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Ein Spiel fürs Seelenheil gegen England

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Von: Jan Christian Müller

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Frust pur: Die deutschen Nationalspieler sind nach der Pleite gegen Ungarn bedient.
Frust pur: Die deutschen Nationalspieler sind nach der Pleite gegen Ungarn bedient. © dpa

Das DFB-Team will sich nach der Enttäuschung gegen Ungarn nun im Wembleystadion ein gutes Gefühl für die WM holen.

Die Erinnerungen sind betrüblich. Nach 15 Jahren endete die Ära des Joachim Löw im Londoner Wembleystadion undramatisch. 0:2 gegen England: Deutschland bei der EM ausgeschieden, Bundestrainer weg. Geblieben ist die Reminiszenz an eine grotesk späte Einwechslung des jungen Jamal Musiala in der Nachspielzeit, als längst alles verloren war, an einen einsamen Lauf von Thomas Müller aufs englische Tor, als noch alles drin war, und an die Frage der ARD-Reporterin Jessy Welmer in Richtung des demoralisierten Löw: „Ende gut, alles gut – oder eben nicht alles gut?“

Natürlich war nichts mehr gut an jenem 29. Juni 2021 am selben Ort, an den die deutsche Fußball-Nationalmannschaft an diesem Montagabend (20.45 Uhr/RTL) zum Spiel der Nations League gegen England zurückkehrt. Und auch 14 Monate danach ist vom kraftvollen Start, den Löw-Nachfolger Hansi Flick zunächst hingelegt hatte, gerade nicht mehr viel übriggeblieben. Sie alle miteinander schienen sich ziemlich sicher, dass sie die Gruppe gewinnen und so im kommenden Juni im Final-4-Turnier der Nationenliga dabei sein würden.

Stattdessen am Freitag ein ziemlich desolates 0:1 gegen Ungarn, eine der uninspirierendsten Darbietungen eines DFB-Teams seit Jupp Derwall, Erich Ribbeck und Rudi Völler, eine Vorführung, die vieles zerstörte, was Flick schon auf stabilem Fundament zementiert zu haben glaubte.

„Wir stehen ziemlich argumentlos da“, stammelte selbst der wortgewandte Müller nach der Niederlage, die als wahrhaftige Pleite wahrgenommen wurde. Der Rückschlag wäre halb so wild, würde dadurch nicht sieben Wochen vor WM-Start in Katar die mühsam erarbeitete Überzeugung in die eigene Kraft infrage gestellt. Im ausverkauften Wembleystadion gegen den wankenden Riesen England ist das gewiss keine leichte Probe.

Thomas Müller - inzwischen 33 und schon bei den Endturnieren 2016, 2018 und 2021 kein Faktor - ringt ebenso seit Wochen um Form wie Serge Gnabry und Timo Werner, der nur gegen kleine Gegner verlässlich für Deutschland trifft. Das sind keine guten Aussichten mit Blick auf das Wüstenturnier. „Vielleicht hat man auch gesehen, dass der eine oder andere nicht die leichteste Phase im Verein hat“, räumt Müller ein. Entsprechend klar fiel die Analyse eines um Fassung ringenden Bundestrainers nach einem Spiel „zum Vergessen“ (Ilkay Gündogan) aus: „Wenig Mut, wenig Vertrauen, wenig Dynamik, wenig Intensität, viele Fehler.“

Flick wiederholte vor dem Abflug in die englische Hauptstadt mehrfach, die Niederlage gegen habe „uns die Augen geöffnet“. Offenbar hatte er - keineswegs exklusiv - sein Team überschätzt. Der Bundestrainer müht sich nun redlich, das Gute im Schlechten herauszufiltern: „Die Mannschaft ist wach gemacht worden. Es war eine Niederlage zur rechten Zeit.“

Oliver Bierhoff hörte sich skeptischer an, und wer den Manager länger kennt, weiß, dass er über feine Antennen verfügt, was mentale Power und sportliche Leistungsstärke der von ihm seit 18 Jahren begleiteten Mannschaft angeht. „Wir müssen mehr an uns glauben, und da hilft so ein Spiel wie das gegen Ungarn nicht.“ Da spürt einer, welch fragiles Gebilde diese Mannschaft nach wie vor ist. „Wir wollen in England unbedingt gewinnen, um uns mehr Selbstvertrauen zu holen. Vielleicht kann das etwas für das Gefühl verändern.“ Dieses Gefühl ist gerade bei allen Beteiligten zwiegespalten. „Wir hatten zu viele Spieler, die den Ball nicht wollten“, diagnostizierte Gündogan, der es wissen muss, denn aus seinem Klub Manchester City kennt er derlei scheue Zurückhaltung nicht. Toni Rüdiger, der gelbgesperrt in England ebenso wie Lukas Nmecha (Knieprobleme) fehlt, stimmte zu: „Das war nicht gut genug. „Dieser Dämpfer kommt gerade gar nicht gut.“

Es hat sich eine seltsame Lethargie ins deutsche Team geschlichen, die verdächtig an die letzten, auch durch das Stimmungstief der Corona-Pandemie belasteten Jahre unter Löw erinnerte. Was deshalb nicht vorhersehbar war, weil Flick mit neuen Scouts, neuen Assistenten, neuer Nähe zu den Spielern und deren Klubs Schwung in den Laden gebracht zu haben schien und seit Amtsübernahme verlässlich Niederlagen vermieden hatte.

Die Deutsche Presse-Agentur registrierte kühl: „Acht Siege in Serie, 13 Spiele ungeschlagen. Die Statistiken seines als Verheißung registrierten ersten Jahres als DFB-Chefcoach sind plötzlich nichts mehr wert. Jetzt heißt die Bilanz: Nur ein Sieg aus den vergangenen sechs Spielen.“ Mit einer Niederlage am vorläufigen Ende, der tunlichst keine zweite folgen sollte.

Diese im Weltvergleich nicht unbedingt übertalentierte Mannschaft braucht größte Hingabe, um sich gegen hartnäckige Gegner - wie Ungarn und mutmaßlich auch WM-Startkontrahent Japan sie stellen - erfolgreich zur Wehr zu setzen. „Wichtig war auch die Erkenntnis, dass du halt eine Topeinstellung bringen musst“, hat Bierhoff richtig erkannt. „Sicherlich Richtung Katar auch mehr, weil du genau diese taktischen Dinge nicht einspielen kannst. Desto mehr wird die Mentalität zählen und der Wille, die Aggressivität, die man auf den Platz bringt.“ Davon gab es gegen Ungarn viel zu wenig, was auch der Überschrift „Nations League“ geschuldet sein mag.

In Leipzig blieb noch Zeit, sich mit Präsident Bernd Neuendorf auf die WM-Prämien zu einigen. Ergebnis: keine Inflation, wie zuletzt bei der EM 400 000 Euro für den Turniersieg, keinen Cent beim möglichen Vorrundenaus.

Die WM in Katar, die außer den Gastgebern und einem knappen Dutzend emeritierter, korrumpierbarer Fifa-Funktionäre niemand dort haben wollte, steht wie eine schwer überwindbare Wüstendüne vor dem deutschen Reisetross. Irgendwie scheint es jetzt schon so, als seien sie alle miteinander froh, wenn es endlich vorbei ist. Jogi Löw lässt grüßen.

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