Eine Rente muss man sich verdienen: Jugendcoach bei der Trainerarbeit im Kinderfußball.
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Eine Rente muss man sich verdienen: Jugendcoach bei der Trainerarbeit im Kinderfußball.

Das System Ehrenamt

Lobbyist fürs Ehrenamt: DFB will Impulse setzen – Rentenpunkte würden viele Milliarden Euro kosten

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Wie DFB und DOSB sich als Lobbyisten der Sportvereine daranmachen, das angeblich vom Kollaps bedrohte System Ehrenamt aufzuwerten. 

  • DFB will Gewährung von ein paar Rentenpunkten fürs Ehrenamt
  • Deutsche Rentenversicherung reagiert ablehnend
  • Kosten würden explodieren

Wo immer Fritz Keller seit seiner Wahl zum Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes auftritt, versteht der 62-Jährige sich vor allem als Lobbyist fürs Ehrenamt und die kleinen Klubs. Ein raffinierter Plan – fürs eigene Image und das eines Verbandes, der nicht nur beim einfachen Volk um Anerkennung ringt. Das Credo des Südbadeners: Die regierenden Politiker unter Handlungsdruck setzen und dabei in einem Zug Punkte an der Basis sammeln. Selbst die jüngsten tätlichen Übergriffe auf Schiedsrichter bei Amateurspielen organisierte Keller rhetorisch erst einmal weg vom Fußball: Derlei verachtenswerte Attacken seien „auch ein gesellschaftliches Problem. Da ist auch die Politik gefragt“.

Schon bei seiner Antrittsrede Ende September im Frankfurter Kongresszentrum war Keller die Legislative sozusagen im Pressing angegangen. „Die deutschen Gesetze über das Vereinsrecht sind aus Wilhelminischer Zeit“, behauptete er und stellt seitdem gebetsmühlenartig drei konkrete Forderungen:

  • Erstens: Gewährung von „ein paar Rentenpunkten“ für ehrenamtliches Engagement: „Es geht um Anerkennung.“
  • Zweitens: Geringere Haftungsrisiken für ehrenamtliche Vereinsvorstände, „wenn irgendein Unfall passiert“.
  • Drittens: Weniger Lärmschutzauflagen gegen den Fußball: „Es kann nicht sein, dass in Städten um 21 Uhr aufgehört werden muss zu trainieren, weil irgendeiner seine Ruhe will.“

DFB-Boss Fritz Keller nimmt es mit den Fakten nicht immer so genau

Wer das Gesagte checkt, kommt zu dem Zwischenergebnis, dass der neue Chef des größten Einzelsportverbandes der Welt (7,1 Millionen Mitglieder) es bisweilen mit den Fakten nicht ganz so genau nimmt: Kellers Verweis auf die Wilhelminische Zeit um 1900 darf man getrost als populistisch zugespitzten Beitrag betrachten, der allerdings aktuelle Entwicklungen unterschlägt. Tatsächlich ist im vergangenen Jahrzehnt mehr passiert als in hundert Jahren davor. So ist etwa das für das Vereinswesen bedeutende Ehrenamtsstärkungsgesetz zeitlich im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu verorten, genauer: im Jahr 2013. Dort geht es unter anderem um moderne Errungenschaften wie eine Erhöhung der steuerfreien Übungsleiterpauschale von jährlich 2100 auf 2400 Euro sowie der Ehrenamtspauschale von 500 auf 720 Euro.

Auch wurde im März desselben Jahres im Bürgerlichen Gesetzbuch dem Paragraphen 31 ein Zusatz a hinzugefügt, laut dem ehrenamtliche Vereinsvorstände nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit haften. Und: Die Lärmschutzgesetzgebung wurde auch auf Initiative des DFB gerade erst im Frühjahr 2017 vor allem im Interesse des Fußballs überarbeitet. Seitdem darf auch auf Altanlagen, deren Hartplätze zu Kunstrasenplätzen umgewandelt wurden, in der Regel genauso wie zuvor gebolzt werden.

Hintergrund: Rechtlich verunsicherte Kommunen hatten die Nutzung von Fußballplätzen nur deswegen eingeschränkt, weil ein neuer Oberflächenbelag aufgetragen worden war. Zudem darf seit der Gesetzesnovelle bis 22 Uhr um fünf Dezibel lauter Sport getrieben werden. Klingt wenig, ist aber viel. Und: 22 Uhr ist also eine bedeutende Deadline fürs Kicken unter freiem Himmel, nicht etwa die von Keller wiederholt vorgetragenen 21 Uhr.

Der DFB räumt den Lapsus mit der falschen Uhrzeit ein, sieht aber weiter Anlass, sich dem Thema anzunehmen: Denn es seien seinerzeit „nicht alle Forderungen des Sports“ umgesetzt worden. Zwar hatte der DFB noch 2017 jubiliert: „Die Reform der Sportanlagenlärmschutzverordnung ist ein Durchbruch für den Sport.“ Freilich mit Einschränkungen: „Dass Kinderlärm bei Kindertagesstätten weitgehend erlaubt, auf Fußballplätzen jedoch weiterhin eingeschränkt werden soll, ist unverständlich“, monierte der damalige Präsident Reinhard Grindel, der den höheren Schutz des Sports vor lärmend klagenden Nachbarn damals vehement vorangetrieben hatte.

Was die Haftung betrifft, herrscht laut DFB „weiterhin starke Unsicherheit in den Vereinen“. Die im Jahr 2013 im Interesse des Amateursports angepassten Regelungen hätten zwar „bereits weitreichende Verbesserungen für ehrenamtliche Vorstände oder Schatzmeister in gemeinnützigen Vereinen“ gebracht. Dennoch belegten Rückmeldungen von der Basis, dass vielen „die damit verbundenen Risiken nicht bewusst sind“. So sei etwa der „Unterschied zwischen einfacher und grober Fahrlässigkeit fließend“. Der DFB setze sich daher dafür ein, „eine weitgehende Haftungsfreistellung von ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern zu erreichen“. Aber klar ist natürlich auch: Wer meint, einen Schiedsrichter mit der Eckfahne vertrimmen zu dürfen oder aus Eigennutz in die Kasse greift, muss auch künftig völlig zu Recht mit Strafverfolgung rechnen.

DFB will Sache mit den Rentenpunkten weiter verfolgen

Auch die Sache mit den Rentenpunkten will der DFB weiter verfolgen. Der Verband möchte so bei der „Aufwertung des Ehrenamtes neue Impulse setzen“. Eine Anrechnung von ehrenamtlicher Tätigkeit bei der Studienplatzwahl sei ebenfalls begrüßenswert. Jedenfalls für junge Menschen, für die das Rentenalter noch ein bisschen weiter fern liegt.

Zu den geforderten Rentenpunkten kommt aus dem Hause der Deutschen Rentenversicherung allerdings eine deutlich abschlägige Reaktion. Pressesprecher Dirk von der Heide erläutert, das Thema sei bereits eingehend durch die Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ erörtert worden. In ihrem Bericht habe sich diese Kommission „gegen eine Anrechnung von ehrenamtlichen Zeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung ausgesprochen“. Die von der Kommission genannten Gründe halte die Deutsche Rentenversicherung „nach wie vor für richtig“. 

Denn mit der Anerkennung von Rentenpunkten würde eine ehrenamtliche Tätigkeit „entlohnt“ und damit analog einer Erwerbsarbeit betrachtet werden. Die gesetzliche Rentenversicherung diene aber gerade dazu, den Ausfall von Erwerbseinkommen, vor allem im Alter, abzusichern. „Freiwilliges, ehrenamtliches Engagement führt jedoch gerade nicht zu Erwerbseinkommen, dessen Verlust es zu kompensieren gilt.“ Zudem weise der Bericht der Enquete-Kommission zutreffend darauf hin, dass „die Zugangsberechtigung für entsprechende Begünstigungen kaum sachgerecht geregelt und außerdem nur mit erheblichen bürokratischem Aufwand umgesetzt werden könnte“.

Zusatzrente dürfte nicht auf Fußball begrenzt bleiben

Konkret blieben also komplizierte Fragen zu klären. Wie etwa sollte jemand aus der Rentenkasse profitieren, der jahrzehntelang am Wochenende die Eintrittsgelder am Sportplatz kassiert, Trikots wäscht oder regelmäßig Kuchen fürs Vereinsheim backt, im Vergleich zu jemandem, der fünf, sechs Jahre lang die Jugendmannschaft coacht, in welcher der eigene Sohn kickt? Also: Wie kommt man der Wahrheit auf die Spur, wer wie hart und ausdauernd und selbstlos ehrenamtlich tätig war? Schlüssige Antworten darauf hat ehrlicherweise niemand.

Eine präzise Antwort darauf, was die von DFB-Chef Keller anvisierten „paar Rentenpunkte“ der Rentenkasse kosten würden, hat die Deutsche Rentenversicherung dagegen sehr wohl parat: „Die Gesamtkosten würden pro Jahr für die Anrechnung von einem Entgeltpunkt bei einer Million Ehrenamtler rund 400 Millionen Euro betragen“, heißt es auf FR-Anfrage.

Interpretiert man „ein paar“ Rentenpunkte mal bescheiden als „ein Paar“ Rentenpunkte, also exakt als deren zwei, wäre die Belastung schon enorm. Denn: Nach DFB-Angaben engagieren sich allein rund 1,7 Millionen Menschen im Fußball ehrenamtlich. Laut dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sind es im gesamten Sport hierzulande rund acht Millionen Ehrenamtler. Insgesamt gibt es im ganzen Land unterschiedlichen Berechnungen zufolge zwischen 12,5 und 31 Millionen ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger.

Bei je zwei Rentenpunkten pro Kopf würden die Kosten rund zehn Milliarden Euro pro Jahr betragen

Natürlich könnten fairerweise nicht nur ehrenamtlich im Fußball Tätige mit einer Zusatzrente beschenkt werden, auch eine Begrenzung auf den Sport verbietet sich im Grunde, sondern es müssten wohl auch Freiwillige Feuerwehrleute, ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, Kulturschaffende oder Altenbetreuer in den Genuss von Rentenpunkten kommen. Das würde dem Staat bei der Mindestzahl von 12,5 Millionen Ehrenamtlern und jeweils zwei Rentenpunkten pro Kopf rund zehn Milliarden Euro pro Jahr kosten. Eine gewaltige Summe, die ja irgendwie finanziert werden müsste.

Andreas Silbersack, im DOSB für den Breitensport zuständig, entgegnet diesen Zahlen mit einer Gegenrechnung: „Wir müssen“, argumentiert der 53-Jährige, der elf Jahre lang den Landessportbund Sachsen-Anhalt anführte, „jetzt schon an die nächsten Dekaden denken“ und dabei an das Ehrenamt als Stützpfeiler der Gesellschaft. „Wenn dieses System zusammenbricht, wird es noch viel teurer.“ Ohnehin empfinde er es als „in Teilen beschämend“, wenn man in dieser Debatte „die Monetarisierung in den Vordergrund“ stelle. Auch die faire Erfassung der geleisteten ehrenamtlichen Tätigkeit dürfe nicht am Anfang der Diskussion stehen: „Natürlich bringt es uns nichts, wenn wir einen verwaltungstechnischen Popanz aufbauen, der uns mehr Arbeit macht, als dass er Vorteile verschafft.“ Aber, bitte schön, der Reihe nach: Diese „intelligente Aufgabe“ gelte es zu lösen, nachdem die Forderung nach Rentenpunkten erst einmal durchgesetzt worden sei.

Silbersack findet es jedenfalls „klasse, dass Fritz Keller diese Themen angeht“. Der DOSB-Vizepräsident Breitensport sagt, es sei „überfällig, dass etwas passiert“. Keller habe die Punkte „klar benannt“, um „die Attraktivität des Ehrenamts zu steigern“. Silbersack beschreibt eine geradezu dramatische Situation und zeichnet düstere Szenarien als Drohkulisse: „Wir befinden uns am Scheideweg, es ist fünf vor zwölf“, das System Ehrenamt drohe zu „kollabieren“, wenn von den Forderungen zu wenige umgesetzt werden sollten.

Der FDP-Mann – vergangenes Jahr knapp im ersten Wahlgang gescheiterter Oberbürgermeister-Kandidat in seiner Heimatstadt Halle an der Saale – kennt sich auf den Spielfeldern der großen und kleinen Politik aus. Diese müsse dringend handeln: „Wir als DOSB machen da Druck und freuen uns, wenn ein bedeutender Verband wie der DFB uns dabei unterstützt.“ Denn: „Wenn der Druck nicht hoch genug ist, ist die Bereitschaft zur Bewegung nicht ausgeprägt genug.“

Ehrenamt: Im DOSB und beim DFB ist man sich einig, dass noch ein langer Weg zu absolvieren ist

Der DOSB hat seine Erwartungen an die Politik zur Stärkung des Ehrenamts in einem neunseitigen Katalog vorgelegt. Im DOSB und beim DFB ist man sich einig, dass noch ein langer gemeinsamer Weg zu absolvieren ist. „Für diese komplexen gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen kann es keine schnellen Lösungen und keine Alleingänge geben“, glaubt DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius – und lobt seinen seit fünf Monaten im Amt befindlichen Verbandschef Fritz Keller ausdrücklich. Diesem sei es bereits „gelungen, Aspekte, die in Rückmeldungen immer wieder an den DFB herangetragen werden und für Schwierigkeiten oder Verunsicherung an der Fußball-Basis sorgen, öffentlich zu platzieren und die verschiedenen Interessengruppen miteinander ins Gespräch zu bringen“.

Wie hoch die Präzision im verbalen Passspiel zu Fans, Vereinen und Medien und wie groß das Durchsetzungsvermögen im Tackling mit der Politik künftig sein werden, muss der neue Kapitän Keller aber erst noch beweisen. Seine Strategie ist offenkundig: Angriff als die beste Verteidigung. Da will einer raus aus der Defensive, in die der Verband über die Jahre geraten ist. Stabil hinten stehen reicht ihm nicht. Aber noch hakt es ein wenig im sauberen Aufbauspiel.

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