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Emotionaler Jahresabschluss

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Von: Frank Hellmann

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Auf Augenhöhe mit dem Weltmeister. Foto: AFP
Auf Augenhöhe mit dem Weltmeister. Foto: AFP © afp

Die deutschen Fußballerinnen erleben beim Weltmeister USA ein Wechselbad der Gefühle

Am Anfang war das breite Grinsen von Ann-Katrin Berger, zwischendrin das schmerzverzerrte Gesicht von Lena Oberdorf und am Ende die enttäuschte Miene von Alexandra Popp: Zum Abschluss eines bewegenden Länderspieljahres illustrierten Ersatztorhüterin, EM-Shootingstar und Torjägerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft die ganze Bandbreite an Gefühlen, die sich aus dem zweiten Härtetest beim Weltmeister USA (1:2) ergaben. Die verdiente, aber doch vermeidbare Niederlage in Harrison – drei Tage nach dem Sieg in Fort Lauderdale (2:1) – schien Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nicht sonderlich zu stören. Zum einen, weil die Eindrücke eines „abwechslungsreichen, intensiven und erfolgreichen Jahres“ ja nicht verblassen. Zum anderen überstrahlten Bergers Glücksgefühle das letzte Länderspiel 2022.

Nur drei Tage nach dem flirrenden EM-Finale in Wembley hatte Deutschlands dritte Torhüterin erfahren, dass bei ihr der Schilddrüsenkrebs zurückgekehrt ist, den sie 2018 doch überwunden glaubte. Bereits während des Turniers hatte es nach einer Routineuntersuchung in London Hinweise gegeben, dass etwas nicht stimme. Die 32-Jährige machte danach eine Radiojodtherapie, nimmt seitdem radioaktive Tabletten und spielt seit Ende September wieder für den FC Chelsea. Ihr vierter Einsatz im DFB-Dress zauberte ihr bei der Nationalhymne ein Dauerlächeln ins Gesicht. „Das sind die eigentlich wichtigen Momente, die wir hier mitnehmen“, sagte Voss-Tecklenburg.

Die hochintensive, teils sogar hitzige Auseinandersetzung vor 26 317 Zuschauer besaß nie den Charakter eines Freundschaftsspiels. Leidtragende der vielen robuster Zweikämpfe war Abräumerin Oberdorf, die mit Schulterverletzung ins Krankenhaus musste. Ihr Ausscheiden nach 33 Minuten sorgte für einen „kleinen Bruch“ (Voss-Tecklenburg) nach einem bis dahin beeindruckenden Auftritt.

Hätte das Team die anfängliche Dominanz, Präsenz und Passsicherheit wirklich durchgehalten, würde der Vize-Europameister wohl schon heute als einer der Topfavoriten bei der WM in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August 2023) gelten. Nach der Pause erlebten die DFB-Frauen mit zehn EM-Teilnehmerinnen in der Startelf, dass kleine Fehler gegen Alex Morgan und Co. böse Folgen haben. Einmal traf die mit zunehmender Spieldauer verunsicherte Abwehrchefin Sjoeke Nüsken den Ball nicht richtig, einmal stand die wieder als Außenverteidigerin zweckentfremdete Nicole Anyomi falsch: Prompt hatten Sofia Smith (54.) und Mallory Pugh (56.) die Partie gedreht.

Nüsken und Anyomi patzen

Trotzdem war Jule Brand, die Deutschland in Führung gebracht hatte (18.), nicht unzufrieden. „Das war eine coole Erfahrung und sehr geile Stimmung“, meinte die 20-Jährige. „Das ist der amtierende Weltmeister – und wir haben gesehen, wir können da mithalten. Das soll uns zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Zudem hatte sich Voss-Tecklenburg solche „Erfahrungen für die Zukunft“ eingefordert: Den bei Eintracht Frankfurt nicht international spielenden Akteuren wie Nüsken und Anyomi, auch erst 21 bzw. 22 Jahre alt, stehe sie diese Fehlertoleranz zu, sagte die 54-Jährige, „sonst haben sie nicht die Chance, in die Aufgaben reinzuwachsen“.

Und wäre ja langweilig, wenn die tatendurstige Cheftrainerin keine Arbeit mehr hätte. Voss-Tecklenburg verbuchte bei der USA-Reise auch die „kleinen Widerstände“ außerhalb des Platzes als Lerneffekt; abgebrochene Trainingseinheiten wegen Hurrikan-Warnung, ein verspäteter Zwischenflug, ein kaputter Bus oder zweimal falscher Feueralarm. Speziell die Topkräfte des VfL Wolfsburg und FC Bayern hätte darauf gerne verzichtet, da bis Weihnachten ein anspruchsvolles Programm mit Highlight-Spielen in den verwaisten deutschen Arenen wartet.

Bei der Nationalelf geht es erst im Februar 2023 mit einem Trainingslager in Spanien und einem Heim-Länderspiel weiter. Spätestens zu den Frühjahrsterminen soll es wegen der WM-Gruppe mit Marokko, Kolumbien und Südkorea unbedingt gegen weitere Gegner von anderen Kaliber gehen. Insgesamt gab sich die bald als Expertin für die Männer-WM in Katar eingebundene Voss-Tecklenburg „sehr optimistisch, was die Entwicklung Richtung WM 2023 angeht“.

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