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Nicht sehr willkommen in Down Under gerader; Novak Djokovic. Foto: Imago images
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Nicht sehr willkommen in Down Under gerader; Novak Djokovic.

Skandal um Novak Djokovic

Skandal um Tennis-Ass Novac Djokovic

  • VonJörg Allmeroth
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Eine Sondergenehmigung, die die halbe Welt empört: Darf ein Sportler mit unklarem Impfstatus zu den Australian Open reisen?

Novak Djokovic blickte in einer Lounge des mondänen Monte Carlo Country Club aufs Mittelmeer, an einem sanften Frühlingstag vor ein paar Jahren. Er war schon zum Weltstar geworden, er hatte Roger Federer und Rafael Nadal in der Weltrangliste überholt, war die Nummer eins geworden. Und nun knabberte der junge Mann aus Belgrad an der letzten Frage eines längeren Interviews. Er wisse nicht, sagte Djokovic damals, ob er die Frage wirklich beantworten solle. Dann aber tat er es selbstverständlich doch, ganz Medienprofi, der er ist. Die Frage lautete: Wie würden Sie jemandem Novak Djokovic beschreiben, der noch nie von ihm gehört hat? Djokovics Antwort war durchaus erhellend: „Die schlechten Seiten? Er ist manchmal eifersüchtig. Er ist vielleicht ein Stück zu emotional, zu ehrgeizig. Das Gute: Er ist ein kommunikativer Mensch. Voller Energie, voller Leben. Er zeigt offen seine Seele nach draußen. Und er ist verantwortungsvoll und freundlich.“

Man könnte auch jetzt, in den ersten Tagen des Jahres 2022, einiges von dem unterschreiben, was Djokovic über Djokovic sagte. Nur eine schwere, längst nicht mehr unerhebliche Einschränkung gibt es. Denn in der Corona-Krise entpuppte sich Tennisleader Djokovic in den letzten beiden Jahren nicht gerade als Vorbild, als weitblickende, solidarische Führungsfigur. Sondern weithin als Mann mit einer Art Allmachtsphantasie, als ichbezogener Akteur, der gern und lieber Privilegien in Anspruch nimmt statt Gemeinsinn vorzuleben.

Am Ende eines kapriolenreichen, oft befremdlichen Ego-Trips steht nun die verblüffende Teilnahme des Nummer 1-Spielers des Planeten an den Australian Open 2022 mit einer medizinischen Sondergenehmigung, vorbei an der Impfpflicht für die Top-Profis. Oft lamentierten der 34-jährige und seine Entourage in jüngerer Vergangenheit über mangelnde Zuwendung der Fans und unangemessene Würdigung der großen Erfolge – nun wird Djokovic allerdings in Melbourne mutmaßlich ein Spießrutenlaufen erleben. Ausgerechnet er, der Rekordgewinner des Grand Slams Down Under, der dort gefeierte Seriensieger, wird mit wütenden Reaktionen von Kollegen und Kolleginnen, vor allem aber von Fans und der breiten Öffentlichkeit rechnen müssen.

In den Kommentarspalten der australischen Zeitungen und Online-Medien zeichnete sich nach der Verkündung der Starterlaubnis schon ab, was Djokovic und dem Ausrichter Tennis Australia blühen könnte ab dem 17. Januar, dem Tag, an dem das erste Majorturnier der Saison in die Startblöcke geht. Von „Korruption“ war da die Rede, von „Schande“, „Doppelmoral“, „Geldgier“ und „schändlichem Promibonus“ für den neunmaligen Sieger Djokovic. Aber eiserne Tennisfans drohten auch ganz handfest mit Boykott des Wettbewerbs, mit der Rückgabe bereits gekaufter Tickets und Protestaktionen auf dem Gelände am Yarra River. „Ich glaube, das Ganze kann sich für die Veranstalter und auch für Djokovic zum Super-Gau entwickeln“, sagte ein ehemaliger australischer Tennis-Spitzenfunktionär, „das ist das denkbar größte Desaster, das man sich einhandeln konnte.“

In der internationalen Tennisszene wird das Startrecht für Impfgegner Djokovic bereits als der folgenschwerste Großschaden seit dem Dopingfall Scharapowa gehandelt. Und zwar auch deshalb, weil den Beteuerungen des Grand Slam-Ausrichters, wonach der Entscheidungsprozess in der Causa Djokovic auf einer fairen und unabhängigen Basis abgelaufen sei, nicht wirklich Glauben geschenkt wird. Man könne sich kaum vorstellen, dass die Anonymität Djokovics beim Antrag auf eine Sondergenehmigung gewährleistet gewesen sei, wandten Kritiker ein, insgesamt habe zu viel für Tennis Australia und seinen alerten Boss Craig Tiley auf dem Spiel gestanden.

Der Grand Slam-Chef hatte schon im Vorjahr Kritik auf dem Fünften Kontinent auf sich gezogen, als er das Grand Slam-Spektakel auch mit allerlei Geschacher und Kungeleien mit den politischen Entscheidungsträgern durchgeboxt hatte. Mit der Zulassung Djokovics zum Turnier 2022 könnte Tiley allerdings endgültig überdreht haben in seinem grenzenlosen Geschäftssinn. Niemand könne verstehen, warum Djokovic der rote Teppich ausgebreitet werde, schrieb ein Leser des „Sydney Morning Herald“ – in einem Land, in dem ansonsten während der Pandemie Verwandte 600 Tage getrennt gewesen seien und Melbourne sich sechs Mal in einem harten Lockdown befunden habe.

Und Djokovic? Es war klar, dass sich der beste Tennisspieler der Welt der Tragweite und der Konsequenzen dieser Extratour vollständig bewusst, aber dass es ihm eben auch total egal war. Der Vorgang spiegelte eigentlich nur wider, wie sich der Mann aus Belgrad während der Weltkrise bisher stets verhalten hatte – nämlich nach dem Motto: Ich tue, was mir gefällt. So war das schließlich auch schon bei seiner missratenen Adria-Tour im Frühling 2020 gewesen, die vor vollgepackten Zuschauerrängen und mit ausufernden Partynächten über die Bühne ging. Und ein fatales Nachspiel mit serienweise infizierten Profis und Fans hatte. Damals schon lästerte ein US-amerikanischer Profikollege in einer WhatsApp-Gruppe: „Es sieht so als, als habe er dem Erdball den Mittelfinger zeigen wollen.“

Vielleicht fühlen sich Djokovic und seine Entourage auch schon von irdischen Beschwernissen und Gesetzmäßigkeiten befreit. So erklärte sich Djokovics Mutter Dijana letztens mit erstaunlicher Begründung zur klammheimlichen Wegbereiterin des Wimbledon-Triumphs 2018 ihres Sohnes. Als Gegenspieler Roger Federer zwei Matchbälle im fünften Satz des Finalkrimis hatte, da habe sie zu ihrem Kreuz vom Fluss Don gegriffen und um den Sieg des Sohnes gebetet. „Und dann hat Novak die Matchbälle abgewehrt und gewonnen. Er wurde von Gott gerettet“, sagt die Mama, „auch Novak glaubt an Gott. Er fühlt sich auserwählt. Er trägt ein Kreuz, das ihm Frieden und Glück bringt.“

Allerdings vertraut Djokovic, wie man in der Corona-Lage erfahren musste, eher mehreren Göttern. Oder Götzen. Denn bei aller Vernunft und Kühle, die Djokovics hocheffizientes Spiel inzwischen prägen, ist doch eins verwunderlich: Sein Hang zur Esoterik, zur Pseudowissenschaft, zur sehr alternativen Medizin. Seine Nähe zu Scharlatanen oder Mentalgurus, die wie der Spanier Felipe Imaz ein merkwürdiges Peace-and-Love-Mantra predigen. Als Djokovic sich einst den Parolen des asketischen Spaniers zuwandte, verließ ihn bald Erfolgstrainer Boris Becker. Später schasste Djokovic den Rest seines langjährigen Serviceteams, nur um die Buddies bald wieder reumütig zurückzuholen. Mit der kleinlauten Bemerkung, er sei zwischenzeitlich vom „Weg abgekommen“ und habe nicht mehr gesehen, „wer wichtig ist für mich.“

Kurz nachdem er sich in der Corona-Krise als Impfgegner outete, präsentierte er sich als Fan einer bizarren, windigen Theorie. In einem Gespräch mit seinem vermeintlichen „Bruder“ Chervin Jafariah, einem ehemaligen iranischen Immobilienmakler, stellte der Weltranglisten-Erste die Behauptung auf, Menschen könnten mit purer Gedankenkraft die Moleküle verschmutzten Wassers reinigen. Ob ihn Ehefrau Jelena einbremsen konnte? Eher zweifelhaft. Schließlich verstörte die ambitionierte Gattin ihrerseits mit der Weiterverbreitung eines dubiosen Instagram-Beitrags, in dem nebenbei die Corona-Pandemie als Folge der neuen 5G-Technologie erklärt wurde. Er und Jelena, sagt Djokovic, seien „Seelenverwandte“.

Djokovic ist in der Tenniswelt bekannt dafür, seinem Tun und Handeln stets einen wortreichen philosophischen Überbau zu verleihen, das banale Analysieren von Taktik, Strategie, Schlägen ist ihm nicht mehr genug. Er kann sehr einnehmend sein, charmant, offenherzig, humorvoll. Stets zu Scherzen aufgelegt, so wie in seinen wilden Frühzeiten im Circuit, als er bühnenreife Imitationen der lieben Mitstreiter zum Besten gab. Er ist auch ein bemerkenswerter Wohltäter, kümmert sich mit seiner Stiftung um benachteiligte Kinder vor allem in der Heimat. Viel habe er sich indes „kaputtgemacht“ in den letzten Wochen und Monaten, sagen selbst Bekannte und Freunde, die Bodenhaftung sei verloren gegangen.

Djokovics Eskapaden erinnerten an eine Mahnung, die einst der gewiefte Großmanager Ion Tiriac seinem Teenager-Schützling Boris Becker mit auf den Weg gab. Man könne sich über Jahre Hochachtung, Respekt und Anerkennung aufbauen, so sagte Tiriac, „aber du kannst alles mit einem Fehler zerstören. An einem Tag.“ In Australien jedenfalls ist die Liebe der Tennisfans zum buchstäblichen Ausnahme-Spieler ziemlich erkaltet. Ein Twitter-Nutzer spöttelte, der Spieler, der Djokovic in diesem Jahr in Melbourne schlage, werde in Australien lebenslang sein Bier nicht mehr bezahlen müssen.

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