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Drama in Wembley

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Von: Frank Hellmann

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Jamal Musiala wird von Englands Harry Maguire im Strafraum gefoult.
Jamal Musiala wird von Englands Harry Maguire im Strafraum gefoult. © dpa

DFB-Team führt schon 2:0 in England, liegt plötzlich 2:3 zurück und schafft noch den umjubelten Ausgleich.

Die Aufforderung war an den vielen Leuchttafeln in der englischen Kultstätte nicht zu übersehen. „Enjoy the game“ lautete die Botschaft, die das Wembley-Stadion für den Klassiker zwischen England und Deutschland in Großbuchstaben ausgab. Am Ende hatten 78 949 Augenzeug:innen dann tatsächlich diesen Klassiker wegen einer torreichen zweiten Halbzeit in vollen Zügen genossen. Sah die DFB-Auswahl nach einer 2:0-Führung schon wie der sichere Sieger aus, kämpften sich die „Three Lions“ noch zurück und führten mit 3:2, ehe am Ende ein turbulentes 3:3 (0:0)-Remis stand. Für beide Teams bleibt auf dem Weg zur WM in Katar (20. November bis 18. Dezember) noch einiges an Arbeit.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass zwei Legionäre aus der Premier League Deutschland zunächst mit 2:0 in Führung brachten. Für das 1:0 zeichnete sich der für Manchester City spielende lkay Gündogan mit einem verwandelten Elfmeter verantwortlich, den der einst beim FC Chelsea ausgebildete Jamal Musiala herausgeholt hatte (52.). Das 2:0 erzielte der beim FC Chelsea angestellte Kai Havertz mit einem herrlichen Schlenzer (67.). Doch in einer stürmischen Schlussphase schafften Luke Shaw (72.) und der eingewechselte Jason Mount (75.) gegen die nicht sattelfeste deutsche Deckung noch den 2:2-Ausgleich. Damit nicht genug: Mit einem weiteren Strafstoß sorgte Harry Kane für das 3:2 (83.), ehe Havertz mit seinem zweiten Treffer den Teilerfolg rettete (87.).

Schweigeminute für Queen

Bundestrainer Hansi Flick hatte zuvor von „einem der schönsten Stadien der Erde“ geschwärmt – und seine ganze Erhabenheit strahlte die imposante Spielstätte bei der Schweigeminute aus, die in Gedenken an die verstorbene Queen abgehalten wurde. Am Rande des heiligen Rasens legten DFB-Präsident Bernd Neuendorf und der 66er-Weltmeister Geoff Hurst Kränze ab. Dort wollte Flick nach der Ernüchterung gegen Ungarn (0:1) „ein bisschen was gutmachen“.

Doch auch mit den neu ins Team Havertz und Musiala – Serge Gnabry, Thomas Müller und Timo Werner saßen anfangs allesamt auf der Bank – taten sich die altbekannten Probleme auf. Die deutsche Mannschaft spielte im letzten Drittel zu ungenau und unpräzise. Die Verunsicherung konnte die Protagonisten mit dem schwarzen Längsstreifen nie aus den neuen Kleidern schütteln.

Der als Sturmspitze aufgebotene Kai Havertz wirkte bisweilen verloren, die Strafraumbesetzung stimmte selten – und wenn eigentlich eine Spielbeschleunigung verlangt war, drehten Gündogan oder Joshua Kimmich wieder ab. Da nützten auch das erkennbare Bemühen von Youngster Musiala wenig.

Die ebenfalls nicht vor Selbstbewusstsein sprühenden Engländer mussten nur auf Umschaltaktionen warten, um die deutlich besseren Chancen eines höchst durchschnittlichen Länderspiels zu verbuchen. Der von Luke Shaw perfekt in der Schnittstelle gesuchte Raheem Sterling umdribbelte noch den anstelle von Antonio Rüdiger spielenden Nico Schlotterbeck, doch tauchte Keeper Marc-André ter Stegen gedankenschnell ab (25.). Dann rauschte die Kugel nach einer Direktabnahme von Rekordtorjäger Harry Kane nur knapp am Pfosten vorbei (27.). Und dann scheiterte Sterling nach Kane-Pass noch ein zweites Mal an ter Stegen (43.).

Nach der Pause kam mit Werner wieder ein echter Angreifer, so dass Havertz auf die Zehner-Position, Musiala auf den Flügel rücken konnte. Zunächst ging aber das Privatduell zwischen Sterling und ter Stegen in eine dritte Runde – wieder griff sich der Ballfänger vom FC Barcelona sicher das Spielgerät (49.).

Die nächste Szene auf der Gegenseite hatte fatale Folgen für die „Three Lions“: Harry Maguire leistete sich gleich zwei Aussetzer in Folge, als der unsichere Abwehrmann erst einen Fehlpass spielte, dann Musiala ungeschickt in die Beine tat. Schiedsrichter Danny Makkelie (Niederlande) ließ zwar erst weiterspielen, korrigierte sich aber bei Betrachten der Bilder in der Review Area umgehend. Gündogan verwandelte.

Bald darauf schlenzte Havertz denn Ball kunstvoll in den Winkel. Doch die deutsche Freude über denn Vorsprung war verfrüht. Weil Thilo Kehrer nicht aufpasste, konnte Shaw zum 1:2 einschießen. Und drei Minuten später streckte sich ter Stegen wieder vergebens, als Mount nach Vorlage von Bukayo Saka traf.

Damit aber nicht genug des deutschen Unheils: Eine Attacke von Schlotterbeck überprüfte Makkelie erneut am Monitor und deutete wieder auf den Punkt: Kane ließ sich die Chance nicht nehmen und traf mit voller Wucht zum vielumjubelten 3:2.

Nur war Wembley tatsächlich ein Tollhaus geworden. Doch immerhin bewies Flicks Ensemble noch Moral und vermied durch Havertz zweiten Streich die zweite Niederlage in Folge. Klar muss jedoch sein: Spätestens beim WM-Auftaktspiel gegen Japan (23. November) braucht es eine gefestigtere deutsche Elf.

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