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Wumms, der saß: Ingo Anderbrügge erzielt das 1:0 gegen Borussia Dortmund, Steffen Freund fliegt zu spät heran.

Revierderby

"Einmal Derbyheld, immer Derbyheld"

Der Ex-Dortmunder-Schalker Ingo Anderbrügge spricht im Interview über die Brisanz eines ewigen Duells.

Ingo Anderbrügge (54) spielte 292 Mal in der ersten (53 Tore) und 100 Mal in der zweiten Bundesliga (36). Bis 1988 war er beim BVB, dann bis 2000 beim FC Schalke 04. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und eine Tochter und lebt in Recklinghausen.

Anderbrügge ist seit 21 Jahren Inhaber der Fußballfabrik Deutschland GmbH und engagiert sich mit der Aktion Teamgeist e.V. und seiner Benefizmannschaft, den Ruhrpotthelden, für benachteiligte Kinder und soziale Projekte.

Nein, es ist kein Zufall. Die Handynummer von Ingo Anderbrügge endet auf 04, das hat er sich vor 30 Jahren genau so ausgesucht. Er trage den Fußball-Bundesligisten Schalke 04 eben „tief im Herzen“, sagt der 54-Jährige. Vor seinen zwölf Jahren in Gelsenkirchen spielte der Mann mit der linken Klebe für den Erzrivalen Borussia Dortmund – und damit ist er vor dem Revierderby am Samstag (15.30 Uhr) auf Schalke der perfekte Experte. 

Schalke gegen Dortmund, das große Duell der beiden Klubs, für die Sie als Profi gespielt haben. Wo werden Sie das Derby erleben?
Ich bin nach langer Zeit bei diesem Spiel mal nicht im Stadion. Schon seit Monaten habe ich Karten für die Weihnachtsshow von Helene Fischer, die am Samstag in Düsseldorf aufgezeichnet wird. 

Sie sind einer der wenigen, die direkt zum Erzrivalen im Ruhrpott wechselten. Wie deutlich haben Sie das von den Fans beider Vereine zu spüren bekommen?
Es war ziemlich entspannt. Als ich 1988 zu Schalke kam, war der Klub gerade abgestiegen und nicht auf Augenhöhe mit dem BVB. Ich war nie ein Spieler, der polarisiert hat, habe mich nie vor die Kurve gestellt und gesagt: „Die anderen sind doof.“ Ich bin ein Junge aus dem Pott und kann mich hier überall sehen lassen.

Es gab oder gibt keinerlei Schmähungen?
Wenn mal ein Schalker kommt und fragt: „Wie konntest du das mit Dortmund machen?“, dann sage ich: „Ob du es glaubst oder nicht: Es war eine schöne Zeit.“ Beim BVB habe ich in der Jugend und bei den Amateuren gespielt, dann meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Und fragen Sie mal meinen Vater, der in den 70er-Jahren mit mir Gladbach-Fan war, wie er es findet, dass sein Sohn für beide großen Ruhrpott-Vereine gespielt hat.

Was sagt er dann?
Er ist sehr stolz.

Mittlerweile sind Sie Schalker durch und durch, sogar Ihre Handynummer endet auf 04. Absicht oder Zufall?
Absicht. 1988 waren Handys noch recht neu, wir haben auf Schalke welche bekommen. Damals konnte man sich noch mehr aussuchen und Wunschnummern kreieren. Wenn du dann bei Schalke spielst und die Chance auf so eine Nummer hast, machst du das. Das war eine tolle Geschichte – die Nummer habe ich immer noch. Ich trage Schalke eben tief im Herzen.

16 Pflichtspiele mit Schalke gegen Dortmund, sieben mit Dortmund gegen Schalke: Welcher war Ihr schönster Derby-Moment?
Für mich persönlich war das Highlight sicher das erste der zwei Derbys 1997, das ich mit meinem 1:0 entschieden habe. Das war ein typisches Anderbrügge-Tor – mit viel Wucht. Fans sprechen mich noch heute ein- bis zweimal im Jahr auf dieses Tor an. Einmal Derbyheld, immer Derbyheld.

In der selben Saison gab es im Rückspiel am 19. Dezember 1997 ein legendäres 2:2. Torwart Jens Lehmann, schon ab der 80. Minute bei jedem Standard mit vorne, köpfte in der Nachspielzeit den Ausgleich für Schalke. Es war das erste Bundesliga-Tor eines Torwarts aus dem Spiel heraus.
Ja, der Wahnsinn – und dann auch noch genau auf der Seite der Schalke-Fans. Ich stand am Sechzehner und habe auf einen Abpraller gelauert. Total überraschend kam das Tor aber nicht. Wenn im Training Handball gespielt wurde und Kopfballtore doppelt oder dreifach zählten, war Jens immer gut dabei. Er hat sich wie ein Büffel reingeworfen. Es war klar, dass er in einer solchen Situation mit nach vorne kommt und gefährlich ist.

Sie kennen beide Rivalen bestens. Was wird es für ein Derby?
Solche Spiele sind immer brisant, das ist klar. Egal, auf welchem Tabellenplatz die Klubs stehen. Jeder kann gewinnen – der Sieger nimmt über Weihnachten und die Winterzeit eine schöne Stimmung mit.

Vergangene Saison Vizemeister, aktuell nur Zwölfter. Was macht Schalke falsch?
Die Begeisterung ist genauso da wie im Vorjahr, das kann man sagen. Es liegt an Feinheiten. Sie sind noch nicht so konstant, haben die perfekte Formation bisher nicht gefunden. Zudem war die Abwehr vergangene Saison total eingespielt – und Naldo als Chef im vierten Frühling. Schalke steht zwar inzwischen wieder gut, es ist aber schon noch ein Unterschied.

Was ist für Schalke in dieser Saison noch drin?
Einen Platz im Europapokal halte ich nach wie vor für realistisch, wenn jetzt der Anschluss gelingt.

Dortmund marschiert dagegen unbeirrt vorneweg. Wie sehr begeistert Sie der BVB?
Ich habe gedacht, sie brauchen ein Jahr für den Umbruch. Doch es ging viel schneller. Sie spielen tollen und schnellen Fußball, haben junge und hungrige Spieler wie Jadon Sancho oder Christian Pulisic. Das ist ein sehr starker Kader – und es passt bestens zwischen Trainer Lucien Favre und der Mannschaft. Mit Paco Alcacer haben sie wieder einen Stürmer aus dem Hut gezaubert, der sofort trifft.

Auch, wenn man im Derby ja nur verlieren kann: Hat Schalke dieses Mal weniger zu verlieren aufgrund der aktuellen Lage?
Es hält sich die Waage. Aber es würde doch eher die Superstimmung in Dortmund Richtung Weihnachten trüben, wenn die Verfolger Gladbach, Leipzig und Bayern durch einen Schalker Sieg näher rücken. Nach so einer Hinrunde auf Schalke zu verlieren – dann hängen da vielleicht zwei schwarz-gelbe Kugeln weniger am Weihnachtsbaum. Die Favoritenrolle liegt klar beim BVB. 

Interview: Malte Rehnert und Marcel Guboff

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