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Im Einklang: Die deutschen Nationalspieler beim gemeinschaftlichen Anschwitzen.
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Im Einklang: Die deutschen Nationalspieler beim gemeinschaftlichen Anschwitzen.

Deutsche Nationalelf

„Der Druck ist extrem“

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Thomas Müller und Oliver Bierhoff erklären die Probleme und Chancen vor dem ersten Endspiel gegen Schweden.

Auf dem Fußballplatz verhakt sich Thomas Müller gerade ein paarmal zu oft in den eigenen Waderln. Er räumt das gerne ein, hat ja sowieso jeder gesehen am Sonntag in Moskau gegen Mexiko. Es ist Fußball-WM, da schauen alle zu, da wird jede verunglückte Finte bis ins letzte Detail zerbröselt, Müller kennt das aus acht Jahren Nationalmannschaft. Aktuell stellt er fest: „Die Leute in Deutschland sind besorgt.“ Weil das so und nicht anders ist, hat der Deutsche Fußball-Bund schlauerweise denselben Müller, der die Füße gerade nicht so recht voreinander bekommt, am Mittwoch im Konferenzraum des angrenzenden Urlauberhotels in Sotschi aufs Podium gesetzt und die Lautstärkeregelung des Mikrofons besonders hoch gedreht. Sozusagen zur Volksberuhigung.

Es war, mal wieder, ein überaus gelungener rhetorischer Auftritt des Naturburschen, weil er kluge und ehrliche und erklärende Worte fand und keinen abgedroschenen Fußballermurks von sich gab, sondern einräumte: „Es stimmt, wir haben Angriffsfläche geliefert.“ Die Ausgangslage sei klar: „Wir müssen beide Spiele gewinnen. Das schaffen wir nicht, wenn wir uns selbst zerfleischen und gegenseitig auffressen.“ Schmeckt ohnehin nicht lecker, so ein Hummels oder Kroos.

Wenn dieser Müller nur bald wieder auch nur annähernd so gut kicken würde, wie er spricht – Fußball-Deutschland müsste nicht davor zittern, dass am Samstagabend nach dem Schweden-Spiel in Sotschi schon der Rückflugtermin nach Frankfurt feststeht. „Der Druck“, sagt der 28-Jährige ganz offen, „ist extrem.“

Auch Oliver Bierhoff hat im 30 Grad heißen Sonnenparadies Sotschi keine dämlichen Durchhalteparolen von sich gegeben, sondern die „selbst verschuldete“ Situation dem Ausmaß der krisenhaften Entwicklung entsprechend eingeordnet. Der 50-Jährige kündigte personelle Konsequenzen für das erste Endspiel an: „Irgendeinen Impuls wird es schon geben.“ Marco Reus, so viel steht fest, wird spielen.

Am Vorabend war der Trupp am Schauplatz der Olympischen Winterspiele 2014 gelandet und hatte im Strandhotel Radisson Blu genau jene sechste Etage komplett übernommen, die der DFB auch schon beim Confederations Cup 2017 bezogen hatte. Die Teilnehmer jener Erfolgsveranstaltung durften sogar dieselben Zimmer wie im vergangenen Sommer beziehen. Es soll ihnen ja gut gehen. Bierhoff weiß um die Sensibilitäten bei einem solchen großen Ausflug.

In genau diesem Zusammenhang hat der Manager noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er sich nicht aus Nachlässigkeit beim Basiscamp gegen den Strand vor Sotschi und für den Birkenwald von Watutinki entschieden habe, sondern aus Gründen purer Zweckmäßigkeit. „Ich bleibe dabei: Watutinki ist die richtige Wahl aus logistischen Gründen. Sotschi war keine Option. Wir hätten hier ein Schloss bauen können, einen Trainingsplatz hätten wir für die gesamte Dauer unseres Aufenthaltes hier dennoch nicht bekommen. Den bietet die Fifa nicht an.“

Das Verhältnis DFB/Fifa ist, zumindest in dieser Frage, offenbar arg belastet. Im Stadtteil Adler von Sotschi, dort wo das riesige Olympiagelände mit gigantischer Eishalle, Formel-1-Strecke, Olympiastadion, monumentalem Aufmarschplatz für die damaligen Siegerehrungen und Hoteltürmen bis in den Himmel aus dem Boden gestampft wurde, sollte kein Platz für einen Trainingsplatz sein? Kaum zu glauben. Ein solches Gelände hatte der DFB ja sogar im brasilianischen Busch mit Leichtigkeit in Eigenarbeit errichtet. Offenbar fehlte es allen Beteiligten, auch der russischen Regierung, die den Weltmeister in Moskau haben wollte, am Willen.

Bierhoff sagt jetzt, er komme mit der Rolle des „bösen Buben“ klar, und blickte kurz zurück. Er habe zwei Jahre lang beim Bau des Campo Bahia „erlebt, dass ich der böse Bube war. Wenn wir 2014 gegen Algerien verloren hätten, wäre Campo Bahia eine Schnapsidee gewesen.“ Stattdessen wurde der Manager hinterher abgefeiert für seinen besonderen Mut.

