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Dzsenifer Marozsan ist sich ihrer Rolle bewusst.

Frauen-Nationalmannschaft

Dzsenifer Marozsan: Der reife Fixpunkt

Dzsenifer Marozsan will sich endlich auf der Weltmeisterschaftsbühne als Weltklassespielerin beweise - der Wohlfühlfaktor in ihrer Wahlheimat könnte helfen.

Jeden Tag mehr füllt sich der Anbau des idyllisch im Südwesten von Rennes gelegenen Vier-Sterne-Golfresorts Domaine de Cicé-Blossac ein bisschen mehr. Am Donnerstag waren erstmals fast Stühle zu einer Pressekonferenz bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft besetzt und ein halbes Dutzend Kamerateams aufgebaut. Mit dem Auftaktspiel der DFB-Frauen gegen China (Samstag 15 Uhr/ARD) steigert sich unweigerlich auch das Medieninteresse. Zwei Tage vor dem Startschuss erschien nun die beste Spielerin. Dzsenifer Marozsan belegte bei diesem Auftritt ihren persönlichen Reifeprozess. Die 27-Jährige antwortet mit Ruhe und Geduld. Und neuerdings auch mit Mut.

Auf die Frage, ob denn ihr Verein Olympique Lyon oder das deutsche Team im direkten Vergleich besser sei, scherzte die 90-fache Nationalspielerin: „Wenn ich für Deutschland spiele, gewinnen wir.“ Die Zeiten liegen nicht lange zurück, da trat sie deutlich zurückhaltender in der Öffentlichkeit auf. Deswegen war es auch keine gute Idee, dass sie unter Steffi Jones die Kapitänsbinde tragen musste. Einerseits war die in Budapest geborene Dirigentin mit dem Feingefühl im rechten Fuß darüber unendlich stolz, andererseits belastete die sensible Persönlichkeit diese Bürde über Gebühr.

Ein ganz besonderes Turnier

Es gehört zu den großen Stärken von Martina Voss-Tecklenburg, dass die Bundestrainerin in ihrer Nummer zehn erst einmal nur den fußballerischen Fixpunkt sieht. „Jeden Tag biete ich zum lieben Gott: Bitte lass die gute Form von Dzsenifer noch ein paar Wochen anhalten“, sagte sie vor der Abreise nach Rennes und drückte ihre Überzeugung aus, dass eine voll austrainierte ‚Maro‘ „eine sehr, sehr gute WM spielt.“ Nichts sehnlicher wünscht sich die Spielmacherin ja selbst, nachdem sie 2011 wegen einem Innenbandriss die Heim-WM absagen musste und 2015 beim Training auf kanadischem Kunstrasen so böse umknickte, dass sie nie richtig ins Turnier fand. Der Gewinn der U20-WM in 2010 ist insofern kein richtiger Trost, „weil das mit dem A-Team ja etwas anderes ist.“

Das anstehende Turnier sei „etwas ganz, ganz Besonderes, weil jeder weiß, dass Frankreich für mich nach drei Jahren ein Stück Heimat geworden ist“. Arbeitgeber, Umfeld und Lebensgefühl bilden in der Hauptstadt der Region Auvergne-Rhône-Alpes eine perfekte Symbiose, und folglich würde es die Taktgeberin „überragend“ finden, die letzte WM-Woche mit Halbfinals und Finale in Lyon zu bestreiten.

Wie sehr speziell Olympique-Vereinspräsident Jean-Michel Aulas dort den Frauenfußball unterstützt, war beim Empfang nach dem Champions-League-Triumph in ihrer Heimatstadt Budapest zu besichtigen, als sich tags darauf sogar die Profi-Männer zur Verbeugung versammelten. Marozsan: „Ein unvergesslicher Moment.“ Ihre Eltern Elisabeth und Janos sind danach zwar in Ungarn geblieben, wollen aber ab der K.o.-Runde nach Frankreich kommen. Und dann kann die Tochter auch zur Zerstreuung wieder ihren Rehpinscher Nyuszka, ungarisch für „Häschen“, ausführen.

Dzsenifer Marozsan ist die große Hoffnungsträgerin

Der Name Marozsan hat sich mittlerweile bis in die bretonische Provinz herumgesprochen – beim öffentlichen Training riefen viele Kinder nach der Titelsammlerin mit den tätowierten Armen. „Mein Bekanntheitsgrad ist enorm viel größer als in Deutschland“, erklärte die Topverdienerin aus dem deutschen Team, „das macht mich stolz“. Die erneute Auszeichnung zur besten Spielerin der „D1 Féminine“ hat ihre Popularität weiter gesteigert.

Eine Ehre, die sich vergangenen Sommer nicht ansatzweise abzeichnete, als sie zeitweise ums Überleben kämpfte. Eine beidseitige Lungenembolie durch die andauernde Einnahme der Antibabypille ließen vorübergehend den Leistungssport zur völligen Nebensache werden. Heutzutage trifft sie auf jeder Reise persönliche Vorsorge. „Ich trage Thrombosestrümpfe, manchmal auch eine spezielle Hose. Ich trinke sehr viel, und bei langen Flügen versuche ich auch, mich zu bewegen.“ Alles, was die Ärzte raten.

Marozsan weiß, dass sie für ihre Mannschaft die große Hoffnungsträgerin gibt, aber sie setzt sich mit ihrer Vorgeschichte nicht mehr selbst so immens unter Druck. „Ich versuche mein Bestes zu geben.“ Dass sie möglichst viele Ballkontakte haben soll, „kommt mir zugute“, glaubt sie. Auch zum ersten WM-Gegner hatte sie am Donnerstag noch etwas zu sagen, schließlich hatte sich Marozsan vor einer Woche im französischen Fernsehen das Testspiel des WM-Gastgebers gegen China (2:1) angesehen. Die Chinesinnen seien „eine sehr starke kompakte Mannschaft, die richtig kicken kann“. Das Ensemble aus dem Reich der Mitte müssen man „auseinanderziehen“. Am besten mit Geduld und Mut. Und ihre neue Ruhe könnte auch helfen.

Von Frank Hellmann

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