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Eingeklemmt zwischen Politik und Sport

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Von: Jan Christian Müller

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Zumindest auf dem Trainingsplatz haben sie ihre Ruhe vor den lästigen Fragen zu Binden und der Fifa: Kapitän Manuel Neuer und Trainer Hansi Flick (rechts).
Zumindest auf dem Trainingsplatz haben sie ihre Ruhe vor den lästigen Fragen zu Binden und der Fifa: Kapitän Manuel Neuer und Trainer Hansi Flick (rechts). © dpa

Nach dem Einknicken im „One-Love-Binden-Eklat“ sieht der DFB die Unterstützung in der Heimat schwinden.

Im Medienzentrum der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar könnte problemlos auch die Weltklimakonferenz oder der G-20- Gipfel veranstaltet werden. Das Qatar National Convention Center (QNCC) in Al Rayyan vor den Toren der Hauptstadt Doha sieht aus wie auf Elefantenfüßen errichtet. Das Monstrum aus Stahl und Glas umfasst in neun Hallen 40 000 Quadratmeter. In einem dieser voluminösen Räume des Baus hockt 22 Stunden vor dem Anpfiff des deutschen WM-Auftakts gegen Japan (Mittwoch, 14 Uhr, ARD) der Bundestrainer.

Der erste Auftritt des Heidelbergers Hansi Flick bei dieser WM ist kompliziert. Denn nie zuvor ist sein Arbeitgeber, der Deutsche Fußball-Bund, und mithin auch seine Mannschaft so sehr in eine Sandwichsituation zwischen Sport und Politik geraten wie in diesen ersten Tagen einer Veranstaltung, mit der in der Heimat viele schon abgeschlossen haben, ehe sie überhaupt richtig begonnen hat.

Es war also wenig überraschend, dass Flick und bald darauf auch Mittelfeldspieler Joshua Kimmich in dem einem großen Kinosaal gleichenden Konferenzraum wahre Kaskaden an Fragen nach der „One Love“-Binde zu beantworten hatten. Flick erklärte, eine Gelbe Karte gegen Kapitän Manuel Neuer wäre „überhaupt kein Problem gewesen“. Dann hätte im nächsten Spiel halt Joshua Kimmich die Binde getragen und dann Thomas Müller. Aber die Fifa habe sich den Sanktionskatalog leider offen gelassen, die Strafen seien also unberechenbar. Zum Selbstschutz folge er dem Rat von Vorgänger Joachim Löw und ignoriere Medienberichte, so gut es geht. Kimmich äußerte, eine WM sei für ihn „ein Kindheitstraum“, ihn beschleiche allerdings das Gefühl, „es wird einem eingeredet, dass man sich nicht freuen kann“. Das gefällt dem Mittelfeldspieler nicht: „Ich möchte mich schon freuen dürfen auf das größte Turnier, das ein Spieler erleben kann. Wir alle brennen auf die WM und können nichts dafür, wo sie stattfindet.“

Die Kommentare aus Deutschland allerdings lassen sich problemlos übereinanderlegen, nachdem der DFB darauf verzichtet hat, in der Frage der „One-Love“-Kapitänsbinde der Fifa die Stirn zu bieten: „Bankrotterklärung“, „Vertane Chance gegen die Fifa-Diktatur“, „Ein Hoch auf die Feigheit“, „Präsident mit der Standfestigkeit eines Wackelpuddings“ – es sind Botschaften, die zwischen Zorn und Enttäuschung changieren. Und es sind Beiträge, die auch am gefühlten Ende der Welt angekommen sind. Dort, im Zulal Wellness Resort, an Katars Nordspitze in die Wüstenpampa gebastelt, gibt es nicht nur leckeres Essen, eine Poollandschaft, die ihresgleichen sucht, sondern auch sehr stabiles Wlan. Spieler und Staff mögen noch so gut vor der Außenwelt abgeschirmt sein – sie haben dennoch in Erfahrung gebracht, dass justamente ein Shitstorm über sie herniederprasselt. Sie stehen am Pranger. Der Rückhalt aus der Heimat: perdu!

Geht der DFB vor den CAS?

Da nützt es wohl auch wenig, dass der DFB einen „Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz“ für das Tragen der Binde beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) einreichen könnte. „Der DFB prüft, ob das Vorgehen der Fifa rechtmäßig war“, so Mediendirektor Steffen Simon. Wenn das klappen sollte, könnte Neuer ab dem zweiten Gruppenspiel gegen Spanien am Sonntag (20 Uhr) die Binde tragen.

Der Verband hat gleichwohl in der Wahrnehmung von Öffentlichkeit und Medien all das mit dem Hintern wieder umgestoßen, was er sich nach der Wahl von Bernd Neuendorf zum Präsidenten im März in mühseliger Handarbeit an Glaubwürdigkeit aufgebaut hatte. Wie eng Sport und Sportpolitik miteinander verwoben sind, war am Montagnachmittag an der Eckfahne des burgähnlichen Trainingsstadions des Al Shamal Sports Clubs zu erleben: Es sah verdächtig nach einem Trauermarsch aus, als Neuendorf mit Oliver Bierhoff und einer ansehnlichen Entourage des Presse-, Organisations- und Sicherheitscorps von einer Eckfahne zur anderen schritt, um zu erklären, wie sie in der Binden-Frage von der Fifa am Nasenring durch die Manege geführt worden waren. Nach 15 Minuten der drängenden Fragen musste Medienchef Simon abbrechen. „Liebe Kolleginnen und Kollegen, Training beginnt.“

Besonders Bierhoff, die Hände tief in den Hosentaschen, war der Verdruss anzumerken. Denn der Manager, seit 18 Jahren im Amt, weiß um die Verletzlichkeit eines Nationalmannschaftsgebildes. Er hat das vor vier Jahren erlebt. Da war er machtlos, als der „Fall Özil“ zur Staatsaffäre wurde. Bierhoff, ein sensibler Seismograph der Stimmung, sah damals unglücklich aus und sieht jetzt auch wieder unglücklich aus.

Sané fällt verletzt aus

Der 54-Jährige stöhnt: „Es ist echt ärgerlich. Da kommt am Spieltag ganz bewusst gesetzt so eine Entscheidung der Fifa.“ Die Spieler werden abgelenkt vom Eigentlichen. Oliver Bierhoff hasst derlei Störfeuer. Am vergangenen Samstag hatte er noch recht entspannt gewirkt und gesagt: „Jetzt muss der Tunnelblick folgen auf das erste Spiel.“ Doch der Tunnel ist dann von der Fifa eingestürzt worden, der Staub wird auch bis zum Anpfiff gegen Japan nicht verflogen sein, bei der Leroy Sané am Knie verletzt fehlt. Hansi Flick versucht, das Wesentliche im Blick zu behalten. Im Training spornt er die Spieler selbst bei einfachsten Passübungen an, er verschiebt Stangen für Trainingsübungen auf dem gepflegten Grün um Zentimeter.

Flick strahlt eine gesunde Mischung aus Lockerheit und Autorität aus. Sein Thema ist der Fußball, nicht die Politik. Zum WM-Gastgeber hat der Bundestrainer sich vor zwei Monaten pflichtgemäß, wiewohl doch auch deutlich geäußert. Die Frage nach der Richtigkeit des WM-Zuschlags für Katar „hätte schon viel früher beantwortet werden müssen – und zwar mit einem Nein!“

In diesen Tagen der Undemokratisierung des Fußballs weiß er zumindest, dass die verbliebenen Bayern-Spieler ganz gut im Saft stehen und sein dritter Assistent Hermann Gerland (68), Spitzname „Tiger“, sich gut einfügt: „Der Tiger“, berichtet Kapitän Manuel Neuer, „hat einen direkten Draht zu den Spielern. Er kommt an jeden Tisch und bringt positive Stimmung rein“. Wenn nur zum Nachtisch nicht eine böse Schlange namens Fifa unter die Stühle kriechen würde.

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