+
Diskussionen mit dem Schiedsrichter nach dem Abpfiff.

DFB-Pokal

Elfmeter oder nicht? Der Grenzfall

  • schließen

Von Dieter Pauly zu Daniel Siebert: Im Weserstadion beim Spiel gegen den FC Bayern schreibt sich Pokalgeschichte fort. Ein Kommentar.

Wann immer der Anhang des SV Werder sich krass benachteiligt fühlt, entlädt sich der Unmut in immer demselben Singsang: Mit „Pauly, Pauly“-Rufen erinnern alte und junge Fans an eine aus ihrer Sicht himmelschreiende Ungerechtigkeit von vor 31 Jahren, als die Bremer sich auf dem Weg nach Berlin vom Schiedsrichter Dieter Pauly aus Rheydt verschaukelt fühlten. Die 0:1-Niederlage im DFB-Pokalhalbfinale gegen den späteren Pokalsieger Eintracht Frankfurt fühlte sich an, als habe der hanseatische Hausherr gegen zwölf Mann gespielt. 

Und so wurde der grauhaarige Referee mehr noch als der tüchtige Uli Stein im Eintracht-Tor zum Hauptschuldigen des Ausscheidens auserkoren. Wer die Aufzeichnungen vom 13. April 1988 studiert, der dürfte allerdings enttäuscht werden: Es gibt kein Fernsehbild, das auflöst, ob Frankfurts langhaariger Torschütze Frank Schulz bei seinem Tor wirklich im Abseits stand. Auch die Zeitlupen der vermeintlich nicht gepfiffenen Elfmeter sind wenig erhellend. Fernsehkameras waren teuer und nur in geringer Zahl vor Ort. Das digitale Zeitalter erschien genau wie der Videoschiedsrichter eine Fata Morgana. 

Insofern ist es mehr als drei Jahrzehnte später irgendwie eine beruhigende Erfahrung, dass sich noch immer Szenen ereignen, deren endgültige Aufklärung kaum zu leisten ist. In neun von zehn Fällen, versicherte Werder-Trainer Florian Kohfeldt nach dem unglücklichen Aus gegen den FC Bayern (2:3) voller Überzeugung, würde ein Schiedsrichter beim Einsteigen von Theodor Gebre Selassie keinen Elfmeter geben. Klarer Fall von Strafstoß, sogar zu 100 Prozent, entgegnete hingegen Bayern-Präsident Uli Hoeneß, er habe schließlich mit dem Gefoulten Kingsley Coman gesprochen. 

Kein Fall einer „klaren Fehlentscheidung“

Dass dieser voreingenommen sein könnte, kam dem gerichtsfesten Vereinsoberhaupt zwar nicht in den Sinn, aber die Spannbreite der Meinungen verdeutlichte: Schiedsrichter wie Daniel Siebert, erst 34 Jahre alt, aber immerhin seit zehn Jahren in der Bundesliga, im fünften Jahr für die Fifa im Einsatz, tun einen verdammt schwierigen Job. Und der Videoassistent (VAR) macht ihn nicht immer einfacher. Vermutlich hätte der Referee besser gelegen, erstmal die Szene weiterlaufen zu lassen, dann in Ruhe seinen Helfer Robert Kampka im Kölner Keller zu konsultieren – und dann sich alles in der Review Area selbst anzusehen. Dann hätte der Lehrer aus Berlin erkannt, dass Coman selbst in den Rasen tritt, um zu Boden zu gehen – und der Kontakt am Oberkörper eher nicht für einen Elfmeter reicht. Doch die Berührung war nun einmal existent; und damit lag kein Fall einer „klaren Fehlentscheidung“ vor. 

Umgekehrt hätte der VAR kaum eingegriffen, wenn Siebert gleich auf Weiterspielen entschieden hätte. Insofern muss die Szene als Lehrbeispiel herhalten, dass es Einzelfälle gibt, bei denen die detektivische Wahrheitsfindung an Grenzen stößt. Eher sollte hellhörig machen, wenn der impulsive Fußballlehrer Kohfeldt das belastete Verhältnis zwischen Trainern und Schiedsrichtern damit erklärt, dass auf den Trainerbänken neuerdings die Fernsehbilder fast in Echtzeit abrufbar sind. 

Bei strittigen Szenen wie im Pokal-Klassiker im brodelnden Weserstadion würde unweigerlich ein ganzer Stab an Mitarbeiter gegen den Pfeifenmann aufgebracht. Daher müsse man darüber reden, diese Errungenschaft wieder abzuschaffen – um die Gemüter zu beruhigen. Daniel Siebert dürfte dieser Debattenbeitrag nicht mehr aus der Schusslinie bringen. Womöglich werden jüngere Werder-Fans in Zukunft seinen Nachnamen rufen, wenn sie sich mal wieder verpfiffen fühlen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare