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Der DFB ist bei den Fans weiter nicht gerade wohlgelitten – Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp auch nicht.

Fußball

Fan-Eskalation: Ganz dünnes Eis

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Die Pokalspiele am Dienstag und Mittwoch in Gelsenkirchen und Frankfurt stellen den Kulturkampf zwischen Fans und Verbänden auf eine neuerliche Probe.

  • Konzertierte Fan-Aktion gegen Dietmar Hopp in mehreren Stadien
  • Bayern-Fans stehen am Pranger
  • Konfrontation zwischen Fans und Vereinen/Verband dürfte weiter eskalieren

Bang blickt das Fußballland auf die Viertelfinals des DFB-Pokal in dieser Woche, vor allem auf die Begegnungen des FC Schalke 04 am Dienstagabend gegen den FC Bayern (20.45 Uhr) und jene von Eintracht Frankfurt 24 Stunden später gegen Werder Bremen. Szenekenner gehen davon aus, dass die Ereignisse des Wochenendes mit den Schmähplakaten gegen den DFB und den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp in den Ultrablöcken nicht unerwähnt bleiben werden. Die Fanszene von Eintracht Frankfurt berät sich nach FR-Informationen intensiv, wie sie auf die Entwicklungen reagiert. Einig ist man sich, dass es eine sichtbare Reaktion geben wird, die vermutlich die Messlatte einer Schmähkritik deutlich unterlaufen wird, um die Austragung des Spiels nicht zu gefährden. Aber dann sind da ja auch noch die Fans von Werder Bremen, zudem am Dienstag die von Schalke 04 und der Bayern.

Die Frage, die sich anschließt: Wird es zu Aktionen, Plakaten oder verbalen Bekundungen kommen, die als Beleidigungen aufgefasst werden? Denn Schalke 04 hat unmissverständlich angekündigt, auf diffamierende Plakate und Sprechchöre unmittelbar zu reagieren: Die Mannschaft werde „den Platz verlassen – ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen“. Das hieße dann: Die Schalker würden die Drei-Stufen-Regelung der Fifa (zweimalige Unterbrechung vor dem Abbruch) ignorieren und somit Gefahr laufen, das Pokalspiel gegen die Bayern am Grünen Tisch zu verlieren. Zugespitzt formuliert, könnten Bayern-Fans bei einer Schalker Führung kurz vor Schluss Hassplakate zeigen, die Schalker Profis brächen das Pokalspiel umgehend (und entgegen der Weisungen des ans Fifa-Reglement gebundenen Schiedsrichters) ab – und der FC Bayern zöge dadurch ins Halbfinale ein. Das ist sehr dünnes Eis.

Kulturkampf zwischen Fans und Verband ziemlich verfahren

Der Kulturkampf zwischen Fußballverbänden, Vereinen und Ultragruppierungen würde so durch gezielte Provokationen komplett aus den Fugen geraten, zudem stellt die Bewertung, wann eine Provokation von den Rängen schon eine Beleidigung darstellt und wann sie noch als übliches Scharmützel zu tolerieren ist, eine ganz neue, zusätzliche Herausforderung an die ohnehin hochbelasteten Schiedsrichter dar.

Die Organisation ProFans hat die Situation laut dpa als „ziemlich verfahren“ beurteilt und geht davon aus, „dass es weiter eskaliert“. Es gäbe „derzeit keinerlei Anzeichen, dass es sich befriedet“. Die Fan-Interessensvertretung fordert die Verbände auf, „auf die Fans zuzugehen“. Aus der Arbeitsgemeinschaft Fankulturen, in der Vertreter des DFB, der DFL und verschiedenen Fanorganisationen sich viermal im Jahr treffen, ist ProFans bereits 2015 ausgetreten. 2018 beendeten weitere Fanszenen Deutschlands die Teilnahme an der AG Fankulturen – zum ausdrücklichen Bedauern von DFB und DFL.

Während Eintracht Frankfurt auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau nicht reagierte, sich in dieser bedeutenden Thematik zu positionieren, sondern beharrlich schwieg, meldete sich am Montagabend Pokalgegner Werder Bremen in Person von Präsident Hubertus Hess-Grunewald sehr klug zu Wort: „Wir appellieren nach den Vorkommnissen an alle beteiligten Interessengruppen, die Ereignisse differenziert zu betrachten und von Pauschalisierungen in jede Richtung abzusehen. Zudem würden wir uns wünschen, dass mit gleicher Deutlichkeit wie am vergangenen Wochenende auch rassistische, sexistische, homophobe oder antisemitische Verfehlungen abgelehnt werden.“ Gleichwohl hätten „massive Beleidigungen gegen Einzelpersonen“ weder etwas in unserer Gesellschaft noch in unseren Stadien zu suchen. Werder rief die Konfliktparteien zu Gesprächen auf: „Nur durch einen gemeinsamen Diskurs kann der Versuch unternommen werden, Lösungen zu erarbeiten.“

Nach dem gründlich missglückten Auftritt des DFB-Präsidenten Fritz Keller am Samstagabend im ZDF-Sportstudio hat der DFB zur Klarstellung ein Interview mit dem Verbandschef auf seine Homepage gestellt. Darin übt Keller erstmals auch Selbstkritik daran, dass bei rassistischen Beleidigungen gegen Spieler die „Möglichkeit der Reaktion vorher nicht konsequent genutzt“ wurde, fügt aber auch an: „Das heißt nicht, dass wir vorher weggeschaut hätten.“ Der Verband sei „harte Kritik gewohnt“ und könne damit umgehen. „Wenn aber ein einzelner Mensch angegriffen wird, der unter diesen Anfeindungen sichtbar leidet, dann muss man sich schützend vor ihn stellen. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein in unserer Gesellschaft.“

Auseinandersetzung zwischen BVB-Fans und Hopp ein besonders schwerer Fall

Am Montag wollten sich auf Anfrage der Frankfurter Rundschau weder die für die Organisation der Bundesligaspiele zuständige Deutsche Fußball-Liga (DFL) noch der für die Sportgerichtsbarkeit verantwortliche DFB weiter äußern. Der DFB will die Entwicklung am Dienstag noch einmal dezidiert aus seiner Sicht beschreiben. So viel ließ der Verband aber bereits durchblicken: Zuschauerausschlüsse seien „immer nur das letzte Mittel“. Mit regelmäßigen sogenannten Kollektivstrafen (die 2017 abgeschafft worden waren) sei somit nicht zu rechnen. In der Angelegenheit der BVB-Fans und Hoffenheim/Hopp habe es sich indes um einen besonders schweren Fall gehandelt, weil der Mäzen seit zwölf Jahren immer wieder aus dem Block beleidigt, sein Konterfei in einem Fadenkreuz gezeigt und auch die Bewährungsstrafe im vergangenen Herbst schlicht ignoriert worden sei.

In Gesprächsvorschlägen, wie sie der Leiter der deutschen Fanprojekte Michael Gabriel in der Frankfurter Rundschau vorschlug, sieht Hoffenheims Mehrheitsgesellschafter Dietmar Hopp zumindest für sich persönlich keinen Lösungsansatz mehr: „Ich sehe keinen Sinn darin, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, denen ich noch nie etwas getan habe, die mich seit Jahren grundlos massiv beleidigen und gar keinen Konsens wollen.“

Hopps Anwalt Christoph Schickhardt, der neben der TSG Hoffenheim unter anderem auch RB Leipzig begleitet, forderte unterdessen im SWR die DFL zum Handeln auf: „Das ist jetzt der Wendepunkt, die Fans haben die Machtfrage gestellt. Jetzt muss die Liga hinstehen und Flagge zeigen. Die DFL muss vorangehen, die geistige Führung übernehmen.“ Genau diese geistige Führung glaubten DFL und DFB in der von einer Headhunter-Agentur unterstützten Suche nach einem neuen DFB-Präsidenten im vergangenen Sommer aber doch gerade gefunden zu haben.

mit dpa/sid

Die Bundesliga greift bei den Beleidigungen gegen Milliardär und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp durch wie in keinem anderen Fall. Man kann das seltsam finden. Der Kommentar.

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