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Der Weltmeister von der Bank: Matthias Ginter stand auch beim 0:3 im Oktober 2018 ist der Startelf.

Deutsche Defensive

Antonio Rüdiger, Matthias Ginter und Niklas Süle - drei Typen für die Zeitenwende

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Die charakterlich ganz unterschiedlichen Antonio Rüdiger, Matthias Ginter und Niklas Süle sollen zu Stützen der deutschen Defensive werden.

Die Schlagzeilen aus dem vergangenen Oktober: „Desaster“, „Schlimme Pleite“, „Deutschland geht baden“, „Alle Probleme wieder da“, „Nichts hat sich verbessert“. Das war die Tonalität nach dem 0:3 in der Nations League in den Niederlanden. Eine Niederlage, die noch mehr eine Zeitenwende im deutschen Fußball bedeutete als zuvor das Vorrundenaus bei der WM in Russland. Es ist nun in der EM-Qualifikation am Sonntag eine Rückkehr des Grauens nach Amsterdam.

Damals, in der letzten Viertelstunde, nachdem Joachim Löw bereits dreimal ausgewechselt und Jerome Boateng sich eine Muskelverletzung zugezogen hatte und nicht mehr richtig rennen konnte, wurde das DFB-Team gnadenlos ausgekontert. In dieser Form war eine deutsche Nationalmannschaft selten zuvor zerlegt und ausgeweidet worden. Schon recht unmittelbar danach war Joachim Löw klar geworden, dass er tiefgreifende Maßnahmen treffen wollte. Aber bis er sich endgültig dazu durchringen konnte, dauerte es dann bleierne fünf Monate.

Am Sonntagabend (20.45 Uhr, RTL) bauen die Niederlande in der Johan-Cruyff-Arena den Prüfstand auf, auf dem die neugeordneten Deutschen sich als wehrhafter als im vergangenen Herbst erweisen wollen. Aus der Startelf vom 13. Oktober 2018 dürften nur noch Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Toni Kroos und Matthias Ginter übrig bleiben. Durch die Verabschiedung von Mats Hummels und Jerome Boateng und angesichts der Offensivpower der Niederländer werden die von Löw zu den neuen Abwehrchefs bestimmten Antonio Rüdiger (26) und Niklas Süle (23) gemeinsam mit Ginter (25) besonders unter Beobachtung stehen.

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„Es ist klar, dass Niklas Süle und Antonio Rüdiger in der Abwehr jetzt eine wichtige Rolle spielen sollen“, hat der Bundestrainer gerade gesagt und auch einer Dreierkette in Aussicht gestellt. Süle, Rüdiger und Ginter haben reichlich Erfahrung in beiden Varianten gesammelt, alle Drei haben bereits früh als Teenager – Rüdiger und Ginter mit gerade 18, Süle gar mit 17 und noch dazu mitten im Abstiegskampf – ihre Bundesligadebüts erlebt. Alle drei haben sich bald derart prächtig entwickelt, dass sie zu großen Klubs transferiert wurden: Rüdiger von Stuttgart über den AS Rom zum FC Chelsea, wo er inzwischen als Publikumsliebling gilt; Ginter vom SC Freiburg über Borussia Dortmund zu Borussia Mönchengladbach, wo er zu einem unumstrittener Anführer geworden ist; Süle von der TSG Hoffenheim zum FC Bayern, wo er in der sportlichen Hierarchie Hummels und Boateng überholt hat.

Gemeinsam gehörten sie dem im Sommer 2017 gefeierten Confed-Cup-Titelkader an und verteidigten gemeinsam in einer Dreierkette beim 3:0 im Test gegen Russland im vergangenen November. Alle drei, allen voran Rüdiger, verfügen neben körperlicher Robustheit und einem starken Kopfballspiel über jene Grundschnelligkeit, die Löw als unbedingte Faktoren nennt, um künftig auf dieser Position Nationalspieler bleiben zu dürfen. In der Spieleröffnung, die der Bundestrainer weiterhin als Flachpassspiel pflegen will und lange hohe Schläge nur in Notsituationen goutiert, bewegen sich Ginter und Süle nahezu auf Niveau von Hummels und Boateng, Rüdiger neigt bisweilen noch zum schlichteren Bolzball.

