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Wie bei einer Mini-WM

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Von: Frank Hellmann

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Kraftstrotzend: David Alaba (l.) vom FC Bayern und Marko Arnautovic von West Ham United.
Kraftstrotzend: David Alaba (l.) vom FC Bayern und Marko Arnautovic von West Ham United. © rtr

Österreich nutzt den Vorlauf fürs Turnier in Russland. Marko Arnautovic steht mal wieder im Fokus.

Das muss eine Fußballnation, die in der Fifa-Weltrangliste gerade auf Platz 26 geführt wird und an der bevorstehenden Weltmeisterschaft gar nicht teilnimmt, erst einmal schaffen: 100 TV-Kameras, mehr als 1000 Medienvertreter, rund 250 Fotografen und 4000 Vip-Gäste auf die Beine zu bringen. Möglich macht’s ein Testspielreigen der besonderen Art: Am vergangenen Mittwoch gegen Gastgeber Russland (1:0), heute gegen Weltmeister Deutschland (18 Uhr/live ZDF) und abschließend am übernächsten Sonntag gegen Rekordweltmeister Brasilien.

Dass das nacheinander am Tivoli Innsbruck, im Wörtherseestadion Klagenfurt und im Wiener Prater ausgetragene Länderspiel-Triple in der Alpenrepublik unter „Mini-WM“ firmiert, ist nicht mal übertrieben. ÖFB-Präsident Leo Windtner und Geschäftsführer Bernhard Neuhold platzten jedenfalls fast vor Stolz, als sie im Rahmen diverser Neuerungen für den österreichischen Fußball – darunter eine Ligenreform – darüber sprachen. Für Windtner ist es eine „Chance zur Weiterentwicklung“; für Neuhold „ein Challenge“. 

Irgendwo dazwischen bewegt sich Marko Arnautovic. Einer der vielleicht am schwersten erziehbaren Profis des Weltfußballs, an dem bei Werder Bremen unter anderem Thomas Schaaf verzweifelte, gilt mit 29 Jahren als Kandidat für einen Wechsel zu Manchester United. Warum bitte saß José Mourinho gegen die Russen – Torschütze Alessandro Schöpf, Vorlagengeber Marko Arnautovic – auf der Tribüne? Nichts gegen Martin Hinteregger, Julian Baumgartlinger oder Florian Kainz, aber wegen diesen Bundesliga-Legionären dürfte der United-Teammanager eher nicht angereist sein.

Vielleicht noch wegen David Alaba, dem gefühlt ewigen „Fußballer des Jahres Österreichs“. Weil der Bayern-Star den Stempel unverkäuflich trägt, könnte die Spur tatsächlich zu Arnautovic führen, der bei West Ham United gerade zum besten Spieler der Saison gewählt wurde. Andreas Herzog hatte ihn seiner Zeit als U21-Nationaltrainer mal das „größte österreichische Talent der letzten Jahrzehnte“ genannt, und das mit dem Selbstbild des jungen Spielers begründet. Dummerweise hat der Offensivkünstler seine hohe Veranlagung in entscheidenden Momenten oft versteckt. Die Nummer sieben zählte auch zu einer (von vielen) Enttäuschungen der EM 2016, die für Österreich mit dem blamablen Vorrundenaus endete. Den Schweizer Marcel Koller kostete das mit Verzögerung den Job.

Seitdem jedoch Franco Foda das Zepter übernommen hat, wächst wieder ein zartes Pflänzchen Zuversicht, zumindest an der EM 2020 wieder teilzunehmen. Windtner hat die Wortschöpfung vom „Start-up“ benutzt, um Fodas Wirkungsgrad zu beschreiben. Für den bei Sturm Graz als Spieler und Trainer überaus erfolgreichen und mit den Eigenheiten (und der Sprache) des österreichischen Fußballs bestens vertrauten Mainzers  ist die heutige Begegnung eine besondere. „Ich habe selbst für Deutschland gespielt, und Jogi Löw war mein Trainer in Stuttgart: Da ist es natürlich etwas Außergewöhnliches“, sagte er am Freitag. 

Foda hat alles gewonnen

Der 52-Jährige versucht sich nicht an großen Verrücktheiten. So baut er gerade eine Mannschaft, in der sich die Bundesliga-Erfahrung bündelt: 13 der 17 gegen Russland eingesetzten Akteuren sind mit dem deutschen Oberhaus vertraut. Den Stammplatz im Tor hat sich Heinz Lindner erobert, der bei Eintracht Frankfurt zwar in zwei Jahren nur zwei Bundesligaspiele bestritt, aber so beliebt ist, dass der scheidende Keeper Lukas Hradecky ihn immer noch trifft. 

Vor dem Stammtorwart von Grasshoppers Zürich verteidigt Arnautovic’ ehemaliger Bremer Mitstreiter Sebastian Prödl, der mit 30 in Watford seinen Mann steht. Und auch Guido Burgstaller ist mit 29 nicht mehr der Jüngste, aber malocht so unermüdlich, dass ihn auf Schalke niemand missen möchte. Dazwischen aber mischt Foda neue Kräfte wie Mittelfeldspieler Peter Zulj, 24, vielleicht nicht zufällig aus Graz, die als zukunftsträchtig gelten. Vier Länderspiele hat der Coach bislang verantwortet – und alle gewonnen. Vor Russland auch gegen Luxemburg (4:0), Slowenien (3:0) und Uruguay (2:1). 

Sollte es im ausverkauften Wörtherseestadion gegen Deutschland das fünfte Erfolgserlebnis unter seiner Regie setzen, wäre das zwar kein „Wunder von Cordoba“, aber das Datum denn mal doch sehr passend: Am 21. Juni jährt sich das Ereignis der deutsch-österreichischen Fußball-Geschichte zum 40. Mal. 

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