Der große Verlierer: Julian Brandt.
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Der große Verlierer: Julian Brandt.

DFB-Team

Einige Volltreffer und ein Warnschuss

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Beim Testlauf der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Tschechien sammelt Bundestrainer Joachim Löw mehr Erkenntnisse als gedacht.

Die Protagonisten eines mal wieder ziemlich steril wirkenden Länderspiels hatten an diesem Novemberabend die Spielfläche in der Leipziger Arena kaum verlassen, da machten sich gewissenhafte Greenkeeper bereits an die Reparaturarbeiten. Bald schoben sie ein halbes Dutzend handbetriebene Rasenmäher mit mächtigem Gebrumme über den Untergrund, der drei Tage nach dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Tschechien (1:0) erneut von trittfesten Stollenschuhen zweier Auswahlteams beackert wird. Denn auch das Nations-League-Heimspiel der DFB-Auswahl gegen die Ukraine (Samstag 20.45 Uhr/ZDF) findet am Leipziger Sportforum statt.

Bundestrainer Joachim Löw kündigte dafür in der digitalen Befragung von den lärmumtosten Tribünen seine Bestbesetzung an. Dass eine Azubi-Auswahl im Vorlauf einen Durchgang ordentlich, den anderen eher unorganisiert auftrat, beurteilte der 60-Jährige milde: Es gab Lob für jeden, „was Einsatz, Motivation und Laufbereitschaft betrifft. Wir werden in dieser Konstellation wohl nie wieder zusammen spielen.“ Denn bis zur Nominierung für die Europameisterschaft 2021, wo auch immer dieses Turnier in der Pandemie letztlich stattfindet, sind die Einspielmöglichkeiten jetzt an den Fingern einer Hand abzuzählen. Ab sofort gilt ein Teststopp für das DFB-Team.

Kapitän Manuel Neuer und Kollegen tauchten am Donnerstag ja nicht aus Jux und Dollerei in die vom DFB errichtete Blase ein, sondern wollen mit aktivem Zutun ein Endspiel um den Gruppensieg in Sevilla gegen Spanien (Dienstag 20.45 Uhr/ARD) erwirken. Dann könnte es sogar noch die Teilnahme am zumindest finanziell reizvollen Final-Four-Turnier der Nations League gehen. Dabei sollen die Immer-Gewinner vom FC Bayern der deutschen Mannschaft helfen. Löw bat ausdrücklich auch Verteidiger Niklas Süle nach mehreren negativen Corona-Tests in die Messestadt, denn ihn haben die Gespräche mit dem Spieler und seinem ehemaligen Assistenten Hansi Flick überzeugt. „Niklas hatte überhaupt keine Symptome. Ich habe entschieden, dass er dazukommt.“

Hingegen gehören der schwerer verletzte Jonas Hofmann (Muskelbündelriss), Robin Gosens (Wadenprobleme), Nico Schulz und der wieder zum entscheidenden Spiel der U21 geschickte Ridle Baku zu denjenigen, die den Kader wieder reduzieren.

Die einen kommen, die anderen gehen – so ist das in zunehmend unübersichtlichen Corona-Zeiten, in denen auch für den Bundestrainer „jeden Tag, jede Woche neue Unwägbarkeiten“ auftauchen. Insofern freut man sich über jedes kleine Erfolgserlebnis. In der deutschen Kabine hätten die Spieler am Mittwochabend jedenfalls „durchgeatmet“. Endlich mal kein später Gegentreffer.

Die Gesamtbilanz, darauf legte der im Herbst teils massiv kritisierte Löw großen Wert, sei doch gar nicht so schlecht. EM-Qualifikation, Nations League und Testspiele eingerechnet steht die DFB-Elf in 16 Spielen seit dem vergangenen Jahr bei neun Siegen, sechs Unentschieden und einer einzigen Niederlage – Anfang September 2019 gegen die Niederlande (2:4). Er habe überdies „nie gesagt, dass Ergebnisse überhaupt keine Rolle spielen“. Im Gegenteil: „Jedes Spiel, das man gewinnt, gibt ein gutes Gefühl.“

Letztlich nahm der Südbadener mehr Erkenntnisse mit als erwartet: Florian Neuhaus überzeugte als abgeklärter Gestalter des bei RTL nur noch von 5,42 Millionen Fernsehzuschauern verfolgten Geisterspiels und verdiente sich das Vertrauen gegen die Ukraine, wenn die zentrale Achse durch den verletzten Joshua Kimmich und den gesperrten Toni Kroos wegbricht. „Flo besitzt eine hohe Spielintelligenz. Er ist ballsicher und findet gute Lösungen“, lobte Joachim Löw. Ähnliche Komplimente heimste auch Robin Koch („Klar und solide“) ein, der als Organisationstalent einer verbesserten Dreierkette punktete. Dem ehemaligen Freiburger hat der Wechsel zu Leeds United offenbar ebenso gutgetan wie dem Ex-Vereinskollegen Luca Waldschmidt, der seinen guten Lauf bei Benfica Lissabon in die Nationalelf mit dem Siegtor (13.) übertrug (siehe Seite 21). „Er hat noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht“, befand der Bundestrainer, der den Debütanten Baku und Philipp Max auf den Außenbahnen gute Ansätze bescheinigte: „Beide haben mit ihren dynamischen Läufen Räume überbrückt. Beide haben die Linie beackert und sind mutig ins Spiel gegangen.“

Einer bekam jedoch auch einen Tadel zu hören: Julian Brandt ist bei aller Begabung schlicht zu wankelmütig, so dass selbst der oft nachsichtige Ästhet Löw darüber nicht länger hinwegsehen kann. „Julian hat so viel Können, so viel Tempo. An der Konstanz muss er arbeiten. Er ist ein bisschen schwankend in den Leistungen.“ Wer 34 Länderspiele und eine WM erlebt hat, ist längst kein Lehrling mehr. Oft genug ist von Verbandsseite das Potenzial des merkwürdig unsteten Offensivallrounders von Borussia Dortmund gelobt worden, dann können sich Genie und Wahnsinn nicht mehr beliebig abwechseln. Dieser nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im persönlichen Gespräch hinterlegte Hinweis soll der letzte Warnschuss für den gebürtigen Bremer sein, endlich die „nächste Hürde“ zu überspringen – sonst wird es nichts mit einer EM-Nominierung für den 24-Jährigen, der es weder im Verein noch in der Nationalmannschaft schafft, sein Potenzial konstant abzurufen – und letztlich als der größte Verlierer den penibel gepflegten Rasen von Leipzig verließ.

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