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Nicht zu stoppen: Mannheims Sulejmani (re.) trickst Eintracht-Verteidiger Hinteregger aus.

Waldhof Mannheim

Duftmarke gesetzt

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Nach Jahrzehnten des Niedergangs strebt Drittligist Waldhof Mannheim dank Fleiß und Arbeit wieder die zweite Liga an.

Es gibt nicht viele Männer der fußballspielenden Zunft, die Martin Hinteregger in der laufenden Runde aus dem Weg gedribbelt haben, die dem Verteidiger in Diensten von Eintracht Frankfurt quasi mühelos davonrannten. Insofern ist jene Szene in den Köpfen hängengeblieben, die sich ganz früh in dieser Saison ereignete. Damals, am 11. August im DFB-Pokal, wurde Hinteregger nach allen Regeln der Kunst vernascht, mit einer Körpertäuschung aus der Balance gebracht: Valmir Sulejmani wackelte nach rechts, nach links, zog vorbei und schoss den Ball ins Netz. Dass die Frankfurter Favoriten vor allem dank Ante Rebic, dessen drei Tore an diesem sonnigen Sommertag die letzten im Eintracht-Dress gewesen sein sollten, trotzdem die erste Pokalrunde überstanden und am Ende 5:3 gewannen, ließ Sulejmani enttäuscht zurück – und irgendwie auch nicht.

Denn das Team des hierzulande nahezu unbekannten Angreifers, geboren in Großburgwedel, 23, Zopf, zeigte an diesem Tag, was alles möglich ist für den eigenen Klub. Der SV Waldhof Mannheim begeisterte nicht nur die eigenen Fans im ausverkauften Carl-Benz-Stadion, die eine bemerkenswerte Choreo in den Vereinsfarben Blau und Schwarz entworfen hatten, sondern auch die ihnen freundschaftlich verbundenen Gäste. Es war trotz der Niederlage ein toller Tag für die Mannheimer, einer, der beim 1907 gegründete Verein Lust auf mehr machte und seine Bestätigung in der sich anschließenden Drittligahinrunde fand.

Ein Rückblick: 16 Jahre lang spielte der SV Waldhof zuletzt viertklassigen Fußball. Der Traditionsverein aus der Rhein-Neckar-Stadt, der einst Nationalspieler wie Maurizio Gaudino, Karl-Heinz Förster oder Jürgen Kohler hervorgebracht hat, musste sich messen mit Dorfklubs wie Steinbach-Haiger, Hessen Dreieich oder Watzenborn-Steinberg. Abgestürzt an den Rande der Bedeutungslosigkeit, im Grunde nur durch die Vereinsliebe der Fans am Leben erhalten, deren Zuneigung in den vergangenen vier Spielzeiten extra harten Prüfungen unterzogen wurde. Mannheim machte das Triple perfekt, das Triple des Scheiterns. Nacheinander verpassten die Kurpfälzer den Aufstieg jeweils in der Relegation. Sie mussten erst Meppen den Vortritt lassen, dann Lotte und zuletzt Uerdingen, was zusätzlich flankiert wurde von Feuerwerkskörpern aufs Feld und einem Spielabbruch.

Waldhof im Flow

Dritte Liga sehnt sich nach mehr aufmerksamkeit

Alarm schlagen die Klubsder dritten Liga regelmäßig, bei vielen ist die finanzielle Not groß. Auch suchen die Vereine der Schnittstellen-Klasse zwischen glänzendem Bundesligabetrieb und mattem Amateurfußball nach mehr Aufmerksamkeit. Dafür gibt es Vorschläge, die der „Kicker“ jüngst zusammentrug. So hält es manch einer für eine prima Idee, in Zeiten von deutscher Talentearmut auf die Ausbildung jener in Liga drei zu setzen. Eine fixe Quote von U-23-Spielern in der Startelf könne helfen, findet Geschäftsführer Günther Gorenzel vom TSV 1860 München. Ein anderer, Unterhachings Macher Manfred Schwabel, sagt, dass vor allem Geld benötigt werde. Statt zwei Millionen Euro pro Saison hofft er auf 30 Millionen.

Auch könnte ein Boxing Daynach englischem Vorbild Aufmerksamkeit bringen, sagt Rostock-Trainer Jens Härtel. Die Winterpause zu streichen, „wäre attraktiv. Diejenigen, die Lust auf Fußball haben und sonst zur Bundesliga gehen, könnten in dieser Zeit Drittligaspiele anschauen. Man hätte volle Stadien.“ Während in der zweiten Liga im Schnitt 20 300 Fans ins Stadion strömen, sind es in Liga drei 8670. dani

Vergangene Saison gelang dem Klub der Sprung nach oben, als Meister mit 21 Punkten Vorsprung. Das Selbstvertrauen stieg in große Höhen und lässt die Spieler noch heute davon zehren. Dritter ist Waldhof nach der Hinrunde der dritten Liga, das würde vor dem Rückrundenauftakt am Samstag in Meppen die Teilnahme an der Relegation bedeuten. „Wir sind ein eingespieltes Team“, nennt Trainer Bernhard Trares im Gespräch mit der FR einen wichtigen Grund für den überraschenden Erfolg des Aufsteigers, der anfangs zwar einige „Schnupperkurse“ erlebt habe, sich dann aber in einen Flow beförderte. Trares verpasste seiner Truppe einen funktionierenden Stil aus langen Ballbesitzphasen in der eigenen und kurzen Umschaltmomenten in des Gegners Hälfte. Sechs Spiele ist Waldhof aktuell ohne Niederlage, auswärts ist das Team als einziges der Liga noch ungeschlagen.

Ein Mäzen gibt das Geld

Ist damit der direkte Durchmarsch drin? Die Liga sei „wahnsinnig spannend“, antwortet Trares, „der dritte Rang sollte nicht überbewertet werden.“ Zwischen Mannheim und den auf Rang 13 platzierten Würzburgern liegen sechs Zähler. Der im südhessischen Bensheim geborene Fußballlehrer will den Lauf seines Teams daher nicht überbewerten, bremsen aber will er ihn auch nicht. „Ich bin in alle Richtungen offen, ich will nicht nur den mahnenden Finger heben“, sagt Trares und fügt dann einen Satz an, der typisch ist für den einstigen Vollbluttreter, der als 183-facher Erstligaspieler für Bremen und 1860 München das eine oder andere gegnerische Schienbein malträtierte. Der 54-Jährige also sagt: „Es ist eine unberechenbare Liga, da darf man nicht träumen, sondern muss arbeiten.“

Die Arbeit in der dritten Liga ist eine bodenständige. Die feine Fußballklinge wird selten herausgeholt, stattdessen geht es häufig verbissen zur Sache. „Es ist wichtig, auf jedes Spiel einen extremen Fokus zu richten. Man muss die Liga annehmen, denn die Luft ist dort sehr dünn“, sagt Trares. Deswegen sei es besonders wichtig, Kontinuität an den Tag zu legen. „Das zahlt sich aus.“ Selbst ist der Coach seit zwei Jahren in Mannheim tätig, herausragende 2,15 Zähler holte er im Schnitt pro Spiel. An seiner Seite wirkt Jochen Kientz, früher 93 Mal in der Bundesliga für den HSV, St. Pauli, Rostock und Eintracht Frankfurt am Ball. Der 47-Jährige, geboren in Mannheim, leistet als Sportlicher Leiter einen ausgezeichneten Job. Vor allem ist er fleißig, klappert Woche für Woche die Plätze der Republik ab und zählt gerade in der Umgebung – zum Beispiel am Darmstädter Böllenfalltor oder im Wiesbadener Stadion – zu den Stammgästen.

Gemeinsam mit Trares werkelt Kientz eng am Team, etwas weiter entfernt, aber fast noch wichtiger steuert Mäzen Bernd Beetz seinen Teil zum Erfolg bei. Der 68-Jährige schießt dem Klub seit geraumer Zeit die Euroscheine zu. Der Luxusmanager, wie er wegen seines Schaffens bei der Modemarke Dior und dem Parfümhersteller Coty schon bezeichnet wurde, ist Präsident seine Lieblingsvereins. Schon als Kind besuchte er Waldhof-Spiele mit seinem Vater. Beetz’ Traum ist die Zweite Liga, Trares sagt dazu nur: „Alles ist so eng, da kann man auch schnell abrutschen.“

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