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Einer geht noch für Eintracht Frankfurt

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Abflug nach Sevilla: Rafael Borré bejubelt mit ernster Miene seinen Treffer zum 1:0.
Abflug nach Sevilla: Rafael Borré bejubelt mit ernster Miene seinen Treffer zum 1:0. © IMAGO/Sven Simon

Die Eintracht zieht an einem emotionalen Abend gegen West Ham United ins Endspiel der Europa League ein. Dort warten die Glasgow Rangers.

Frankfurt - Als der spanische Schiedsrichter Jesus Gil Manzano dann diese aufregenden 95 Minuten endlich beendet hatte, ging es erst so richtig los. Tausende von Zuschauern rannten auf das Feld, stürmten den Platz, feierten und freuten sich leidenschaftlich. Nach ein paar Minuten und dem Einsatz von Polizeikräften zogen sie sich wieder zurück. Ohrenbetäubender Jubel flutete das Stadion im Stadtwald, 20,22 junge Männer in Fußballschuhen und in dunklen Trikots fielen sich um den Hals, herzten und liebkosten sich, hüpften und tanzten: Eintracht Frankfurt hatte es tatsächlich geschafft, hatte nach einem 2:1-Hinspielerfolg nun mit einen 1:0 (1:0) gegen West Ham United tatsächlich das Europa-League-Finale erreicht. Die Hessen treffen am Mittwoch, 18. Mai, in Sevilla auf die Glasgow Rangers. Der ganz große Traum dieses Vereins, in der Liga längst graues Mittelmaß, ist in Erfüllung gegangen. Das entscheidende Tor erzielte Rafael Borré. „Oh wie ist das schön“, intonierte dann das ganze Stadion.

Das Erreichen eines europäischen Finales hat historische Bedeutung für diesen Klub. Erstmals seit 42 Jahren stehen die Frankfurter wieder in einem Endspiel, damals 1980 bezwang man in zwei Spielen Borussia Mönchengladbach und gewann den Uefa-Cup. Es war der letzte große Titel. Ins Finale zu kommen, sei „ein absoluter Meilenstein“, hatte Vorstandssprecher Axel Hellmann am Tag zuvor schon bezeichnet, „eine großartige Leistung“.

Eintracht Frankfurt verdient sich Reise zum Finale nach Sevilla

Die Reise an den Sehnsuchtsort in Andalusien hat sich die Frankfurter Eintracht vor den Augen illustrer Gäste wie Uefa-Boss-Ceferin, DFB-Chef Neuendorf oder auch DFL-Erste Hopfen zu Recht verdient. In allen zwölf Spielen der Europa League waren die Frankfurter ungeschlagen geblieben und sie hatten wahre Schwergewichte, etwa FC Barcelona, Fenerbahce Istanbul oder Olympiakos Piräus aus dem Weg räumen müssen. Dieser in Frankfurt so geschätzte, ja geliebte Wettbewerb hat dem Klub auch finanziell gut getan. Allein an Uefa-Prämien flossen 17,7 Millionen Euro in die Kassen, ein Sieg in Sevilla würde nicht nur mit einem Startplatz in der Champions League versüßt, sondern mit weiteren 4,6 Millionen Euro. Dazu dürften aus dem Marktpool sechs Millionen dazukommen und weitere knapp vier Millionen Euro (Koeffizient).

Trainer Oliver Glasner hatte die allenthalben erwartete Elf nominiert, also Jens Petter Hauge anstelle des leicht angeschlagenen Jesper Lindström. Und wieder, wie schon in Barcelona, trug das Stadion weiß, gab als zwölfter Mann stimmgewaltig alles, um die Heimmannschaft zu unterstützen. Wieder wollten sie diese beeindruckende Magie entfalten, die Spieler zu Höchstleistungen animiert. Tatsächlich herrschte eine unglaubliche Stimmung im Stadion, wurde jeder Ballgewinn lautstark und frenetisch gefeiert.

Dabei fand die Eintracht schwer ins Spiel, die Nervosität war bei vielen unübersehbar. Es dauerte lange, ehe ganz langsam ein halbwegs vernünftiger Spielaufbau zu erkennen war. Es war anfangs kein schönes Spiel, sehr nicklig, Fußball wurde kaum gespielt, es stand ja auch viel auf dem Spiel.

Martin Hinteregger muss früh raus

Früh hatten die Hessen zudem einen herben Rückschlag hinnehmen müssen: Schon nach vier Minuten musste Martin Hinteregger, die Frankfurter Kultfigur, die sich unmittelbar vor Spielbeginn sehr intensiv die Choreographie in der Nordwestkurve angeschaut und daraus offenbar letzte Motivation gesogen hatte, verletzt das Feld räumen. Nach einem Sprint verspürte er einen Stich im hinteren Oberschenkel, für ihn kam, etwas überraschend, Almamy Touré und nicht etwa Makoto Hasebe. Tuta rückte ins Abwehrzentrum, Touré auf die rechte Seite. Und auch auf Londoner Seite war alsbald ein Verteidiger ausgefallen: Aaron Cresswell hatte Hauge nach einem langen Ball zu Boden gerissen (17.), eine Notbremse, die Schiedsrichter Manzano nach Intervention durch den VAR folgerichtig mit der Roten Karte wertete. Mehr als 70 Minuten hatten die Frankfurter nun Überzahl, ein Vorteil, der sich knapp zehn Minuten später in der Führung widerspiegelte. Über Touré war der Ball zum in der ersten Hälfte oft auf seinem rechten Flügel übersehenen Ansgar Knauff gelangt, der wiederum haargenau auf Rafael Borré passte. Und der Kolumbianer verwandelte eiskalt.

Danach hatten die Hausherren die Partie bis zur Pause weitgehend im Griff. Sie ließen den Ball laufen, machten das Spielfeld groß, spielten ganz auf Sicherheit, wollten kein unnötiges Risiko eingehen. Und doch hatten sie kurz vor der Halbzeitpause Glück, als Evan Ndicka nach einer Ecke den Ball von der Linie schlagen musste, Im Gegenzug hätte wiederum der Frankfurter Stratege im Mittelfeld, Sebastian Rode, fast das 2:0 erzielt, sein nicht sonderlich fester Schuss rollte allerdings knapp am Pfosten vorbei.

Eintracht Frankfurt kontrolliert das Spiel

Am Spielverlauf änderte sich auch nach der Pause zunächst nicht viel. Die Gastgeber kontrollierten die Partie, erspielten sich aber keine nennenswerten Chancen. Im letzten Drittel, da wo es darauf ankam, gelang ihnen nicht mehr so viel, der letzte Pass kam nicht. Andererseits erhöhten die Engländer die Drehzahl, kamen häufiger nach vorne, ohne aber gefährlich zu werden. Einen Kopfball Craig Dawson (60.) entschärfte Kevin Trapp mühelos. Auf der anderen Seite strich ein Schuss von Filip Kostic (72.) am Tor vorbei.

Aufregend wurde es an der Seitenlinie: West Hams Trainer David Moyes sah dabei die Rote Karte und musste auf die Tribüne, weil er zu vehement die Herausgabe des Balles gefordert hatte.

Das war das letzte aufregende in diesem Halbfinale, es blieb beim 1:0. Auch weil Kevin Trapp am Ende auf dem Posten war und seinen Kasten sauber hielt. (Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz)

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