Gelb gibt&#39s oft auch fürs Beschweren.
+
Gelb gibt's oft auch fürs Beschweren.

Kommentar

Eine neue Kultur im Fußball

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
    schließen

Bei den deutschen Schiedsrichtern herrscht großer Unruhe, aber es gibt Wege aus dem Unmut. Der Kommentar.

Es läuft aktuell nicht rund im deutschen Schiedsrichterwesen, sondern es herrscht Unruhe. 

Erstens: Topmann Manuel Gräfe hat via „Kicker“ Fundamentalkritik geäußert. Der Berliner findet, das Leistungsprinzip müsste stärker gewichtet werden, zu sehr würde noch nach „Politischem, Regionalem oder Persönlichem“ entschieden. 

Zweitens: Der Video Assistant Referee (VAR, zu deutsch: Videoassistent) funktioniert zwar, aber er funktioniert insgesamt nicht gut genug. Gräfe: „So, wie es jetzt läuft, gefällt es den Leuten nicht.“ Das stimmt. Zumal: Der VAR greift in der Bundesliga tendenziell häufiger ein und braucht länger zur Entscheidungsfindung als noch vergangene Saison. Beide Tendenzen sollten eigentlich in die andere Richtung gehen. 

Drittens: Bei den Klubs herrscht Unverständnis darüber, dass die Verschärfung der Sanktionen gegen die Spieler kurzfristig unmittelbar vorm ersten Rückrundenspieltag kommuniziert wurde und zudem so, dass manche Trainer und Manager darüber zunächst aus der „Bild-Zeitung“ erfuhren. 

Viertens: Die konkrete Umsetzung wurde in den meisten Fällen (gerade bei Zeitspiel) akzeptiert, nicht jedoch, wenn auch dann Gelb gezückt wurde, nachdem sich Spieler zwar vehement, aber berechtigt beschwert hatten. 

Fünftens: Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) drängt auf Mitspracherecht und die zeitnahe Gründung einer Schiedsrichter-GmbH unter dem gemeinsamen Dach der DFL und des DFB. Die Gespräche dazu sind bereits weit fortgeschritten, beim DFB ist die Einsicht vorhanden, dass die DFL nicht nur für die Einsätze der Schiedsrichter, des VAR und die Organisation zahlen, sondern auch mitreden will. 

Im Hause DFL findet man, dass dringender Professionalisierungsdruck gegeben ist, etwa im Schiri-Scouting. Offenbar herrscht gleich auf mehreren Ebenen akuter Gesprächsbedarf. Der Mangel an guter Kommunikation mit den Klubs lässt sich an der Art und Weise und dem Zeitpunkt der Übermittlung der neuen Regelauslegung ebenso nachzeichnen wie an der Reaktion des Bremer Trainers Florian Kohfeldt am Wochenende. Kohfeldt fragte sich öffentlich: „Warum machen Leute die Regeln, die ... überhaupt nicht verstehen, was auf dem Platz passiert?“ Die für die Eliteschiedsrichter hierzulande hauptverantwortlichen Lutz Michael Fröhlich und Jochen Drees waren beide anerkannte Bundesligareferees, Fröhlich sogar auf Fifa-Ebene. Sie verstehen also durchaus, „was auf dem Platz passiert“. Und doch bringt es natürlich nichts, sich angesichts der Empörung auf diese Erfahrung zurückzuziehen.

Im Gegenteil: Das Scharmützel sollte genutzt werden, um aufeinander zuzugehen. Will heißen: Das Verhältnis der Unparteiischen mit den Trainern sollten beide Seiten neu austarieren. Das funktioniert besser im unmittelbaren Gespräch als via Email kurz vorm Anpfiff der Rückrunde oder aufgeregtem Fieldinterviews bald nach Schlusspfiff. Es geht darum, gemeinsam eine Kultur zu entwickeln, die auch zugespitzten Situationen Stand hält und dazu taugt, Amateuren als Vorbild zu dienen. Der extreme Druck im Profifußball, begleitet von zunehmender medialer Aufgeregtheit und Alphatiergehabe, macht das schwierig. Aber es ist einen Versuch unter klugen, besonnenen Menschen wert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare