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WM 2022 in Katar: Ein Turnier voller Widersprüche

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Von: Frank Hellmann

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Die WM am falschen Ort: Der Zwergenstaat hat sich herausgeputzt, doch die Kritik verstummt trotzdem nicht.
Die WM am falschen Ort: Der Zwergenstaat hat sich herausgeputzt, doch die Kritik verstummt trotzdem nicht. © Adam Davy/dpa

Die WM wird an ein kleines Land verschachert, das sich mit Hilfe des Sports eine Machtdemonstration erkauft – daran ist vieles verwerflich zu finden.

Natürlich ist rund um das Qatar National Convention Centre fast alles fertig. Ein gigantischer Komplex aus Stahl, Beton und Glas, der wie die meisten Gebäude in Katars Hauptstadt Doha arg überdimensioniert wirkt. Die rot-gelben Sichtschutzplanen an der viel befahrenen Straße Al Luqta nahe der Nationalbibliothek werden noch ein bisschen gerade gezogen. Gerade hier muss alles stimmig wirken, denn der als QNCC abgekürzte Monsterbau wird Anlaufstelle und Verteilzentrum für Abertausende Journalisten aus aller Welt. Und die sollen die erhofften Botschaften von dieser Fußball-Weltmeisterschaft aussenden, die mal wieder die beste aller Zeiten werden soll.

Organisationskomitee und Weltverband proklamieren diesen Slogan vor dem Eröffnungsspiel zwischen Katar und Ecuador im Stadion Al Bayt (Sonntag 17 Uhr/ZDF) pausenlos und genauso in die Länge gestreckt wie das überall plakatierte Motto „amazing“. Die meisten Menschen haben aber eher Bauchweh, wenn sie an das Turnier in diesem Zwergenstaat denken, der so gänzlich anders tickt. Nie waren die Bedenken größer. Nie kam mehr Kritik auf. Gerade in Deutschland.

Kritik an der WM 2022 in Katar: Auch internationale Unternehmen verdienen mit

Zwei Drittel der Bevölkerung finden es eher oder klar falsch, dass bis zum 18. Dezember in acht sündhaft teuren Schmucktempeln gespielt wird, die in und um Doha aus dem Wüstensand gestampft worden sind. Eigentlich für diese 28 Tage. Aber wer sich in den hypermodernen Metro spontan bei den Menschen umhört, spürt viel Stolz und sieht ein Leuchten in den Augen einer internationalen Bevölkerung, die zum Teil eng mit den Prestigeobjekten verwoben sind. Ingenieure, IT-Spezialisten, Logistiker aus aller Welt, die seit vielen Jahren an dieser Glitzerwelt mitbauen und mitverdienen – wie übrigens auch deutsche Firmen.

Der Spitzensport ist Teil einer gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Katar-Vision 2030, bereits 2008 ins Leben gerufen unter dem vorherigen Emir Hamad bin Khalifa Al Thani. Der so genannte Vater-Emir war es, der 1995 in einem unblutigen Putsch die Macht übernahm und sein Emirat binnen weniger Jahre erst auf der arabischen, dann auf der Weltkarte etablierte. Das Unmögliche irgendwie möglich zu machen, ist sein Credo. Und oft schaut die Weltgemeinschaft nur staunend zu. Wie auch jetzt wieder. Katar, nur halb so groß wie Hessen, gerade 2,8 Millionen Einwohner, soll in eine fortschrittliche Gesellschaft verwandelt werden, die nachhaltig lebensfähig ist.

Fußball-Show in Katar: WM 2022 kostete Herrschaftsfamilie rund 200 Milliarden Euro

Rund 200 Milliarden Euro hat sich eines der reichsten Länder der Welt kosten lassen, und die katarische Herrschaftsfamilie hat sehr wohl überlegt, was die pompöse Show für die Zukunft wert sein kann, wenn die steigende Wertschätzung für perfekte Organisation und pompösen Glanz die geopolitische Machtdemonstration absichert. Dafür rollt jetzt der Ball vor bunten Kulissen. Es ist nicht die erste und bestimmt nicht die letzte Nation, die mit diesem Kalkül ein sportliches Großereignis ausrichtet. Und doch muss die Frage gestellt werden, zu welchem Preis der Weltverband Fifa mit seinem die Korruption befördernden Vergabeprozess dieses Turnier unter dubiosen Umständen verschachert hat.

40.000 bis 45.000 Wanderarbeiter haben auf den WM-Baustellen geschuftet – und nicht wenige haben für einen Hungerlohn ihr Leben gelassen. Die Zahl der gestorbenen Arbeitsmigranten wird wohl für immer ungeklärt bleibt, weil Katar die Todesursachen nicht explizit zugewiesen hat. Es gibt nur die offizielle Angabe von 15.799 Ausländern, die laut des Amnesty-International-Report zwischen 2011 bis 2020 in Katar starben. Darunter sind genauso Sicherheitsleute, Gärtner, Lehrer oder Ärzte. Aber es liegen Beweise vor, dass sich darunter überproportional viele Arbeiter befinden.

Grundsätzlich kann eine WM solche Opfer nicht wert sein. Warum haben Fifa und Katar so wenig dagegen getan? Der Verdacht drängt sich auf, dass den einen die Profitgier, bei den anderen Gleichgültigkeit regiert. Ein Entschädigungsfonds für die Opferfamilien wäre das Mindeste, was im Nachhinein zu tun wäre. Als Wiedergutmachung steht die Höhe des Fifa-Gesamtpreisgeldes von 440 Millionen Dollar (462 Millionen Euro) im Raum. Der Weltverband verbucht Gesamteinnahmen von 5,7 Milliarden Euro über die Vermarktung der WM.

Winter-WM 2022 in Katar: Gastgeber verstimmt über Kritik aus Europa

Statt Hinterbliebene von Arbeitsmigranten zu entschädigen, sichert Fifa-Präsident Gianni Infantino mit großzügigen Geldspenden an die vielen unter den 211 Mitgliedsverbänden seine Wiederwahl im nächsten Jahr ab. Dass der Schweizer sich auf dem G20-Gipfel in Indonesien für die Zeit der „biggest show on earth“ – der größten Show der Erde – mal eben eine Waffenpause in allen Kriegsgebieten auf dem Planeten einfordert, klingt zwar erst mal ehrenwert, dient aber der Wertsteigerung seiner Veranstaltung.

Hierzulande sind nicht nur die Resultate der ersten Spiele interessant, sondern wie viele an den TV-Geräten bei der Winter-WM 2022 zusehen. Wird wirklich ein beträchtlicher Teil aus einer inneren Überzeugung nicht mal den Fernseher einschalten? Einbrechende TV-Quoten in einem der lukrativsten Kernmärkte Europas würden ein Signal setzen, dass die großen Verbände so nicht mehr weitermachen können, weil sie sich sonst doch den fetten Ast absägen, auf dem sie so fürstlich thronen.

Katar ist über die viele Kritik speziell aus Europa verstimmt. Fernurteile haben selten weitergeholfen. Und der moralische Zeigefinger schnellt fast nirgendwo so schnell in die Höhe wie in Deutschland mit seiner eigenen (Fußball-)Geschichte. Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, der seinen Vater vor neun Jahren auf dem Thron beerbte, sprach bereits von einer „beispiellosen Kampagne“, die noch kein Gastgeberland erlebt habe. Dabei sei die WM eine Chance, der Welt Katars kulturelle Errungenschaften zu zeigen und sie mit dem zu beeindrucken, „was wir schon erreicht haben.“

Fußball-WM 2022 in Katar: Laute Kritik an Europäischer Doppelmoral

Das Staatsoberhaupt beklagte Verleumdungen und Doppelmoral – letzteres Argument nannte übrigens auch DFB-Mediendirektor Steffen Simon im Gesamtkontext: „Die Lage der Arbeitsmigranten spielt keine Rolle, wenn es um Energielieferungen nach Deutschland geht. Auch die Handball-WM 2015 oder die Leichtathletik-WM 2019 haben nicht im Ansatz zu solchen Diskussionen wie jetzt geführt.“ Man stelle sich nur vor, DFB-Chef Bernd Neuendorf hätte sich vor dem Emir so tief verbeugt wie Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei seinem Besuch, als es um Flüssiggaslieferungen nach Deutschland ging.

In Doha ist derweil die Vorfreude in dem geschäftigen Trubel zu merken. Viele junge Menschen unterhalten sich vor einer US-amerikanischen Schnellimbisskette bis tief in die Nacht vor allem über die WM. Doha Corniche, die Strandpromenade und Hauptverbindungsachse am Meer, ist für den Autoverkehr gesperrt. Hier sollen die erwarteten eine Million Fußballfans flanieren, Fotos in die Welt schicken. Am Samstag öffnet das Fan Festival im Al Bidda Park seine Pforten. Dieser Ort wird erste Anlaufstelle sein – allein deshalb, weil es Alkohol zu kaufen gibt, er ansonsten in Bars, Kneipen und Restaurants nicht ausgeschenkt wird.

Der Preis für einen halben Liter allerdings hat es in sich: 50 Katar-Rial, umgerechnet etwas mehr als 13 Euro. Es geht den Organisatoren nicht um Gewinnmaximierung, sondern daran, mit der Preispolitik abzuschrecken, damit nicht zu viele Gäste einen über den Durst trinken. Das passiert sonst schließlich nur hinter verschlossenen Türen in Edelhotels oder Privaträumen. Katar besteht darauf, dass religiöse Traditionen geachtet werden. Angetrunken singen und tanzen, gehört nicht dazu. Und schunkelnd Fußballlieder eigentlich auch nicht.

WM 2022 in Katar: Für viele bleibt ein bitterer Beigeschmack

Noch schweben viele Fragezeichen für dieses Turnier durch die heiße Wüstenluft. Wird sich das arabische Land auf eine WM einlassen, für die die Voraussetzungen gar nicht schlecht sind. Die Sicherheit ist gewährleistet, das Wetter vorzüglich und die Wege sind kurz – keine der vergangenen Weltmeisterschaften in Südafrika 2010, Brasilien 2014 und Russland konnten diese drei Trümpfe ausspielen. Sollte Katar dann nicht wenigstens eine halbwegs faire Chance bekommen?

Argwohn weckt, dass in dem Emirat kaum Fußballtradition verankert ist. Saudi-Arabien und Iran, die regionalen Großmächte, können diesbezüglich mehr vorweisen. Beide wären als Gastgeber heute auch untragbar gewesen. Doch wenn es über einen gemeinsamen Bewerbungsprozess gelungen wäre, die gesamte Golfregion einzubinden, hätte diese WM tatsächlich ein identitätsstiftendes Großprojekt sein können, bei denen nicht alle westlichen Maßstäbe hätten gelten müssen. Bei Katar aber bleibt für viele mehr als ein bitterer Beigeschmack – ihnen wird speiübel bei der Vorstellung, auf wessen Kosten gekickt wird.

Gleich unweit vom DFB-Campus im Frankfurter Stadtteil Niederrad hängt an einer Straßenbahnhaltestelle eine gebuchte Werbung, die sich den Katar-Fürsprecher Uli Hoeneß vorknöpft: „Bayer, der sich mit Verbrechen auskennt, zur WM“, steht drüber und als angebliches Zitat: „In Katar passiert nichts Illegales.“ Das Hoeneß-Gesicht ist mit einem schwarzen Balken versehen. Soll heißen: Bei dieser WM ist es in Deutschland zappenduster. Da kann in Doha noch so viel bunt leuchten. (Frank Hellmann)

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