Schier unbezwingbar aus elf Metern: Daniel Batz.
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Schier unbezwingbar aus elf Metern: Daniel Batz.

Daniel Batz

Die Drei-Millionen-Paraden

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Elfmetertöter Daniel Batz beschert dem Viertligisten 1. FC Saarbrücken beim Sieg gegen Fortuna Düsseldorf Ruhm und Reichtum. Der Erfolg ist Balsam auf die Seele eines gebeutelten Vereins, der wieder hoch hinaus will.

Daniel Batz schien irgendwie eine Vorahnung zu haben. „Von jedem Profi darf man erwarten, dass er den Ball aus elf Metern ins Tor bringt. Aber es entscheiden nicht immer die Füße. Das ist dann reine Nervenstärke“, hatte der Torwart des 1. FC Saarbrücken im Vorfeld eines historischen Pokalabends gesagt, der seinem Klub unerwarteten Ruhm und Reichtum beschert. 20 Strafstöße brauchte es, da hatte der Spitzenreiter der Regionalliga Südwest auch den Bundesligisten Fortuna Düsseldorf mit 7:6 nach Elfmeterschießen eliminiert. Batz hielt auf spektakuläre Art und Weise vier Elfmeter, nachdem er einen weiteren schon in der regulären Spielzeit gegen Rouwen Hennings pariert hatte (83.).

„Fünf Elfmeter – das ist mehr, als ich vorher in meiner ganzen Karriere zusammen gehalten habe“, scherzte der 29-Jährige, der 2012 mal ein Bundesligaspiel für den SC Freiburg absolvierte, ein 0:4 gegen Borussia Dortmund. „Er arbeitet wie ein Verrückter. Und das ist der Lohn“, sagte Trainer Lukas Kwasniok. Immer wieder deutete Batz während der Nervenschlacht mit den Fingern seiner Torwarthandschuhe an die Stirn, um seinen Kollegen zu signalisieren: „Der Kopf schlägt den Körper.“ Der Schlussmann kündigte hernach einen erhöhten Konsum von Longdrinks an. Als der Held des Tages noch nüchtern war, verwies er unbescheiden darauf, dass er einst am 3. März getauft wurde. Insofern hat wohl auch himmlischer Beistand geholfen, dass ein Bundesliga-Gründungsmitglied als erster Viertligist im Halbfinale steht. Gegen wen es für Saarbrücken geht, wird am Sonntag in der ARD-Sportschau ausgelost.

Der offenbar mit dem Torpfosten verbündete Tormann hat mit seinen sagenhaften Paraden rund drei Millionen Euro festgehalten. Allein vom DFB kommen als Fixprämie 2,808 Millionen. Noch nicht entschieden ist, wo das nächste Pokalduell stattfindet. „Unsere Prämisse ist es, auch dann in Völklingen zu spielen“, sagte Geschäftsführer David Fischer am Mittwoch der FR. Denn die eigentliche Heimat, der Ludwigspark, gleicht seit Jahren einer Dauerbaustelle. Immer wieder geriet der Umbau ins Stocken. Mittlerweile ist die Fertigstellung zur neuen Saison unrealistisch geworden. Wenn es bei Kosten von 41 Millionen Euro – statt ursprünglich veranschlagten 16 Millionen – bleibt, wäre die Stadt heilfroh.

Die nur 6800 Zuschauer fassende Ausweichstätte im 40 000-Einwohner-Städtchen Völklingen verströmt den Charme der Provinz. Das kleine Hermann-Neuberger-Stadion stellt mit mobilen Flutlichtmasten und fehlender Tribünenseite das besondere Ambiente für den märchenhaften Siegeszug, doch die Anforderungen für die Live-Übertragung in der ARD erfüllt es nur bedingt. „Wir werden noch Gespräche mit dem Fernsehen, dem DFB und dem Gegner führen müssen“, erklärte der früher für die Offenbacher Kickers tätige Fischer. Auch Sicherheitsfragen könnten eine wichtige Rolle spielen, so dass vor dem Wochenende keine Entscheidung fällt. Neben Mainz könnte auch das viel näher gelegene Kaiserslautern ein möglicher Ausweichort sein.

Das Rampenlicht fällt auf eine Region, um die der bezahlte Fußball seit Jahren einen großen Bogen macht. Der 1. FC Saarbrücken und die SV Elversberg waren zu schwach, um die Dritte Liga zu halten. Vom früheren Bundeslisten FC Homburg ganz zu schweigen. Borussia Neunkirchen oder Röchling Völklingen sind nur noch in der Oberliga beheimatet.

Die Strukturschwäche der Region spiegelt sich im Fußball wider. Daher bedeutet der Coup vielen so viel. „Das ist die größte Sensation seit Christi Geburt“, stammelte Dieter Ferner, der frühere Bundesligatorhüter und aktuelle Vizepräsident. Der 71-Jährige blickte ungläubig durch das Stadion und rieb sich immer wieder Tränen aus den Augen.

Nun ist es nicht so, dass dieser Klub mit Pokalerfolgen keine Erfahrungen hätte. Nur liegen sie halt ein bisschen zurück. Bereits 1957, 1958 und zuletzt 1985 standen die Saarländer im Halbfinale. 2014 warf der Underdog in der ersten Runde den SV Werder aus dem Wettbewerb und spielte dann im Achtelfinale gegen Borussia Dortmund. Fast 31 000 Besucher strömten damals noch in den altehrwürdigen Ludwigspark, die ganze Stadt schien mit den Flutlichtmasten zu strahlen, dass Jürgen Klopp gekommen war. Milan Sasic hieß damals der Saarbrücker Trainer, der dem Kollegen artig gratulierte.

Ohne den Präsidenten Hartmut Ostermann wäre der Traditionsverein schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lebensfähig gewesen. Der aus Worms stammende Unternehmer macht seine Geschäfte mit ein Dutzend Hotels und einer dreistellige Zahl von Senioreneinrichtungen und Pflegeheimen. Die Firmengruppe Victor’s fungiert seit zwei Jahrzehnten auch als Hauptsponsor. Der Mäzen hat oft genug betont, dass der Klub am besten rasch in den Profifußball zurückkehren sollte.

Der Regionalliga Südwest endlich den Rücken zu kehren – der Meister steigt direkt auf – ist diese Spielzeit oberste Prämisse. Denn die vergeblichen Anläufe am Nadelöhr zur Drittklassigkeit waren schmerzhaft: 2018 scheiterte der FCS am TSV 1860 München, drei Jahre zuvor an den Würzburger Kickers. Damals kam es im Elfmeterschießen zum tragischen Ende, als der Saarbrücker Unglücksrabe Daniel Döringer nicht am Würzburger Torwart Robert Wulnikowski vorbeikam. Insofern hat Daniel Batz auch eine Versöhnung mit der Vereinsgeschichte hinbekommen. 

mit dpa

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