Hört derzeit ungewohnte Töne: Olivier Giroud.
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Hört derzeit ungewohnte Töne: Olivier Giroud.

Frankreich

Einer wie Gomez

  • vonMatti Lieske
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Olivier Giroud ist vor kurzem noch von den Fans ausgepfiffen worden, jetzt applaudieren die Franzosen ihrem Mittelstürmer.

Neben den Torhütern sind es vor allem die Mittelstürmer, die sich als Sündenböcke eignen. Wenn es nicht gut läuft bei einer Mannschaft, sind es meist sie, welche die wenigen Torchancen, die es in solchen Phasen gibt, auch noch kläglich vergeben. Mario Gomez musste das in der deutschen Nationalmannschaft erfahren, sein Pendant in Frankreich ist Olivier Giroud. Noch sechs Tage vor EM-Beginn wurde der 29-Jährige beim Warmspielen vor dem Testspiel in Metz gegen Schottland ausgepfiffen.

Ein paar Tage davor hatten ihn die Zuschauer in Nantes bei seiner Vorstellung und späteren Auswechslung mit Buhrufen bedacht. Als Giroud zwischendurch mal ein Tor gegen Kamerun schoss, wurde das mehr oder weniger ignoriert.

Wie Gomez ist Giroud vor allem ein Strafraumstürmer, der wenig auffällt, wenn er nicht gerade Tore am Fließband schießt, höchstens durch eine gewisse Unbeholfenheit und das Vergeben von guten Gelegenheiten. „Er ist nicht der elektrisierende Spielertyp und macht wenig spektakuläre Dinge, deswegen wird er nicht so anerkannt“, sagte einmal Arsène Wenger, sein Trainer beim FC Arsenal, wo Giroud ebenfalls einen schweren Stand hat bei den Anhängern. Er jedoch halte ihn für einen der besten europäischen Stürmer, erklärte Wenger, machte die Dinge aber nicht besser, als er seinen Landsmann phasenweise auf die Reservebank verbannte, etwa in den ersten Wochen der vergangenen Saison.

Umso mehr genießt Giroud, was ihm nun bei der EM widerfährt, auch wenn er das Thema offensichtlich gar nicht mag und nicht viel darüber reden möchte. „Es ist schön, wenn die Leute einem zujubeln, aber wichtiger ist es, dass die Mannschaft gewinnt“, sagte er, als er nach dem 5:2 im Viertelfinale gegen Island als bester Spieler geehrt wurde, „ich will keinem etwas beweisen.“ Zwei Treffer hatte er beigesteuert, zwei mit vorbereitet, zuvor hatte er schon im Auftaktspiel gegen Rumänien getroffen.

In seinen letzten zehn Partien für Frankreich hat er neun Tore erzielt. Und endlich mochte niemand mehr pfeifen, stattdessen gab es Standing Ovations, als ihn Trainer Didier Deschamps auswechselte, um keine zweite Gelbe Karte und eine Sperre für das Halbfinale gegen Deutschland am Donnerstag zu riskieren.

Kummer ist Giroud gewohnt. Als sein erster Klub Grenoble Foot in Frankreichs erste Liga aufstieg, wurde der in der Nähe der Stadt aufgewachsene 20-Jährige aussortiert, er habe nicht die Qualität für diese Spielklasse, urteilte der Trainer. Er spielte zwei Jahre beim Zweitligisten Tours, schoss dort 30 Tore und wurde 2010 vom HSC Montpellier verpflichtet. Auch dort erntete er viele Pfiffe, bis er den Klub 2012 zum sensationellen Meistertitel vor Carlo Ancelottis Paris St. Germain schoss.

Umgehend holte ihn Wenger nach London, wo er sofort in die Kritik geriet, weil er als designierter Nachfolger des Liga-Torschützenkönigs Robin van Persie nicht gleich überzeugen konnte.

Ein Problem Girouds ist seine mangelnde Konstanz. Mal hat er Phasen mit vielen Toren, dann trifft er wieder gar nicht, wie zuletzt von Februar bis April in 15 Premier-League-Partien. Lange hing ihm der Ruf an, gegen schwächere Gegner aufzutrumpfen, in wichtigen Spielen aber zu versagen. Seine Spezialität sind Kopfbälle, bei denen er mit seiner kräftigen Statur gern den Torhüter aus dem Weg räumt, was in England leichter funktioniert als anderswo. Typisch waren die Reaktionen auf seinen Treffer gegen Rumänien, wo in den meisten europäischen Gazetten ein Foul am Keeper beklagt wurde, dies den englischen Zeitungen aber keine Silbe wert war.

Hohe Flanken sind bei Arsenal jedoch seltener als bei anderen Teams. „Wenn sie die Champions League gewinnen wollen, brauchen sie einen Mittelstürmer“, war vor einigen Monaten das harte Verdikt der Arsenal-Ikone Thierry Henry, und seit Giroud beim Klub ist, gibt es ständig Gerüchte über die Verpflichtung eines Top-Torjägers wie etwa Edinson Cavani, Jackson Martínez oder zuletzt Jeremy Vardy, der aber bei Leicester City verlängerte.

In Frankreich hatte Olivier Giroud zuletzt nicht nur mit seinem grundsätzlich schlechten Ruf bei den Fans zu kämpfen, sondern auch mit dem Schatten von Karim Benzema, der normalerweise im Angriff stehen würde. Obwohl er überhaupt nichts mit der Sache zu tun hatte, wurde Giroud die Suspendierung Benzemas wegen einer Erpressungsaffäre irgendwie mit angelastet. „Karim ist ein Teil dieser Nationalmannschaft, er wird wiederkommen und ich habe nicht das geringste Problem mit ihm“, war alles, was sich Giroud am Montag im Teamquartier in Clairefontaine zu diesem Thema entlocken ließ.

Ansonsten redete er lieber über das bevorstehende Match gegen Deutschland. Er schwärmte von der „Chemie“ zwischen ihm, Antoine Griezmann und Dimitri Payet, die zusammen schon zehn EM-Tore auf dem Konto haben, und er sagte auf die Frage, ob diese Europameisterschaft nicht schon jetzt ein Erfolg für die Franzosen sei: „Für uns Spieler ist sie ein Erfolg, wenn wir sie gewinnen.“

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