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Ein Land wächst über sich hinaus

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Von: Günter Klein

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Jubel in Rabat - und nicht nur dort - nach Marokkos Sieg gegen Spanien.
Jubel in Rabat - und nicht nur dort - nach Marokkos Sieg gegen Spanien. © AFP

Das marokkanische Nationalteam ist auch deshalb so erfolgreich, weil das Land sich inzwischen jenen Spielern öffnet, die woanders geboren und groß wurden

Die aus Marokko angereisten Journalisten hätten jetzt Fragen stellen können an Trainer Walid Regragui, aber daran hatten sie gar kein Interesse. Sie meldeten sich zu Wort, um zu danken („im Namen von 40 Millionen Marokkanern“), ihre Gefühlslage zu schildern („Ich habe Tränen in den Augen“) und zu bitten („Trainer, bringen sie uns ins Finale!“). Wie das ganze Land waren sie in den Ausnahmezustand übergetreten: Marokko durch einen Sieg im Elfmeterschießen im Viertelfinale (gegen Portugal). Arbeitsroutine greift nicht mehr in einem solchen Moment nationalen Glücks.

Grenzenlose Begeisterung

Auch in der Stadt bewegte sich etwas: Autokorsos mit marokkanischen Fahnen und mit Fans, die auf den Dächern der Limousinen saßen, umkurvten den Souq Waqif, den Fußball-Treffpunkt in Doha. Die Nacht gehörte dem Sensationsteam der WM. Wobei: Ganz so überraschend wirkt ein Sieg über Spanien nicht mehr nach einer souveränen Vorrunde mit 0:0 gegen Kroatien, 2:0 gegen Belgien, 2:1 über Kanada. Marokko ist die einzige ungeschlagene Mannschaft im Turnier neben England und den Niederlanden. Ist das Team aus Nordafrika ein Titelanwärter?

Marokko war sechsmal bei einer WM und hat nie viel gerissen. Es hat sich fünfmal um die Ausrichtung des Turniers beworben und ist nie berücksichtigt worden, zuletzt für 2026 an USA/Mexiko/Kanada gescheitert, aus der Fifa gab es wenig Rückhalt. Jetzt hat Marokko eine Mannschaft wie nie zuvor, was auch mit dem Gedanken von Diversität zu tun hat. Das Land hat sich gelöst von dem Gedanken, dass, wer für Marokko spielt, dort geboren und aufgewachsen sein sollte. 14 Spieler des 26er-Kaders kamen im Ausland zur Welt, sie haben marokkanische Wurzeln, wurden deshalb gesichtet und angesprochen. Trainer Walid Regragui, 47, ist solch ein Fall: Er stammt aus Frankreich, spielte international dann für Marokko und orientierte sich später („Ab 2014“) als Trainer dorthin. „Früher“, sagt er, „hatten wir eine Spaltung, heute gilt für uns: Wer einen marokkanischen Pass hat, ist Marokkaner. Ich erkläre den Spielern: ,Wenn du kommst, musst du 100 Prozent geben.‘“ Das tun sie: Achraf Hakimi, der Ex-Dortmunder, der nun für Paris Saint-Germain verteidigt, Hakim Ziyech vom FC Chelsea, Azzedine Ounahi vom SCO Angers, der Spaniens Trainer Luis Enrique auffiel („Die Nummer 8 hat nicht aufgehört zu laufen“), und Yassine Bounou, kurz Bono, der fantastische Torwart des FC Sevilla, der alle drei spanischen Versuche im Elfmeterschießen meisterte.

Der König ruft an

„Wir müssen unterschiedliche Fußballkulturen zusammenführen, für die unsere Spieler stehen“, erklärt Regragui seine Aufgabe. Aber so international wie das Nationalteam ist auch die Fangemeinde darum herum. „Unsere Anhänger sind aus den USA und aus Europa angereist, sie kamen zu uns ins Hotel wegen Tickets. Und wir haben viele Leute, die hier vor Ort leben.“ Der Trainer weiß das, er hat bis vor ein paar Monaten für einen Klub in Doha gearbeitet. Erst kurzfristig wurde er Nationaltrainer. Er sieht, dass in Marokko vieles vorangeht in Sachen Fußball. „Die Möglichkeiten sind exzellent – vor allem in der Mohammed-VI.-Akademie. Benannt nach dem König, der am Dienstag den Trainer und die Mannschaft auch anrief. „Das ist außergewöhnlich für einen Marokkaner, von ihm angerufen zu werden“, so Regragui, „er bringt uns zusammen, gibt uns Stärke, wir kämpfen für ihn.“

Auch im Viertelfinale am Samstag. Walid Regragui geht es wieder pragmatisch an. Wie gegen Spanien, „da wussten wir: Wir können nicht Ballbesitz haben, wir müssen extrem gut organisiert sein. Aber wir werden auch Risiken eingehen, das können wir tun mit Bono als Torwart.“ Der 31-Jährige sagt: „Wir fühlen die Unterstützung der Menschen in Marokko. Was wir hier leisten, ist ein Geschenk an sie.“ Nun erwartet das Land ein weiteres.

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