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Fit aus dem Elbgym

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Technisch stark: Jonathan Tah.
Technisch stark: Jonathan Tah. © dpa

Jonathan Tah ist schnell, cool und technisch stark. Der Leverkusener hat bereits mit 17 Jahren sein Bundesligadebüt als jüngster HSV-Profi gefeiert.

Von Jan Christian Müller

In sehr seltenen Fällen kann eine ausgewachsene Lebensmittelvergiftung sogar von Vorteil sein. Zum Beispiel im Fall von Jonathan Tah. Der Deutsch-Ivorer hätte derzeit wahrscheinlich irgendwo im Sand gelegen, hätte ihn nicht ein weher Bauch für die letzten drei Saisonspiele mit Bayer Leverkusen zum Nichtstun verdammt. Um im Angesicht der Olympischen Spiele Anfang August in Brasilien nicht schlapp zu machen, hat sich der ehrgeizige junge Bursche, seit ein paar Monaten erst 20 Jahre alt, seit drei Wochen schon im Elbgym im noblen Hamburger Stadtteil Eppendorf auf Vordermann gebracht.

„Ich habe hier einen Personaltrainer“, berichtete der stämmige Stopper dieser Tage dem „Hamburger Abendblatt“, „der hält mich auf dem Stand, den ich brauche.“ Eine gute Idee: Denn am späten Dienstagabend erreichte den Deutsch-Ivorer der Anruf von Bundestrainer Joachim Löw mit der Aufforderung: Sofort Sachen packen und dann ab nach Évian an den Genfer See. Löw hatte davon gehört, dass der Leverkusener Profi, der eine klasse Saison für Bayer 04 gespielt hatte, gut beieinander sein soll. Löw hat sowieso nur die beste Meinung von dem athletischen und technisch beschlagenen Kerl mit dem Raketenantritt, der auch in Drucksituationen erstaunlich cool bleiben kann.

Ein bisschen schüchtern

Aber noch nicht immer. Am Ostersamstag gegen England hatte der Bundestrainer dem eher schüchtern daherkommenden Tah zum Debüt verholfen, zumindest die zweite Halbzeit, aber da wurde Deutschland von den Insulanern kräftig vermöbelt und verlor nach 2:0 noch 2:3, und so schaffte der talentierte Tah den Sprung in den vorläufigen EM-Kader an die Seite seines großen Vorbilds Jérôme Boateng dann doch nicht.

Schon mit 17 Jahren hatte Tah beim Hamburger SV unter dem niederländischen Trainer Bert van Marwijk als jüngster HSV-Profi in der Dino-Geschichte regelmäßig in der Bundesliga mitspielen dürfen und gehörte dabei noch zu den Zuverlässigsten in einem unsteten Team. Als dann Mirko Slomka den Abstiegskampf managen sollte, setzte dieser lieber auf Routine. Tah war raus, der HSV verlieh den ungeschliffenen Diamanten in die zweite Liga an Fortuna Düsseldorf. Dort spielte er wahrlich selten spektakulär, aber weil Bayer Leverkusen ein besonderes Gespür für die Perspektiven von jungen Leuten hat, weil der HSV das nicht hat und zudem Geld brauchte, ging es dann ganz schnell: Neun Millionen haben die Rheinländer für den gebürtigen Hamburger Jung investiert, viel Geld für einen aus der zweiten Liga. Aber wenig für Tah, den Bayer weitsichtig mit einem Fünfjahresvertrag ausstattete. Mittlerweile ist er im geradezu explodierenden Transfermarkt gut und gerne das Doppelte wert.

Der Sohn eines Vaters von der Elfenbeinküste, der in Paris lebt, und einer deutschen Mutter ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Er spielte zunächst für die Traditionsvereine Altona 93 und Concordia, ehe sogar der HSV auf ihn aufmerksam wurde und den Hochbegabten in sein Talentprogramm aufnahm. Später gab es einige Schlagzeilen, vor allem in den örtlichen Medien, denen Vertragsinhalte mitsamt Gehalt und Prämien übermittelt worden waren. Keine leichte Zeit für einen Teenager, dessen Vater davon träumte, den Sohn geschwind zu Manchester United zu transferieren. „Aber das hat mich nicht umgehauen“, sagt der Sohn, inzwischen seriös von Christian Nerlinger vertreten, rückblickend. Dem ist sicher nicht zu widersprechen, sonst wäre er jetzt nicht bei Jogi Löw.

Ein wenig traurig ist die so nicht geplante Entwicklung der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch für Horst Hrubesch. Der Trainer der deutschen Olympiamannschaft hält große Stücke auf Tah, der vom DFB als bester Akteur seines Jahrgangs die Fritz-Walter-Medaille in Gold überreicht bekam. Hrubesch muss für Olympia nun umplanen, die A-Mannschaft geht natürlich vor. Jonathan Tah hatte nach seinen ersten Erfahrungen im Kreis der Besten nur gestaunt: „Hier ist alles viel größer.“ Joachim Löw ist zuversichtlich, dass der Neue daran mitwachsen wird.

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