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Im deutschen Angriff momentan gesetzt: Leroy Sané (rechts).

DFB-Team

Kein Einsatz für Timo Werner - nur eine kleine Delle? 

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Interimschef Sorg missfällt es, dass der Fall Timo Werner medial schlagzeilenträchtig verwertet wird.

Zur Vorbereitung auf das letzte Saisonspiel hat der Deutsche Fußball-Bund seinen mehr nach Urlaub als nach Hochleistungssport gierenden Nationalspielern eine schöne Herberge direkt am Rhein gebucht. Den organisierenden Verbandsleuten ist das Hotel nahe der Mainzer Innenstadt bestens bekannt. Schon im Oktober 2009 logierte das DFB-Team zur Vorbereitung auf das WM-Qualifikationsspiel in Moskau gegen Russland dort und hat beste Erfahrungen gemacht. Es gibt durch die große Fensterfront einen unverstellten Blick auf den Fluss, und bei der Ankunft der Mannschaft nach dem 2:0-Sieg in Weißrussland am Sonntag standen hunderte Fans Spalier und wurden hie und da sogar mit den erhofften Autogrammen oder Selfies mit Star bedacht.

Die Spieler sahen angesichts der interessierten Begeisterung ein bisschen überrascht aus, als sie aus dem Bus stiegen. Zuletzt war die kollektive Zuneigung ja nicht ganz so prall ausgefallen. Beim öffentlichen Training vergangene Woche in Aachen etwa hatten nur 20.000 statt der erwarteten 30.000 Leute zugeschaut. Der derzeit als Interims-Bundestrainer verantwortliche Marcus Sorg hat ausreichend Bodenhaftung behalten, um die Situation realistisch einschätzen zu können. Die „Best-never-rest“-Phantasien, die die WM 2018 begleiteten und nicht im Ansatz erfüllt werden konnten, haben niemandem gutgetan und das Image der Mannschaft arg beschädigt. Sorg stellte am Montag auf der Pressekonferenz fest, dass er gerade jene Mannschaft anleitet, die in Deutschland „am meisten polarisiert“. Es sei nun ihre „gemeinsame Verantwortung“, dafür zu sorgen, „dass die Leute sich wieder mehr mit uns identifizieren“.

Warum ein Trainingslager in Holland?

Diesen Anspruch wie vergangene Woche ausgerechnet mit einem Trainingslager im niederländischen Venlo zu dokumentieren, dürfte nicht die allerbeste Idee von DFB-Direktor Oliver Bierhoff gewesen sein, wobei der Manager Kritiker in den Rang von Kleinstaatlern erhebt, die die Vision eines zusammenwachsenden Europas nicht kapiert haben. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Wie dem auch sei: Für das EM-Qualifikationsspiel am heutigen Dienstagabend (20.45 Uhr, RTL) gegen Estland sind nach Monaten des angestrengten Rührens der Werbetrommel dann doch sämtliche Tickets vergriffen. Die Arena wird proppenvoll sein.

Timo Werner nicht in Startelf

Dass Timo Werner dann von Beginn an vorspielen darf, erscheint eher unwahrscheinlich. Der Stürmer mit dem Düsentriebantritt galt nach der WM als einer der Fixpunkte des Neuaufbaus. Beim Confederations Cup 2017 durfte er als bester Torschütze den Goldenen Schuh mit ins Handgepäck nehmen, bei der WM ein Jahr später gab es Schwächere als den 23-Jährigen. Gemeinsam mit Serge Gnabry und Leroy Sané gehörte er beim ersten echten Umbruchspiel in Paris gegen Frankreich zur Startelf. Für die beiden letzten Spiele, dem 3:2 in den Niederlanden Ende März und dem 2:0 in Weißrussland am Samstag, sagt die Statistik über Werner: ohne Einsatz im Kader.

Sorg reagiert empfindlich auf Fragen   

Dass die Presse darauf schlagzeilenträchtig reagiert, missfällt Marcus Sorg: „Ich würde mir wünschen, dass die Medien mit ihm umgehen wie mit jedem anderen Spieler.“ Werner spiele „momentan nicht“, auch weil Marco Reus sich derzeit in „phantastischer Verfassung“ befinde. Sorg findet es „nicht korrekt, daraus ein Riesenthema zu machen und es so zu titulieren, dass Timo durchfällt“. Davon könne nämlich keine Rede sein: „Timo wird die Entwicklung dieser Mannschaft mitgestalten.“

Dem Fußballlehrer ist bewusst, dass er sensibel abwägen muss zwischen notwendiger personeller Stabilität eines noch instabilen Teams und der Notwendigkeit, Männer wie Werner, die für die Länderspiele die Saison um drei Wochen verlängert haben, nicht gänzlich frustriert in den Urlaub zu verabschieden. Gnabry, Sané und Reus sind derzeit erste Wahl und haben das in Weißrussland voll bestätigt. Es fühle sich an, sagte Gnabry gestern, „als wenn wir gemeinsam in der U21 sind. Wir haben hier sehr viel Spaß miteinander.“

Was wird aus Werner wenn Sané kommen sollte?

Diesen Spaß vor allem mit seinem frisch frisierten Kumpel Sané würde Wuschelkopf Gnabry nur allzu gern auch zum FC Bayern transformieren. Dazu müsste der von den Münchnern mit deutlich mehr Hingabe als jener von Timo Werner vorangetriebene Wechsel von Sané aus Manchester aber tatsächlich vonstatten gehen. „Ich hätte Leroy liebend gern in der Mannschaft. Er wäre eine Bereicherung für den FC Bayern“, sagt Gnabry.

Weder Werner noch Sané äußern sich derzeit öffentlich. Die Mitspieler haben gerade im Fall Sané nicht den Eindruck, als ziehe es ihn aus Manchester unbedingt nach München. Joshua Kimmich geht es dabei ganz wie Serge Gnabry. Er wüsste Sané gern immer bei sich: „Ich an Bayerns Stelle würde den kaufen.“ Für Timo Werner wäre dann wohl kein Bedarf mehr.

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