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Fanproteste in Reimform werden immer beliebter.

Fußballfans

Drohkulisse Spielabbrüche

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In den Fanszenen herrscht Uneinigkeit, wie brachial der Zwist mit DFB und DFL fortgesetzt wird. Der DFB rudert derweil von seiner allzu harten Linie zurück und gesteht eine „Übersensibilisierung“.

Mit Spannung werden an diesem Wochenende nicht nur die Fußballspiele der Ersten und Zweiten Bundesliga auf dem Platz erwartet, sondern auch das, was auf den Rängen getrieben wird. Und daran anschließend die Frage, wo die schmähkritische Meinungsäußerung aufhört und die zu beanstandende Diskriminierung anfängt? Wie es aussieht, üben sich die Verbände auf Druck von Fanorganisationen und Klubs in einem Rückzug auf breiter Linie. Nichts ist mehr zu hören von der ursprünglichen Drohkulisse, ganze Spiele abzubrechen, wenn aus den Blöcken persönliche hässliche Beleidigungen kommen sollten, und sei es auch gegen so berühmte Menschen wie Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp.

Claudia Krobitzsch, sogenannte Diversity-Managerin des DFB, kündigte in einer öffentlichen Anhörung im Sportausschuss des deutschen Bundestages insoweit eine Abkehr vom zuletzt praktizierte Drei-Stufen-Plan an. Denn, so Krobitzsch kleinlaut, dieser Plan sei ja eigentlich „konzipiert für Rassismus und Diskriminierung im Stadion“. Es habe im Fall Hopp „eine Übersensibilisierung“ gegeben.

Das war auch Thema der Friedensgespräche am Donnerstagmittag in der DFB-Zentrale unter Beteiligung des Ligabosses Christian Seifert und des DFB-Generalsekretärs Friedrich Curtius, an der indes nicht alle Fanorganisationen teilnahmen. Die, die dabei waren, unter anderem das Bündnis „Unsere Kurve“, DFB und die DFL hätten sich dabei „durchaus selbstkritisch“ geäußert, dieser Selbstkritik müssten nun aber Taten folgen. Als da wären: Verzicht auf Spielunterbrechungen bei Schmähkritik, Verzicht auf Kollektivstrafen durch das DFB-Sportgericht. Von DFB- und DFL-Seite wurde in den in konstruktiver Atmosphäre verlaufenen Gesprächen aber auch deutlich gemacht, dass man von Fanseite den Verzicht auf Hass und Hetze gegen Einzelne erwarte.

In einer DFB-Erklärung vom Freitagabend hieß es dann zusammenfassend, dass der Drei-Stufen-Plan nicht nur bei Diskriminierungen aller Art zur Anwendung käme, sondern „auch bei personifizierten Gewaltandrohungen (zum Beispiel Personen im Fadenkreuz).“ Kritik gegen Institutionen und Personen sei aber „selbstverständlich zulässig“, hieß es. Sollte sie „beleidigend oder grob unsportlich“ ausfallen, könne gegebenenfalls im Nachhinein ein sportgerichtliches Verfahren eingeleitet werden. Wie bisher.

Die in den „Fanszenen Deutschlands“ vereinigten Gruppierungen waren beim Gipfeltreffen nicht dabei, sie haben die regelmäßigen Treffen schon vor Jahren verlassen und zeigen seitdem wenig Bereitschaft zur unmittelbaren Kommunikation mit Verbandsvertretern.

Am Freitag meldeten sich die „Fanszenen“ mal wieder unversöhnlich zu Wort: „Wer nur am maximalen Profit orientiert ist, Werte deshalb nur zu seinem (Wettbewerbs-)Vorteil benennt und sich mit jahrelanger Kritik von Fans nicht ehrlich auseinandersetzt, macht sich lächerlich, wenn er sich als Hüter der Moral inszeniert. Wir Fans werden die Praxis vom letzten Spieltag nicht einfach so hinnehmen und im Zweifel weiter Unterbrechungen und auch Abbrüche in Kauf nehmen.“ Unterschrieben ist das Pamphlet mit „Fick dich DFB!“ Ein kommunikatives Niveau, das für sich spricht. Klar, dass diese Tonalität am Freitag auch in der DFB-Präsidiumssitzung zur Kenntnis genommen wurde.

Dort ging es nach FR-Informationen auch darum, Klarheit darüber zu bekommen, wann Spiele unterbrochen oder gar abgebrochen werden. Und vor allem: Wann nicht. Ein entsprechendes Rundschreiben war eilig vorbereitet worden. Zuvor hatten sich laut Sportschau.de die Zweitligisten in einem Schreiben an DFB und DFL gewandt und konkrete Fragen gestellt, unter anderem: Wo hört Meinungsfreiheit auf? Wie werden abgebrochene Spiele gewertet? Welche Forderungen seitens der Rechteinhaber und Zuschauer kommen dann auf die Vereine zu? Was passiert, wenn ein ordentliches Gericht Beleidigungen nicht als solche bewertet? Sind die Schiedsrichter in der Lage, Situationen „live“ zu beurteilen?

Kritik vom Union-Chef

In der DFL-Geschäftsstelle ist man wenig amüsiert, dass dieses Schreiben aufgesetzt wurde und an die Öffentlichkeit gelangte, zumal drei Zweitligavertreter (vom FC St. Pauli, Holstein Kiel und Darmstadt 98) dem DFL-Präsidium angehören. Die gestellten Fragen haben aber natürlich ihre Berechtigung. Vor allem eine zentrale Frage: Im Grunde herrscht unter den Funktionären Einigkeit, dass die Referees nicht auch noch als Juristen auf dem Platz beurteilen können, ob eine Botschaft von den Rängen noch gerade akzeptabel oder schon diskriminierend ist. Das müssten dann entweder die Schiedsrichterbeobachter tun, oder aber ein zusätzlicher Matchbeobachter, wie er bei Uefa- und Fifa-Spielen längst üblich ist.

Im DFL-Präsidium nimmt man die von den „Fanszenen Deutschlands“ verlautbarte Drohkulisse, regelmäßig Unterbrechungen und möglicherweise Spielabbrüche zu provozieren, sehr ernst und büffelt an einer Vermeidungsstrategie: „Spielunterbrechungen dürfen nicht die Regel werden,“

Zuvor hatte Dirk Zingler, Präsident von Union Berlin, den DFB in der „Welt“ arg kritisiert. „Der DFB hat den Kontakt zu und das Verständnis für die Mehrheit der Stadionbesucher verloren“ und an „Integrität und auch an Respekt“ verloren. Zingler stellte aber auch die Mitverantwortung der Klubs heraus: „Für den Dialog mit der Szene sind die Vereine verantwortlich. Ich würde sogar sagen, es ist ihre ureigenste Aufgabe, mit den Fanszenen und den Zuschauern ein vernünftiges Miteinander zu organisieren.“

jcm

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