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Einblick in die Wundertüte

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Von: Frank Hellmann

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Immer emotional dabei: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hält eine Ansprache beim Training der Frauen-Nationalmannschaft.
Immer emotional dabei: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hält eine Ansprache beim Training der Frauen-Nationalmannschaft. © IMAGO/Harry Koerber

Eine sehenswerte Doku über die deutschen Fußballerinnen spart auch das Tabuthema sexuelle Belästigung nicht aus.

Die meisten Fußballerinnen können es nach drei Jahren Turnierpause kaum erwarten, am Sonntag in den Flieger zu steigen, der die deutsche Frauen-Nationalmannschaft zur EM in England (6. bis 31. Juli) bringt. Zum Begleittross gehört wie selbstverständlich auch das Produktionsteam einer mehrteiligen Doku-Reihe, von der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sagt: „Ich wünsche mir, dass sich das ganz viele Menschen anschauen. Das ist ganz großes Kino.“ Die 54-Jährige spielt mit ihrer Offenheit eine Hauptrolle in der Serie „Born for this – mehr als Fußball“, die ab Mittwoch in den Mediatheken von ARD, Sky und MagentaTV abrufbar sein wird.

Vorweg: Es sind authentische Blicke hinter die Kulissen, tiefgründiger als so manche Produktion aus dem Männerfußball, die zwar bunt verpackt wird, aber letztlich wenig Inhalt bietet. Das ist bei den DFB-Frauen anders, die das Präsidium des Verbandes bei der Preview im Harmonie Filmtheater in Frankfurt-Sachsenhausen beeindruckt haben. Ganz offen erzählt Britta Carlson, frühere Nationalspielerin und heute rechte Hand der Bundestrainerin, davon, dass sie in aktiven Zeiten belästigt worden sei:„Es gab Funktionäre, die dich mal in den Arm genommen oder betatscht haben – was ein No go ist.“ Die 44-Jährige schneidet damit ein Tabuthema an. Namen von DFB-Funktionären nennt sie aber nicht.

Diese Sequenz fällt in den Abschnitt der Doku, der Spielmacherin Dzsenifer Marozsan gewidmet ist, die wegen eines Kreuzbandrisses bei der Frauen-EM 2022 fehlt. Sie spielt beim US-Klub OL Reign, als der Skandal um sexuellen Missbrauch im amerikanischen Frauenfußball öffentlich wird. Die deutsche Gastspielerin berichtet davon, wie auch Megan Rapinoe in der Kabine sitzt und alle vor Entsetzen weinen.

Gesellschaftlich relevante Themen sind unterlegt, den roten Faden bilden die kritischen Momente der Akteure und eine oft durch äußere Einflüsse und interne Probleme gefährdete Gemeinschaft. Heikle Passagen seien eben nicht herausgeschnitten worden, versichert Holger Blask, DFB-Geschäftsführer Marketing & Vertrieb.

So kommt eine Bundestrainerin vor, die in ihrem Eifer schon mal übers Ziel hinausschießt. Durch ein ihr angestecktes Mikrofon ist in einem WM-Qualifikationsspiel deutlich zu hören, wie Lena Oberdorf fortwährend korrigiert wird, weil sie mit der Innenverteidiger-Position fremdelt. „Obi spiel ab! Obi pass auf!“ Obi hier, Obi da. Am Ende ist die 19-Jährige vollends verwirrt und spart danach nicht mit Kritik an der überfrachteten Anleitung von außen. Man solle sie doch einfach machen lassen. Basta. Inzwischen spielt die Fußballerin mit der besten Physis im EM-Kader in der Mittelfeldzentrale.

Der Findungsprozess einer Mannschaft ist anstrengend und aufreibend. Und wiederholt schmerzhaft. So blickt Giulia Gwinn, die sich als Rechtsverteidigerin wieder einen Stammplatz im DFB-Team erkämpft hat, noch mal detailliert auf jenen Schreckmoment zurück, als sie einen Kreuzbandriss erlitt. Kapitänin Alexandra Popp, die bei der EM zunächst mit der Jokerrolle vorlieb nehmen muss, erzählt von der Hiobsbotschaft ihres Knorpelschadens. Gibt es höhere Mächte, die eine EM-Teilnahme ständig verhindern wollen?

Und dann ist da natürlich noch die Zwillingsmama Almuth Schult, mit deren Kindern – die sich übrigens im Kreise der Spielerinnen allerhöchster Beliebtheit erfreuen – der Streifen beginnt. Wie meistert die Torhüterin den Spagat zwischen Mutterrolle und Profifußball? Schult schimpft und flucht am Anfang, weil ihr so viele Bälle durchrutschen. Mit feuchten Augen gesteht die 31-Jährige: „Es ist schon brutal, wenn sich der Körper von Schwangerschaft wieder auf Leistungssport umstellen muss“. Bewegende Momente wie diesen gibt es reichlich.

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Der erste Eindruck: Die Doku hat das Zeug, das von der WM 2006 mit großem Tamtam produzierte „Sommermärchen“ in den Schatten zu stellen. Dass die Filmemacher Martina Hänsel und Björn Tanneberger („Wir machen das Licht an“) seit Drehbeginn im April 2021 ein enges Vertrauensverhältnis zu allen Protagonisten aufgebaut haben, hilft enorm. So werden miteinander verwobene Geschichten zu den Gesichtern erzählt, und dabei nicht nur die Sonnenseite des Leistungssports beleuchtet. Im Kern wird auch gut begründet, warum das deutsche Team als Wundertüte zu dieser wegen der Pandemie um ein Jahr verschobenen EM reist.

Tränen sind bereits im ersten Teil, der im Anschluss an das zweite EM-Gruppenspiel gegen Spanien am 12. Juli in der ARD (23.15 Uhr) ausgestrahlt wird, ein wiederkehrendes Stilmittel. Lina Magull weint bei einer emotionalen Ansprache des Co-Trainers Thomas Nörenberg – und die Führungsspielerin vom FC Bayern räumte nach Ansicht der ersten Folge freimütig ein, sie hätte erneut „drei Mal weinen können“.

Im Trainingslager in Herzogenaurach drängten Magull und ihre Mitspielerinnen am Montagabend die Produzenten übrigens sofort dazu, ihnen gleich auch die zweite Episode zu zeigen. Bis zu sechs Folgen könnten es nach Angaben der Produktionsgesellschaft Warner werden. „Wir arbeiten jetzt am vierten Teil“, sagt Voss-Tecklenburg, „in dem wir erfolgreich Fußball spielen wollen.“

Spricht ein Tabuthema an: Co-Trainerin Britta Carlson.
Spricht ein Tabuthema an: Co-Trainerin Britta Carlson. © dpa

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