Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Niederlage gegen Schweiz

EM 2021: Tragische Nacht für Frankreich und Kylian Mbappé

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
    schließen

Die Niederlage gegen die Schweiz bei der EM 2021 legt die Defizite in Frankreichs Nationalmannschaft schonungslos offen.

Ganz am Anfang, die Europameisterschaft 2021 hatte noch nicht begonnen, beschrieb Paul Pogba das Leben in Frankreichs Nationalmannschaft in blumigen Worten. „Die Stimmung mit allen ist immer großartig, es gibt nur Lachen, Musik und Massagen“, versicherte der Mittelfeldmann von Manchester United wenige Tage vor dem Auftaktspiel gegen Deutschland, und wie zum Beleg sendete der Französische Fußball-Verband (FFF) zu diesem Zeitpunkt noch Kabinenvideos in die virtuelle Welt, die genau diesen Eindruck erweckten. Just waren Spannungen um Kylian Mbappé ein Thema geworden, die Kollege Pogba wegwitzeln wollte: „Die einzigen Spannungen haben wir am Rücken und in den Beinen“, und die würden die Physiotherapeuten schon lösen.

Nun allerdings kam der Weltmeister beim Achtelfinalaus gegen die Schweiz (4:5 im Elfmeterschießen, 3:3) wie eine einzige Blockade rüber. Zum Lachen war niemand zumute. Und Musik lief in den Umkleiden des Nationalstadions von Bukarest auch keine mehr. „Ich war in der Kabine. Es war eine traurige Atmosphäre. Es ist eine einzigartige Mannschaft, heute ist sie einfach am Boden“, schilderte Didier Deschamps betroffen, nachdem Frankreichs Nationaltrainer zur Pressekonferenz seine schwarze Maske abgestreift hatte, die ansonsten bestens zum schwärzesten Tag seiner fast neunjährigen Amtszeit gepasst hätte.

EM 2021: Frankreich verabschiedet sich im Achtelfinale aus dem Turnier

Die Equipe Tricolore gab bei diesem Turnier ein wenig stimmiges Erscheinungsbild ab, das an die überwunden geglaubten Tiefpunkte unter Deschamps Vorgängern erinnerte. Die Ursachen sind, wie immer, vielfältig, aber über allem schwebt nun die Frage: Wie kann ein Team bloß so viel Talent vergeuden? Es fehlte erkennbar an jenem Zusammenhalt, der die Gemeinschaft 2018 noch zum Triumph trug. Nun war jeder sehr mit sich beschäftigt, und dabei besetzte das in Russland gefeierte Megatalent Mbappé in Rumänien eine besonders tragische Rolle. So geschmeidig der Bewegungskünstler für Karim Benzema (57. und 59.) zum zwischenzeitlichen 2:1 aufgelegt hatte, so ungeschickt stellte sich der 22-Jährige wiederholt beim Abschluss an – und vergab fast mit Ankündigung den letzten Strafstoß gegen den Schweizer Keeper Yann Sommer.

Stürmer der traurigen gestalt: Kylian Mbappé.

„Keiner ist böse auf ihn. Er wollte diesen Elfmeter schießen“, versicherte Deschamps, der aber doch fast der einzige war, der beim Abgang in die Kabine noch Trost spendete. Sein Scheitern kommentierte der Pariser allein über seine Sozialen Kanäle: „Ich wollte dem Team helfen, aber ich habe versagt.“ Dazu schrieb er: „Die Traurigkeit ist immens. Schlaf zu finden wird schwierig.“ Niemand muss Mbappés Sturzflug ins Nichts befürchten, aber der erste richtige Rückschlag seines kometenhaften Aufstiegs muss verarbeitet werden. Von der „Desillusionierung des Mbappé“, schrieb die Sportzeitung „L‚Équipe“, die eigentlich treu an der Seite des Ausnahmestürmers aus dem Banlieu Bondy steht. Offenkundig hat sich der Star unter den Stars mit so manchen Alleingängen – auch abseits des Rasens – nahe an jener Linie bewegt, die innerhalb einer Gruppe ins Abseits führt. Dem Verdacht eines isolierten Wunderkindes widersprach Deschamps vehement. „Nein, nein, nein. Die Mannschaft ist vereint.“

EM 2021: Auch Didier Deschamps macht bei der Niederlage gegen die Schweiz Fehler

Gleichwohl sind interne Risse nicht zu übersehen. Der Coach stritt mit seinem ein- und später angeblich wegen einer Muskelverletzung ausgewechselten Flügelflitzer Kingsley Coman, diskutierte mit Anführer Pogba, als sich dieser sich über den verspielten 3:1-Vorsprung aufregte. Dabei bildete dessen ausgiebiges Jubeltänzchen nach seinem Kunstschuss zum 3:1 (75.) eine unangebrachte Überheblichkeit ab, die die Eidgenossen als Provokation begreifen mussten. „Paul ist ein Wettkämpfer. Ich habe ihm einfach gesagt, er muss sich beruhigen“, erklärte Deschamps, der selbst wohl einigen Abstand benötigt, um die Fehler in seinem Verantwortungsbereich aufzuarbeiten.

Eine Dreierkette mit dem überforderten Clement Lenglet im Zentrum erwies sich als fataler Irrtum – in der Pause brach Deschamps das Experiment zwar gleich wieder ab, doch die defensive Stabilität war dahin. Zumal ein N’golo Kante seine Verteidiger nur noch unzureichend beschützen konnte; der 30 Jahre alte Abfangjäger hatte für den Champions-League-Triumph mit dem FC Chelsea offenbar alle Kraftreserven aufgebraucht. Und eine Alternative für seinen Balleroberer hatte Deschamps nicht aufgebaut.

EM 2021: „Wenn Frankreich gewinnt, sind wie die Besten der Welt“

Aufgrund seiner Verdienste als Spieler und Trainer hat der 52-Jährige selbst keine Konsequenzen zu befürchten, auch wenn er festhielt: „Wenn Frankreich gewinnt, sind wir die Besten der Welt, wenn wir verlieren, ist es meine Verantwortung.“ Dann empfahl der Sélectionneur noch: „Es wird uns nicht helfen, wenn wir zu viel über dieses Turnier nachdenken.“

Spätestens hier sollte der treu zu Deschamps stehende Verbandspräsident Noël Le Graët hellhörig werden: Das unrunde Gesamtwerk bei dieser EM muss auf dem Weg zur WM 2022 in Katar eine letzte Warnung sein, sonst drohen in der Wüste genau jene schmerzhaften Momente, die Italien, Spanien und Deutschland jeweils vier Jahren nach ihrem WM-Titel durchgemacht haben.

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare