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Haltung zeigen: Andreas Möller vor der englischen Fankurve mit provokanter Pose.
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Haltung zeigen: Andreas Möller vor der englischen Fankurve mit provokanter Pose.

Drama in Wembley 1996

Ein Held und die Pose für die Ewigkeit

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
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Andreas Möller verwandelt 1996 den entscheidenden Elfer im Halbfinale, imitiert Paul Gascoigne und fehlt im Endspiel.

Vor einiger Zeit ist ein Fotoreporter des DFB-Journals, der eine Geschichte zum 25-jährigen Jubiläum des deutschen EM-Triumphs von 1996 bebildern sollte, auf eine hübsche Idee gekommen. Andreas Möller sollte sich doch jetzt, ein Vierteljahrhundert danach, in zivil und mittlerweile 53-jährig, noch einmal so in Pose werfen wie damals, am 26. Juni 1996, im alten Wembley-Stadion, nach jenem entscheidenden Schuss aus elf Metern, ein Schuss, der den Deutschen das Finale brachte. Natürlich konnte der Fotograf im Frühjahr nicht ahnen, dass es ein paar Monate später wieder zu einem Aufeinandertreffen der beiden alten Rivalen bei einer Fußball-Europameisterschaft kommen würde. Aber die Idee hatte Charme.

Nur wollte der Andy nicht so recht.

Vielleicht ist ihm die Szene inzwischen ein bisschen peinlich, ein historisches Dokument ist sie allemal, auch jetzt wird das Bild (siehe rechts) wieder aus den Archiven herausgezerrt: Wie Andreas Möller nach dem sechsten und entscheidenden Elfmeterschuss völlig entrückt in Richtung englischer Fankurve rennt, stehen bleibt, die Arme in die Hüfte stemmt, Brust und Kopf hochreckt, wie ein kleiner Feldherr. So ähnlich, nur liegend, hatte zuvor auch das englische Entfant terrible Paul Gascoigne sein Traumtor gegen Schottland gefeiert. Seht her, sollte das heißen, sagte Andy Möller viel, viel später, „wir sind im Finale, wir haben es gepackt, wir, in eurem Wohnzimmer“. Die Aktion nach dem sechsten Volltreffer an David Seaman vorbei war nicht geplant, sagt Möller, „nullkommanull“. Es sei eine Demonstration der Stärke gewesen, immerhin habe man den von 80 000 Menschen frenetisch unterstützen EM-Gastgeber geschlagen. „Ich war stolz wie Bolle“, erinnert sich Möller an diesen Moment.

Aber wie so vieles in seinem Fußballerleben hat Andreas Möller auch diese Pose nicht so furchtbar ernst gemeint wie sie dann geworden ist: „Das war alles ganz spontan, aus der Situation heraus.“ Und in solchen Ausnahmesituationen tut man bisweilen instinktiv und aus der Emotion heraus Dinge, die einen hinterher dann befremdlich vorkommen. Selbst Oliver Bierhoff, der ein paar Tage später im Endspiel mit seinem Golden Goal noch mehr Geschichte schreiben sollte, hat oft genug erzählt, wie seltsam er es fand, dass ausgerechnet er beim Torjubel sein Trikot ausgezogen hatte. Das habe er davor und danach nie getan.

An das Spiel gegen die Engländer hat Andreas Möller, inzwischen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt und fünffacher Vater, natürlich noch beste Erinnerungen - trotz aller anderen Erfolge, die er errungen hat. Der gebürtige Frankfurter aus Sossenheim, der beim Stadtteilklub BSC Schwarz-Weiß 19 auf Asche mit dem Kicken begonnen hat, hat ja alles gewonnen, was es als Fußballer zu gewinnen gibt, Welt- und Europameister ist er geworden, Champions-League-Sieger mit Borussia Dortmund, Uefa-Pokalsieger, Weltpokalsieger, Deutscher Meister und Pokalsieger, Meister in Italien mit Juventus Turin, sogar „Meister der Herzen“ mit Schalke 04. Er war einer jener hochbegabten Frankfurter, die 1992 in Rostock ihr Trauma erlebten. Aber gerade dieses Turnier auf der Insel hat er geprägt mit seinen Tempoläufen, Mitte der 90er Jahre hatte er seine beste Zeit.

