+
Der "Kicker" hat Manuel Neuer aus seiner Rangliste geworfen.

Manuel Neuer

Ehrliches Urteil

  • schließen

Bundestrainer Joachim Löw sollte das Leistungsprinzip nicht mehr derart offenkundig außer Kraft setzen wie zur WM 2018. Ein Kommentar zu Manuel Neuer.

Gerade erst hat Manuel Neuer die Nation via „SZ“-Interview darüber in Kenntnis gesetzt, er sei „immer noch sehr hungrig und habe das große Bedürfnis, in der Nationalmannschaft zu spielen“.
Zu diesem Zeitpunkt, das alte Jahr war noch nicht ganz zu Ende gegangen, hatte die Redaktion des „Kicker“ bereits den Daumen gesenkt. Diese Woche überbrachte das Fachblatt dann die für Neuer ernüchternde Nachricht durch bloßes Weglassen des viermaligen Welttorhüters in ihrer gefürchteten „Rangliste des deutschen Fußballs“. Mehr als zehn Jahre lang war der 32-Jährige zuvor ständiges Mitglied der Bestenliste gewesen, neunmal sogar in der Höchstkategorie Weltklasse. 

Die Redakteure, die sich für ihre Einstufungen stundenlang in die heiligen „Kicker“-Gemäuer in Nürnberg zurückzuziehen pflegen, haben ein ehrliches Urteil gefällt und dies in Begleittexten hinreichend begründet. Denn den Manuel Neuer, der das Torwart-spiel weltweit spätestens mit seinem epochalen WM-Achtelfinalauftritt 2014 hinter einer überforderten deutschen Abwehr gegen Algerien auf eine ganz neue Stufe gehoben hatte, gibt es nicht mehr. Drei Operationen am Mittelfuß und eine einjährige Verletzungspause haben ihm die Souveränität, Sicherheit und Selbstverständlichkeit genommen.

Es wäre vermessen zu erwarten, dass der jahrelang Unantastbare seine als fast übermenschlich empfundene Perfektion und Präzision komplett zurückerlangt. Aber natürlich kann aus Manuel Neuer wieder ein herausragender Keeper werden. Genau das ist Marc-Andre ter Stegen beim FC Barcelona längst stabil geworden. 

Die konsequente Beurteilung des „Kicker“ sollte  auch für den Bundestrainer Richtschnur seiner Personalentscheidung für die bevorstehende EM-Qualifikation werden, wiewohl Joachim Löw den Fall sensibler handhaben muss als unbarmherzige Journalisten im abgeschotteten Konferenzraum. Denn Löw hat neben dem Leistungsvermögen auch Neuers Führungsqualitäten als Kapitän, das mediale Echo, die Wirkung auf die Teamhierarchie und dessen zu erwartenden Umgang mit einer möglichen Versetzung ins zweite Glied angemessen zu beurteilen. Aber er sollte dabei das Leistungsprinzip nicht mehr derart offenkundig außer Kraft setzen wie zur WM 2018.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion