moskau mittlerweile viele Freunde außerhalb der Fußball-Szene gefunden. Das hat es relativ leicht für mich gemacht, schnell Fuß zu fassen in der Stadt.

Was erlebt man als Wahl-Moskowiter?
Moskau hat durch die WM in diesem Jahr einen weiteren Impuls bekommen. Die Stadt ist noch einmal aufgewertet worden. Die Innenstadt rund um den Kreml ist sehr einladend. Es gibt den hoch interessanten und geschichtsträchtigen Gorky-Park. Hier kann man im Sommer Beach-Soccer spielen. Und im Winter ist es möglich, fast durch den ganzen Park mit Schlittschuhen zu laufen, weil viele Wege in Eisbahnen verwandelt werden. Das ist schon ziemlich beeindruckend alles.

Wie oft reisen Sie noch in die Heimat, erst recht, nachdem vor gut einem Monat Ihr Sohn Bas Antonius geboren wurde?
So häufig ich kann, natürlich auch wegen des Babys. Da möchte ich möglichst wenig von seiner Entwicklung verpassen. Ich war zur Geburt da und bin danach ein paar Mal rüber geflogen, um meine Familie in unserer Übergangswohnung in Haltern zu besuchen. Die Familie wird dann nach den Trainingslagern zu Beginn des kommenden Jahres zu mir nach Moskau kommen.

Am Dienstag werden Sie in die Schalker Arena zurückkehren, die elf Jahre ihr Arbeitsplatz war. Zurück zu dem Verein, bei dem Sie insgesamt 17 Jahre gespielt haben. Haben Sie schon eine Vorstellung, welche Gefühle sie dann übermannen werden?
Puh! Da werden wahrscheinlich viele Erinnerungen hoch kommen. Ich werde aber vor dem Spiel versuchen, vieles auszublenden, weil ich mich auf die Partie konzentrieren will und nicht möchte, dass die Emotionen überhandnehmen. Zumal es für uns ja auch noch um ein bisschen was geht. Schalke ist durch, aber wir haben theoretisch noch die Chance, in die Europa League zu kommen. Wir haben sicherlich nur eine Außenseiterchance, aber die wollen wir ergreifen. Was nach dem Spiel passiert, das lasse ich dann einfach mal geschehen. Wahrscheinlich werden dann viele Emotionen bei mir hochkommen, bei denen es mir schwerfallen dürfte, sie zu unterdrücken. Ich werde es auf alle Fälle sehr genießen, wieder in der Arena aufzulaufen. Eine normale Dienstreise wird es deshalb nicht. Es ist für mich etwas sehr Besonderes. Nach dem Spiel werde ich mir dann sicherlich viel Zeit nehmen für die Leute auf Schalke, auf die ich mich sehr freue. Ich werde nach dem Spiel nicht zurück nach Moskau fliegen, sondern in der Heimat bleiben.

Ihr Abschied war nicht ganz so reibungslos, insbesondere mit Trainer Domenico Tedesco gab es eine halbwegs öffentliche Auseinandersetzung ...
... das Thema möchte ich nicht noch einmal aufwärmen.

Fragen wir mal anders: Ist es denn vorstellbar, dass Sie nach Ihrer aktiven Zeit eine andere Funktion bei den Königsblauen übernehmen?
Ich bin schon sehr mit dem Verein verbunden und dort verwurzelt. Ich bin dankbar für die lange und tolle Zeit, die ich dort hatte. Und ich werde diesem Klub ewig verbunden bleiben. Deshalb ist es nicht auszuschließen, dass wir noch einmal aufeinander zugehen.

Wie intensiv verfolgen Sie das Schicksal des FC Schalke?
Mittlerweile verfolge ich die Spiele wieder regelmäßig.

Eine allgemeine Frage zum Abschluss: Sie sind seit über einer Dekade im Profifußball unterwegs. Wie hat sich das Geschäft aus Ihrer Sicht verändert?
Das Spiel selbst ist schneller, athletischer und taktischer geworden. In vielerlei Hinsicht auch professioneller. Es gibt heutzutage auch mehr Jungstars, denen man berechtigterweise die Gelegenheit gibt, sich früh zu präsentieren. Das war – als ich zu den Profis stieß – noch ein bisschen anders. Es dürfte aber auch immer schwieriger für den Fußballfan sein, größtes Interesse zu zeigen, wenn jetzt zum Beispiel mit der Europa League 2 noch ein weiterer Wettbewerb dazu kommt. Sogar von uns Spielern wissen ja einige gar nicht mehr, auf welchem Sender man denn jetzt noch einzelne Spiele der Champions League im Fernsehen sehen kann. Irgendwie geht ein bisschen die Freude am Fußball verloren. Auch wenn gerade einige Vereine dafür sorgen, dass die Bundesliga wieder attraktiver wird, weil Bayern München derzeit nicht auf Platz eins steht. Es ist einfach zu viel. Ich habe das Gefühl, dass momentan die Seele des Fußballs verkauft wird. 

Sie haben also vollstes Verständnis für die Kritik der Fans?
Natürlich kann ich das verstehen. Es geht schließlich um die Fans. Der Profifußball ist doch etwas so Besonderes, weil wir fast stets in ausverkauften Stadien spielen. Warum also jene vergraulen, die ein normales Spiel zu einem besonderen machen? Dafür sehe ich keinen Grund.

Interview: Jens Greinke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion