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"Ein Traum mit Termin"

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Von: Manuel Schubert

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Wie ein cooler Papa im Trainingsanzug:  Stefan Kuntz.mit Jonathan Tah, der verletzt ausfällt.
Wie ein cooler Papa im Trainingsanzug: Stefan Kuntz.mit Jonathan Tah, der verletzt ausfällt. © Andreas Gebert (dpa)

Für DFB-Coach Stefan Kuntz wird die U 21-EM zur Messlatte. Sein Team zählt zu den Favoriten - sein Vertrag läuft nur bis zum Turnierende.

Das rechte Knie auf den Rasen, das linke nach vorn. Und dann wurde gesägt. Vor, zurück. Ritsch, ratsch. Stefan Kuntz muss seiner Zeit voraus gewesen sein.

Schon lange bevor Miroslav Klose Saltos schlug, Ronaldinho mit ausgestrecktem Daumen und kleinem Finger Surfer grüßte, Luca Toni an seinem Ohr herumschraubte oder Pierre-Emerick Aubameyang sich alberne Batman-Masken überstreifte, wusste der kompakte Mittelstürmer seine Treffer mit einem eigens kreierten Torjubel gebührend in Szene zu setzen.

In 449 Bundesligaspielen für Bochum, Bielefeld, Kaiserslautern und Uerdingen durfte der gebürtige Neunkirchener stolze 179 Mal sägen.

Heute ballt Stefan Kuntz ganz klassisch die Fäuste, wenn ein Tor fällt. Die Säge lässt er im Schrank.

Es sind ja auch nicht mehr seine eigenen Treffer, die er zelebriert, sondern die der talentiertesten Nachwuchskicker des Landes. Der 54-Jährige ist Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft, der bei der an diesem Freitag beginnenden Europameisterschaft in Polen durchaus Titelchancen eingeräumt werden.

Am Sonntag startet die deutsche Auswahl gegen Tschechien ins Turnier (18 Uhr/ZDF). Dann wird auch Kuntz, der den Job 2016 nach den Olympischen Spielen von Horst Hrubesch übernahm und seither vor allem im Hintergrund agierte, ins Rampenlicht treten. Wer den Saarländer auf dem Trainingsplatz beobachtet, der meint, einen coolen Papa vor sich zu haben, der mit einem milden Lächeln seinen Kids dabei zuschaut, wie sie über den Spielplatz tollen.

Kaugummikauend schlendert Kuntz über das Grün, Arme hinterm Rücken, Brust raus, braungebrannt, V-Ausschnitt. Ab und zu macht er einen Spruch, die Spieler lachen. Als er hinterher beantworten soll, ob das die stärkste U 21 seit der EM 2009 sei – damals holten Neuer, Boateng, Khedira, Özil und Co. in Schweden den Titel – legt Kuntz dem Fragesteller kumpelhaft eine Hand auf die Schulter.

„Wenn ich dazu eine Aussage mache“, ulkt er, „dann könnten Sie ja schreiben: ,Woher willst du das wissen?’ Ich bin ja erst seit ein paar Monaten dabei!“ Wieder wird gelacht.

Kuntz ist einer, der gut ankommt bei den Menschen. Vielleicht könnte er damit genau richtig sein beim freundlichen DFB mit all seinen Jogis und Ollis und Andis. Die kommenden Wochen in Polen werden zeigen, ob er der geeignete Mann ist für den Posten des höchsten Nachwuchswartes im Verband, sein Vertrag läuft nur bis zum Ende des Turniers.

Kuntz selbst soll wiederum mit der Aufgabe des DFB-Sportdirektors liebäugeln, die aktuell sein Vorgänger Hrubesch interimsmäßig bekleidet. Es wäre nicht das erste Mal, dass Kuntz nach weniger als zwölf Monaten zur nächsten Aufgabe weiterzieht.

18 Jahre nach dem Ende seiner Zeit als Berufsfußballer hat er seinen Platz noch nicht so recht gefunden. Das gute Gespür, das Kuntz für Lücken im gegnerischen Strafraum und bei der Inszenierung seiner Tore besaß, fehlt dem Europameister von 1996 beim Planen der Karriere nach der Karriere.

Das Arschlochgen fehlt

Als Coach war er in Karlsruhe, Mannheim und Ahlen nur bedingt erfolgreich, für den Trainerjob habe ihm „das Arschlochgen“ gefehlt, erklärte er später. Also studierte der zweifache Bundesliga-Torschützenkönig Sportmanagement und probierte sich als sportlicher Leiter in Koblenz und Bochum, doch auch dort hielt es ihn nicht lange.

Von mehr Bestand war da das Engagement als Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern. Acht Jahre leitete er die Geschicke am Betzenberg, moderierte 2010 gar den Aufstieg in die Bundesliga. Im April 2016 musste Kuntz seinen Herzensklub jedoch durch den Hinterausgang verlassen, die Zusammenarbeit endete im Unfrieden. Querelen mit dem Aufsichtsrat, verschwundenes Geld aus einer Fan-Anleihe, immer wieder Gerüchte über eine verschleierte Insolvenz. Sieben Monate nach seiner freiwilligen Kündigung verwehrtem ihm auf der Jahreshauptversammlung 71,7 Prozent der anwesenden Mitglieder die Entlastung. Nun also zurück auf die Trainerbank. „Ein Ziel ist ein Traum mit Termin“, lautet einer von Kuntz‘ Lieblingssprüchen. Sein Ziel, sein Termin ist der 30. Juni. Dann findet in Krakau das EM-Finale statt.

Die deutschen Auswahlkicker sprechen jetzt schon unverblümt vom Titelgewinn. Und der Reiseleiter? „Wenn die Spieler das Ziel haben, schließt sich das Trainerteam an“, sagt Kuntz und lächelt verschmitzt.

Das „Arschlochgen“ scheint er immer noch nicht in seiner DNA entdeckt zu haben. Vielleicht braucht er das beim DFB auch gar nicht.

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