Wie dem auch sei: Für die nächsten drei Tage noch darf Joachim Löw mit seinen Männern auf dem von der unbarmherzigen Sonne ein wenig gelblich gebrannten Rasen vorm Fischt-Stadion sein Geheimtraining absolvieren, genau dort also, wo der Bundestrainer auch schon die jungen Confed-Cup-Männer zum Titel trimmte. Löw nahm es bei der Rückkehr mit der ihm eigenen Lässigkeit hin, dass am Mittwoch ein Schlauch seinen Dienst quittierte und das Feld nicht ganz angemessen vollständig befeuchtet werden konnte. Der arme Greenkeeper war angesichts der offenkundigen Peinlichkeit ganz außer sich, Löw nicht. Womöglich hatte die Fifa das Wasser hinterlistig abgestellt. In der Wohlfühloase von Sotschi, mit Blick auf Meer, Märchenschloss, Free-Fall-Tower und Dreifachlooping-Achterbahn, lassen sich derartige Petitessen problemlos ertragen. Löw sieht glücklicher aus, als die Tabellensituation der WM-Vorrundengruppe F ihn eigentlich machen müsste. Am Morgen hatte er auf seiner geliebten Strandpromenade bereits die Seele Richtung Schwarzes Meer baumeln lassen.

Aber tatsächlich ist die Not natürlich dennoch groß. Thomas Müller macht sich nichts vor: „Wir haben die Situation im Nachhinein falsch eingeschätzt.“ Sie dachten, sie könnten die schwachen Leistungen aus den Vorbereitungsspielen routiniert überspielen. Aber Routine reicht nicht bei einer Weltmeisterschaft. Warnungen hatte es im Vorfeld genug gegeben, sie zu hören, langte nicht. Sie mussten es alle miteinander spüren. Schmerzhaft spüren.

Und sie mussten, weil es auf dem Platz nach dem Schlusspfiff gegen Mexiko dann ja zu spät war, hinterher reagieren. „Es war wichtig, nicht zur Tagesordnung überzugehen“, erklärte Bierhoff gestern, „sondern tiefer zu gehen. Und es war wichtig, dass das nicht nur vom Trainerstab kommt oder vom Spielerrat, sondern aus der ganzen Gruppe.“ Es habe zwar „nicht so geknallt, wie es in früheren Generationen vielleicht geknallt hätte“, weil die modernen Fußballprofis anders miteinander umgehen, weniger brachial wohl und argumentativer, aber es habe sich gleichwohl um klare Worte gehandelt. Davon aber abzuleiten, es gäbe Risse in der Mannschaft, konnte Bierhoff „nur dementieren“.

Thomas Müller pflichtete dem Manager mit einem Blick in die Vergangenheit bei: „2012 bei der EM hatten wir sicher nicht die beste Teamchemie mit dem Münchner und dem Dortmunder Block. Das ist jetzt anders.“ Natürlich gäbe es „Tische, an denen auch Spieler öfter zusammensitzen, die sich persönlich besser kennen“. Das, in der Tat, ist in jeder Fußballmannschaft der Welt so, aber nicht in jeder Fußballmannschaft der Welt gibt es einen Thomas Müller, der überall reinhorcht, sich für die Gruppe verantwortlich fühlt und das auch noch so pfiffig dokumentieren kann: „Ich bin auch an den Tischen variabel einsetzbar und versuche meine Ohren zu spitzen.“

Wenn das leichte Leben zwischen den Spielen bloß so einfach auf den Sportplatz übertragbar wäre – Müller würde, seinem sonnigen Gemüt zum Trotz, nicht so sorgenvoll dreinblicken. An diesen Sorgen trägt er doppelt schwer, was das Team betrifft und was ihn persönlich angeht: „Es ist die Krux, dass man Leichtigkeit nicht trainieren kann. Dafür kenne ich jedenfalls noch keine Übung.“

Dabei hatte der halbrechte Läufer vor dem Spiel gegen Mexiko noch ein richtig gutes Gefühl gehabt. Müller berichtete von „zwei super Torabschlüssen beim Aufwärmen. Kopfbälle rechts oben in den Winkel. Aber da war auch kein Gegenspieler in der Nähe.“ Die wird es dummerweise auch gegen Schweden geben. Müller glaubt, es brauche als probates Gegenmittel mehr als bloß schnelle Beine. Er habe deshalb eine Bitte, sozusagen im nationalen Auftrag. Sein Appell an die Medien: „Ich würde mir wünschen, dass Sie manchmal weniger ins Persönliche gehen, sondern positiv gemeinsam nach vorne blicken. Wir wünschen uns doch alle, dass wir länger im Turnier bleiben.“

Bierhoff rät, ein wenig realistischer, aus der Erfahrung eines gestählten Mittelstürmers für Samstag: „Den richtigen Mix aus Anspannung und Gelassenheit finden. Ruhe bewahren, geduldig bleiben, nicht den Kopf verlieren.“ Wenn das nur nicht so ungeheuer schwierig wäre bei dem gewaltigen Überdruck.

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