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Mats Hummels schießt das Eigentor, Kylian Mbappé jubelt.
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Eines von elf Eigentoren, ein EM-Rekord: Mats Hummels (links) überwindet Manuel Neuer, Kylian Mbappé freut’s.

EM 2021

Bilanz der EM 2021: Tor- und lehrreich

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Für die großen Innovationen taugte das Turnier nicht, aber den fußballerischen Anstößen aus der ersten paneuropäischen EM sollte sich speziell der DFB nicht verschließen.

Noch immer vereinen sich bei Deutschland in Bezug auf eine Fußball-Europameisterschaft zahlreiche Rekorde. Dreimal Europameister, sechsmal im Endspiel bleiben eine beachtliche Bilanz, und weiterhin gibt es niemand, der wie Berti Vogts erst als Spieler (1972), dann als Trainer (1996) die Trophäe gewann. Der 74-Jährige gehört zu denjenigen, die sich einige Sorgen um den einstigen Führungsanspruch machen und rät dringend dazu, mal nach England zu reisen, um beispielsweise die positionsspezifische Ausbildung genauer unter die Lupe zu nehmen.

Nun ist es nicht so, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dieses paneuropäische Turnier – EM 2021 – einfach so vorbeistreichen lässt. Die Akademie hat permanent die wichtigsten Entwicklungen herausgefiltert und eingeordnet. So werden gerade die beiden Finalisten gelobt: England habe unter Trainer Gareth Southgate „mit einer stabilen Spielanlage, welche auf einer bemerkenswerten taktischen Flexibilität beruht“, überzeugt. Italien habe den „Kulturwandel“ vom Catenaccio zum Offensivfußball hinbekommen, „mit klaren gruppen- und mannschafstaktischen Abläufen und der individuellen Qualität der einzelnen Spieler.“ Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften Joti Chatzialexiou hält unverhohlen fest: „Andere Nationen sind individuell weiter.“

Europameisterschaft: veränderter Modus und andere Schwerpunkte

DFB-Akademieleiter Tobias Haupt will eine umfassende Analyse in zwei, drei Wochen vorlegen. Erste Trends sind offenkundig: 140 Tore in 50 Spielen, 2,8 pro Spiel – Rekord für eine EM in größerem Format. Der Schnitt lag deutlich über dem der EM 2016 in Frankreich (2,12). „Vor allem auf Grund der besonders langen Saison und der kurzen Pausen für die Spieler ein hoher Wert“, heißt es von Seiten der DFB-Akademie. Dabei hatten selbst viele Turnierfavoriten anfänglich das Augenmerk auf die Defensive gelenkt. Die Dreierkette war so populär wie nie zuvor. Deutschland, die Niederlande, aber im Achtelfinale auch England setzten auf diese Formation.

Letztlich führte das zum „Verteidigen im tiefen Block“, wie es die DFB-Analysten nennen. Die Gruppenphase sah daher oft vorsichtig, ja auch unattraktiv aus: „Während die kleineren Nationen auf Grund ihrer individuellen Unterlegenheit häufig in eine abwartende, defensive Rolle gedrängt wurden, gab es auch bei den Top-Mannschaften wenig hohes Pressing und viel Kompaktheit im Mittelfeld.“ Der Modus beförderte dieses Sicherheitsdenken, wenn 36 Gruppenspiele veranstaltet werden, um nur acht Teams zu eliminieren. Doch die Uefa wird einen Teufel tun und zum spannenderen 16er-Teilnehmerfeld zurückkehren.

EM 2021: Europa wächst zusammen

Die DFB-Auswahl gab im internationalen Vergleich kein gutes Bild ab. „Bei unserer Mannschaft sah alles wie ein irgendwie zusammengewürfelter Mix aus, damit gewisse Spieler auf dem Platz stehen konnten“, kritisierte Ralf Rangnick in der „Süddeutschen Zeitung“. Mit dem Mastermind will der Verband weiter nichts zu tun haben, aber Rangnick hat Recht, wenn er bei der deutschen Mannschaft „nichts stimmiges Ganzes“ erkannte. Ganz anders hingegen vermeintlich kleinere Nationen wie Dänemark, Tschechien, die Schweiz oder Ukraine, die einen Aufstand der Außenseiter inszenierten und die Hälfte der Viertelfinalisten stellten.

Ein klarer Plan, gute Organisation, großer Zusammenhalt, ganz egal, woher der Antrieb kam, zeichneten diese Teams aus. Einige dieser Länder haben ihre Verbandsapparate neu strukturiert, bewusst auch ausländische Experten angestellt, um sich für Anregungen zu öffnen. Dass DFB-Direktor Oliver Bierhoff kategorisch ausschloss, einen Bundestrainer aus dem Ausland anzustellen, mag einerseits verständlich sein, andererseits kann internationaler Input eigentlich nie schaden. Speziell der europäische Fußball wächst unweigerlich immer mehr zusammen. Beim Überraschungshalbfinalisten Dänemark waren nur vier von 26 Nationalspieler noch in der Heimat beschäftigt, sieben aber allein in der englischen Premier League.

Europameisterschaft: Hoher Unterhaltungswert

Für eine fußballerische Revolution oder taktische Innovation fehlt den Nationalteams inzwischen die Vorbereitungszeit, aber letztlich war das Niveau speziell in der K.o.-Runde besser als gedacht, weil ab diesem Zeitpunkt auch die Trainer taktische Fesseln sprengten. Es gab bemerkenswerte Comebacks, spannende Abnutzungskämpfe zeitweise auch den offenen Schlagabtausch. Allein 46 Treffer inklusive Verlängerung von Achtelfinale bis Halbfinale dokumentierten einen hohen Unterhaltungswert. Im Laufe des Turniers führe „die zunehmende Eingespieltheit der Mannschaften zu weiteren Verbesserungen im Defensiv- und Offensivspiel“, so eine Erklärung der DFB-Akademie.

Eine größere Rolle spielte die mentale Komponente, um mit den Restriktionen durch die Corona-Krise und den Reisen fertig zu werden. Vielleicht war es kein Zufall, dass alle vier Halbfinalisten in der Gruppenphase Heimspiele hatten? Ansonsten fiel noch auf: Fast 80 Prozent der Tore entsprangen aus dem zentralen Bereich im Strafraum erzielt. Weitschusstore wurden seltener, Eigentore hingegen wichtiger: Elf Missgeschick dieser Art passierten, zwei mehr als bei allen bisherigen Europameisterschaften zusammen. Dafür waren Standardsituationen längst nicht so bedeutend: In der Vorrunde wurden lediglich 19 Prozent der Tore nach Standardsituationen erzielt; bei der WM 2018 lag dieser Wert auf das gesamte Turnier gesehen bei 44 Prozent. Trotzdem darf der kommende Bundestrainer Hansi Flick hier ruhig auch noch einen Hebel ansetzen, damit Deutschland beim Heimturnier 2024 wieder zu den Trendsettern gehört.

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