Dieser Halbfinale-Klassiker, in dem Möller die DFB-Auswahl als Kapitän auf den heiligen Rasen führte, war vorher medial vom britischen Boulevard gewohnt martialisch angeheizt worden. „Achtung“, titelte etwa der „Daily Mirror“, „for you Fritz, ze Euro Championship is over“, darunter ein Bild von Stuart Pearce und Gascoigne mit Stahlhelm (siehe Bild auf Seite S2).

Tatsächlich begannen die Hausherren enorm druckvoll, sie waren sofort feldüberlegen, nach drei Minuten erzielte Alan Shearer die Führung, „in den ersten 20 Minuten hätten wir drei, vier Stück fangen können“, erinnert sich Möller, Stefan Kuntz schaffte den Ausgleich (16.) , danach neutralisierten sich beide weitgehend. Paul Gascoigne, damals nicht mehr in allerbester körperlicher Verfassung, hatte in der Verlängerung das Golden Goal auf dem Fuß, er rutschte aber um Haaresbreite am Ball vorbei. Es ging ins Elfmeterschießen, das zunächst auch keinen Sieger brachte, alle Schützen trafen: Alan Shearer, David Platt, Stuart Pearce, Paul Gascoigne, Teddy Sheringham auf englischer, Thomas Häßler, Thomas Strunz, Stefan Reuter, Christian Ziege, Stefan Kuntz auf deutscher Seite. Kapitän Möller war als nächster dran - aber er hatte den psychologischen Vorteil auf seiner Seite: Gareth Southgate, der heute als Trainer im seriösen Outfit mit Weste und Krawatte die Three Lions anleitet, war mit seinem Versuch an Torwart Andreas Köpke gescheitert, Möller konnte also nur gewinnen – und knallte den Ball ohne mit der Wimper zu zucken in die Maschen.

Pikanterie am Rande: Für ihn, den Helden des Abends, war damit das Turnier beendet. Wegen der zweiten Gelben Karte, die er nach einer harmlosen Rangelei mit Pearce gesehen hatte, war er für das Endspiel gegen Tschechien gesperrt. „Schiedsrichter Sandor Puhl hatte mich auf dem Kieker“, ist sich Möller noch heute sicher. „Für mich ist da eine Welt zusammengebrochen.“ Im Finale stehen und nicht dabei sein, „schrecklich“. Im Elfmeterschießen habe er sich von dieser tiefen Enttäuschung halbwegs „frei machen können“, immerhin. Auch Stefan Reuter durfte wegen einer Gelbsperre am 30. Juni 1996 nicht auf den heiligen Rasen.

„Es war“, sagt Andy Möller im Rückblick, „eine Europameisterschaft des Willens!“ Und eine, die unfassbar viele Rückschläge für die DFB-Auswahl bereithielt, über ganze 14 einsatzbereite Feldspieler verfügte Bundestrainer Berti Vogts vor dem Finale nur noch, eine selten erlebte Verletztenserie hatte die Deutschen schwer gebeutelt, Jürgen Kohler zog sich im ersten Gruppenspiel gegen Tschechien (2:0) einen Innenbandriss zu, Mario Basler verletzte sich böse am Sprunggelenk, im Viertelfinale gegen Kroatien (2:1) brach sich Fredi Bobic die Schulter, Jürgen Klinsmann holte sich einen Faserriss (und wurde irgendwie doch für Endspiel fit), Steffen Freund riss im Londoner Halbfinale das Kreuzband. Thomas Helmer trug ständig Kältebeutel auf seinen lädierten Knien. Der DFB durfte außer der Reihe einen Spieler nachnominieren, Jens Todt kam auf die Insel, und der Verband ließ vorsichtshalber zwei Feldspielertrikots für die Ersatztorhüter Oliver Reck und Oliver Kahn beflocken.

„Der Teamspirit war überragend“, sagt Möller, alle, auch die Führungsspieler, hätten ihr Ego zugunsten der Gruppe untergeordnet. Nie passte der legendäre Spruch von Berti Vogts so gut wie seinerzeit: „Der Star ist die Mannschaft.“

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