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BVB-Trainer Lucien Favre reagiert mit Furor auf die Elfmeterentscheidung.

Elfmeter nach Handspiel

Handball ohne Absicht

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Wie gut ist eine Fußballregel, deren Auslegung fast allwöchentlich zu hitzigen Experten- und Stammtischdebatten führt? Ein Kommentar.

Wie gut ist eine Fußballregel, deren Auslegung fast allwöchentlich zu hitzigen Experten- und Stammtischdebatten führt? Gut, weil die Nachbetrachtung der umstrittenen Szenen als Treibstoff dient, der das Unterhaltungsbusiness auch nach Spielschluss weiter antreibt? Oder schlecht, weil niemand die Regel so recht kapiert?

Nehmen wir das Handspiel von Dortmund, das mehr als sechs Millionen Menschen live im Fernsehen betrachtet haben und das somit einen entsprechenden Erregungszustand erreichte, dem der Dortmunder Trainer Lucien Favre keinesfalls nachstehen wollte. BVB-Verteidiger Julian Weigl will in der betreffenden Szene, die den Dortmundern vielleicht den Titel kostete, alles, aber ganz sicher will er den Ball nicht mit dem Arm blocken. Er tut es aber unabsichtlich, weil eben dieser Arm zur Wahrung seines Gleichgewichts im Zweikampf etwa auf Schulterhöhe ausgestreckt ist.

Zur Ästhetik des Spiels gehören Zweikämpfe, die nicht mit hinter dem Rücken verkeilten Händen verrichtet werden. Weigl hat weder dumm noch fahrlässig gehandelt, aber seine Mannschaft ist dennoch bestraft worden. Das kann nicht Sinn des Sports sein. Deshalb sind die Debatten berechtigt. Der Furor, mit dem Favre reagiert hat, erklärt sich auch mit der besonderen emotionalen Situation des Derbys und der bis Sonntagabend noch gefühlten, seitdem aber ja in Wahrheit gar nicht mal so ausweglosen Situation im Titelzwist mit den Bayern.

Marco Reus und Marius Wolf haben größere Fehler begangen

Tatsächlich springen Favre und Sportchef Michael Zorc aber zu kurz, wenn sie sich mit brachialer Vehemenz vor allem am Schiedsrichter abarbeiten. Fußballfachlich haben die beiden Dortmunder Spieler Marco Reus und Marius Wolf ungleich größere Fehler begangen, als dem Referee Felix Zwayer von BVB-Seite unterstellt wird, indem sie dem Schalker Suat Serdar in zwei separaten Szenen mit gestrecktem Bein von hinten in die Ferse fuhren. Die Roten Karten für diese groben Ungeschicklichkeiten zu einem Zeitpunkt, als noch nichts entschieden war, wurden fairerweise auch von Dortmunder Seite als gerechtfertigt interpretiert.

Immerhin wird im Endspurt nicht nur intensiv über Schiedsrichterentscheidungen diskutiert, sondern auch noch über spannenden Sport an der Tabellenspitze. Dort, wo sich an ein Verein findet, dessen Chefcoach nach Ansicht des Vorgesetzten Karl-Heinz Rummenigge allenfalls mühsam den Anforderungen eines nationalen Branchenführers mit internationalen Ambitionen gerecht wird.

Borussia Dortmund und Favre haben in dieser Spielzeit lange viel gut gemacht, zum Ende hin aber sowohl in der Champions League gegen Tottenham Hotspur als auch national noch nicht reif für mehr gewirkt. Sonst wäre der Handelfmeter vom Samstag nur eine unwesentliche Störung im Betriebsablauf gewesen, statt zum Ausfall aller Systeme zu führen. Aber die Meisterschaft ist noch nicht weg.

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