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Nicht aufzuhalten: Lieke Martens (rechts) läuft der Italienerin Sara Gama einfach davon.

Niederlande

Eine Prinzessin und ein Prinz

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Lieke Martens und Vivianne Miedema sind die Stars der niederländischen Frauen-Nationalmannschaft.

Auch Clotilde Pozergue hatte am Dienstagvormittag den Weg über die vielbefahrene D50 aus der Großstadt Lyon raus nach Oullins genommen: Die Conseillère der Metropole wollte nicht fehlen, als im Stade du Merlo die niederländische Frauen-Nationalmannschaft das Abschlusstraining für das WM-Halbfinale gegen Schweden (Mittwoch, 21 Uhr) abhielt. Der französische Männer-Fünftligist Cascol Oullins löst in dem 26 000-Einwohner-Städtchen nicht so einen internationalen Presserummel aus wie ein Team, das bei der Frauen-WM als amtierender Europameister gleich die nächste Erfolgsgeschichte schreiben kann.

Als während einer kurzen Pause vor der malerischen Kulisse die orange-schwarzfarben gekleideten Spielerinnen meinten, sich gegenseitig aus den Trinkflaschen bespritzen zu müssen, klickten die Auslöser der Fotografen von der schattigen Tribüne wie ein Maschinengewehr. Endlich ein Beleg für holländische Heiterkeit. Obwohl die „Oranjeleuwinnen“ bei EM 2017 und WM 2019 übergreifend elf Partien hintereinander gewonnen haben, hatten die Protagonisten erstaunlicherweise einige Kritik aus der Heimat einstecken müssen.

Zu unterkühlt, zu mühselig, zu ausrechenbar sei die Spielanlage, weil sich Trainerin Sarina Wiegmann beharrlich weigert, von ihrem 4-3-3-System mit immer denselben Gesichtern auch nur ansatzweise abzuweichen. „Wir wissen selbst, dass wir nicht den besten Fußball gespielt haben, aber am Ende haben wir schon unglaublich viel erreicht“, entgegnete Vivianne Miedema solchen Vorhaltungen.

Die Mittelstürmerin erinnert in ihrer Spielweise an die deutsche Rekordtorjägerin Birgit Prinz. Wenn sie mit langen Schritten und leicht gebeugter Haltung losstürmt, ist das ja genau die Masche, mit der die zweifache Weltmeisterin und Weltfußballerin in 241 Länderspielen für Deutschland 128 Tore erzielte. Die Nummer neun der Niederlande steht in 80 Auswahlspielen bei 61 Treffern. Mit 22 Jahren. Keine andere Mittelstürmerin verfolgt bei dieser WM so fokussiert ihre Kernaufgabe, um mit Kopf und Fuß zum Abschluss zu kommen. „Die Leute erwarten von mir, dass ich Tore schießen“, sagt die bei der WM bislang dreimal erfolgreiche Miedema.

Die 1,75 Meter große Torjägerin negiert gar nicht, dass sie ein höheres Niveau erreicht hat als vor zwei Jahren. Weil sie auch bei Arsenal Ladies reihenweise überragende Leistungen anbot, hat sie die Women’s Super League (WSL) in England zur besten Spielerin ausgezeichnet.

An ihre Popularität kommt nur Lieke Martens heran. Eher Künstlerin als Kämpferin. Lieber Vorbereiterin als Vollstreckerin. Ihre Aktionen strahlen oft eine Eleganz aus, weshalb die niederländische Nummer elf beim FC Barcelona genau den richtigen Arbeitgeber gefunden hat. Viele Landsleute wollen in ihr die weibliche Version eines Johan Cruyff erkennen, aber die Nummer 14 trägt Fleißarbeiterin Jackie Groenen voller Stolz. Martens steht auch so im Mittelpunkt.

Die Übungsstunde verfolgte die 26-Jährige am Dienstag allerdings ausschließlich sitzend auf einer Getränkebox. Ihr Fuß braucht zwischen den Spielen inzwischen immer eine Schonung. Eine alte Zehenverletzung macht ihr zunehmend zu schaffen. Nachdem Martens ihre Mannschaft mit einem Doppelpack gegen Japan (2:1) vor dem Ausscheiden bewahrte, hatte sie vor dem Viertelfinale gegen Italien (2:0) gar nicht mehr trainieren können. Bis kurz vor Anpfiff stand ihr Mitwirken auf der Kippe. Ihr Aufwärmprogramm bestand im Stade du Hainaut von Valenciennes zunächst aus Fahrradfahren, dann nahm sie eine Schmerztablette und kam erst später zu den Mitspielerinnen auf dem Rasen. Letztlich hielt sie 90 Minuten durch. „Wenn das Adrenalin durch den Körper fließt, kann man viel schaffen“, erklärte die 108-fache Nationalspielerin.

Die meist am linken Flügel eingesetzte Spielerin strahlt den höchsten Glamourfaktor aus. Ihr folgen allein auf Instagram eine Million Fans. Einige ihrer Anhänger vergleichen sie mit einer Prinzessin, die das Spiel der Frauen schöner macht. So sind Miedema und Martens jede auf ihre Art zu Idolen aufgestiegen. Früher gingen ihre Landsleute noch mit den Trikots von Robben oder Sneijder zu einem Frauen-Länderspiel. Jetzt sind die Jerseys mit Miedema und Martens in der Überzahl.

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