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Einer für den FC Bayern

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Von: Jan Christian Müller

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Senkrechtstarter: Nico Schlotterbeck (rechts).
Senkrechtstarter: Nico Schlotterbeck (rechts). © IMAGO/Jan Huebner

Nico Schlotterbeck musste erst einen Umweg gehen, um A-Nationalspieler zu werden, inzwischen wird der Freiburger Innenverteidiger hoch gehandelt.

Es ist ganz interessant, im Internet nach etwas älteren Fotos von Nico Schlotterbeck zu suchen und sie mit den Bildern von heute abzugleichen. Man findet einen jungen Burschen mit dunkelblonden Haaren und schmalen Schultern, dem die kurzen Ärmel des Freiburger Trikots über den Oberarmen flattern.

Ein paar Jahre später spannt das Hemd einem sichtbar muskulöseren Mann mit sorgfältig blondierten Haaren über mächtigen Bizeps. Die legt der 22-Jährige regelmäßig nach Torerfolgen frei. Ein Gag, den er sich beim Krafttraining im Gym mit ein paar Teamkollegen beim SC Freiburg ausgedacht hat. „Ich will damit gar nicht angeben, aber ich habe halt ein paar Tore gemacht danach“, erklärt der Innenverteidiger breit grinsend. Ab Samstagabend, 20.45 Uhr (live im ZDF), im Länderspiel gegen Israel dürfte Nico Schlotterbeck dann auch ausgewiesener deutscher A-Nationalspieler geworden sein. Bundestrainers Hansi Flick hat es so jedenfalls versprochen.

Das wäre dann die gerechte Belohnung für einen der spektakulärsten Aufsteiger der Bundesligasaison, dem nicht wenige zutrauen, die Nachfolgeregelung für Niklas Süle beim FC Bayern zur allseitigen Zufriedenheit lösen zu können. Den derzeit verletzten Bayern-Stopper vertritt Nico Schlotterbeck gerade auch im Nationalteam. Könnte passen mit einem Wechsel nach München. Marktwert allerdings: 28 Millionen Euro. Selbst für die Bayern ganz schön teuer.

Zehn Kilo Muskeln zugelegt

Der Linksfuß sagt, er werde sich vor Saisonende nicht zu einem möglichen Transfer äußern. „Ich würde Freiburg unrecht tun, wenn ich jetzt sage, ob ich wechsle oder nicht.“ Klingt einerseits rücksichtsvoll, andererseits aber auch eher nach Abschied, der dem SC finanziell reich versüßt würde. Und Nico Schlotterbeck - bisher allenfalls Durchschnittsverdiener mit Vertrag bis 2023 im Oberhaus - natürlich auch.

So gut, wie er jetzt ist, war der jüngere Bruder des ebenfalls für den SC Freiburg tätigen Keven Schlotterbeck und Neffe des ehemaligen Bundesligaspielers Niels Schlotterbeck noch nie. Es brauchte erst einen Umweg: Freiburg verlieh das mitunter etwas nachlässig verteidigende Talent für ein Jahr zu Union Berlin. „Von dort“, sagt sein Freiburger Teamkollege Christian Günter hochachtungsvoll, „ist er körperlich als anderer Spieler zurückgekehrt. Er hat gemerkt, dass er ein bisschen mehr tun muss für den Fußball.“

Nico Schlotterbeck, mächtige 1,91 Meter groß, tat besonders viel im Fitnessbereich unter Anleitung des seinerzeit vom FC Liverpool zu Union ausgeliehenen Torhüters Loris Karius. Und siehe da: „Ich habe zehn Kilo zugenommen.“ Muskelmasse, versteht sich, kein Gramm Fett.

Auch auf dem Platz hat Schlotterbeck sein Arbeitsethos verändert. „Ich musste lernen, die Konzentration immer aufrecht zu erhalten. Ich habe nicht mehr so viele Patzer drin wie früher. Ich spiele seriöser.“ Da hat einer offenbar kapiert, worauf es ankommt. Hansi Flick hat im Videocall seinen Teil dazu beigetragen. Vom Bundestrainer weiß der gelehrige Schüler seitdem: „Ich bin in meinem Spiel mit und gegen den Ball noch ein bisschen zu passiv. Das muss ich unbedingt verbessern. Das merke ich auch selbst.“

Ohnehin ist das Anforderungsniveau im Eliteteam des DFB für den U21-Europameister noch mal ein ganz anderes: „Du musst hier im Training bei hundert Prozent sein, sonst wirst du schwindelig gespielt“, hat der in der Nähe von Stuttgart geborene Schlotterbeck längst ausgemacht.

Vorbild Cannavaro

Die räumliche Nähe der Heimat zum Austragungsort seines ersten A-Länderspiels in Sinsheim sorgt für reichlich Beobachtung aus dem engsten Kreis. Rund zwei Dutzend Familienmitglieder sind gegen Israel dabei. „Mama, Papa, mein Bruder, Onkel, sogar Omas und Opas das erste Mal seit drei Jahren wieder, auch wenn sie nicht mehr so gut zu Fuß sind. Darauf freue ich mich riesig.“

Es ist nicht überliefert, was die lieben Großeltern von seiner wasserstoffblondierten Haarpracht eigentlich halten. Ehe die Frage gestellt werden kann, muss das Interview beendet werden. Das Mittagessen duldet beim DFB keinen Aufschub. Aber Nico Schlotterbeck kann ohnehin beruhigen: „Es wächst langsam raus. Ich glaube, dass ich wieder meine normalen Haare zurückhaben will.“

Und dann will er alsbald so werden wie Fabio Cannavaro, der Weltfußballer aus dem Jahr 2006. „Der“, sagt Schlotterbeck, „hat einfach alles weggemacht, was ihm im Wege stand.“ Und dafür braucht man dicke Muckis.

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