Der Sohn eines deutschen Vaters und einer Mutter aus Sierra Leone, in armen Verhältnissen mit vier Geschwistern in Berlin-Neukölln aufgewaschen, neigte in seinen Anfangsjahren als Profi zu ungehobelter Zweikampfführung und ließ sich mehrfach zu Tätlichkeiten reizen. Das hat er abgestellt. „Ich wäre fast in eine Rambo-Schublade geraten. Aber ich habe bewiesen: Wenn ich es will, kann ich mich beherrschen.“ Zudem, berichtet das einstige Ghetto-Kid, habe ihm seine Mutter gesagt, Gott sehe alles. „Das hat mir geholfen“. Gott sei auch derjenige, ergänzt Rüdiger, „der mir eine Gabe mit auf den Weg gegeben hat, und das ist Mut.“ Damit habe er sich nach oben gearbeitet.

In der Nationalmannschaft gilt Rüdiger ein wenig als Einzelgänger, der am liebsten allein im Zimmer auf der Playstation spielt und über den sich die Mitspieler auch mal lustig machten. Die EM 2016 verpasste er, weil er sich im ersten Training im Teamcamp am Genfer See einen Kreuzbandriss zuzog, war aber aufgrund seiner überragenden körperlichen Konstitution bereits nach viereinhalb Monaten wieder fit. Er nutzte die Zeit für eine Reise in die Heimat seiner Mutter und war beeindruckt. Dank seiner Auslandsjobs spricht er fließend italienisch und englisch.

Ginter: Bank-Weltmeister

Zudem setzte er sich öffentlich wiederholt gegen Rassismus ein. Den Abschied von Mesut Özil bedauerte er, als einer der wenigen ehemaligen Mitspieler, ausdrücklich: „Ich finde es extrem traurig, wie sich das entwickelt hat. Mesut war im DFB-Team immer ein Spieler, zu dem ich aufgeschaut habe.“ Im Grunde ist Rüdiger nämlich kein Typ, der zu anderen aufschaut. Außer zu Gott.

Auch Niklas Süle musste wegen eines im Dezember 2014 erlittenen Kreuzbandrisses mehr als 200 Tage aussetzen und zog daraus die Konsequenz, besser auf seinen Körper und seine Ernährung zu achten. Da hatte der gebürtige Frankfurter, der die Nächte seiner Kindheit in Eintracht-Bettwäsche verbrachte, es früher ein wenig schluren lassen. „Aber ich versuche auf jeden Fall, meine Lockerheit zu behalten“, sagt Süle. „Ich bin noch jung im Kopf und will auch noch eine Weile jung im Kopf bleiben. Ich hatte immer viel Spaß in meinem Leben und finde, das gehört auch für einen Fußballprofi dazu.“ Von Hummels und Boateng habe er „viel gelernt“, auch dann, wenn er mal nicht spielt. „Ich bin keiner, der dann mit einer Fresse rumläuft.“

Das hat auch Matthias Ginter nie getan, als er weder bei der WM 2014 in Brasilien noch 2018 in Russland zum Einsatz kam. Er ist ein strebsamer junger Mann, in Mönchengladbach immer der erste im Kraftraum. Aber er ist deshalb kein Nerd, der über den Fußball nicht hinauszudenken weiß. Vor einem Jahr hat er eine nach ihm benannte Stiftung gegründet, die benachteiligte Kinder im Raum Freiburg unterstützt. Über seine sportlichen Perspektiven sagt Ginter selbstbewusst: „Ich bin bereit für mehr. Und ich will in Zukunft nichts vom Bundestrainer geschenkt bekommen.“ Er kann sicher sein: So wie Joachim Löw derzeit drauf ist, wird das nicht passieren.

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