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Erzielte in 51 Minuten schon drei Tore: BVB-Stürmer Paco Alcacer (rechts).

4:2 gegen Bayer Leverkusen

Dortmund macht die Liga spannend

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Jung, wild, couragiert: In Dortmund scheint bei aller angebrachter Vorsicht eine Gier geweckt, endlich wieder ganz oben angreifen zu wollen - für Trainer Lucien Favre ein perfektes Arbeitsumfeld.

In Dortmund denken die meisten Menschen nicht besonders gerne an jenes fatale 4:4 gegen den FC Schalke 04 zurück, das in der vergangenen Saison auf grausame Art und Weise die ganze Unausgewogenheit der damaligen Mannschaft bloß stellte. Der BVB hatte einen 4:0-Vorsprung verspielt, kein Wunder also, dass die Erinnerungen an jenen Novembertag aus dem Vorjahr auch nach dem 4:2-Erfolg in Leverkusen keine Rolle spielten.

Dabei haben Trainer Lucien Favre und seine Mannschaft an diesem sechsten Spieltag so etwas wie eine Umkehrung des Traumas vollbracht. Wie seinerzeit die Schalker haben sie in einem entfesselten Kraftakt eine zweite Hälfte mit 4:0 gewonnen und ein fast schon verlorenes Spiel gedreht. Zwar nicht gegen den Erzrivalen, dafür ist der BVB jetzt aber als letztes ungeschlagenes Team der Liga Tabellenführer. Sie haben die meisten Punkte, den besten Angriff, das beste Torverhältnis die Fans sangen „Wer wird Deutscher Meister, BVB Borussia“, und Favre erklärte: „Wir haben in der zweiten Hälfte richtig gut Fußball gespielt, mit Tempo, das war sehr, sehr schön für die Zuschauer.“

Für einen Menschen, der wahrlich nicht zur Schwärmerei neigt, waren das beinahe euphorische Worte, an diesem Abend erstaunte der Schweizer Fußballperfektionist mit seiner inneren Zufriedenheit sogar Sebastian Kehl. „Wenn man ihn mal Lachen sieht, ist das ein gutes Zeichen“, sagte der Leiter der Lizenzspielerabteilung. Tatsächlich schienen die Dortmunder nach dem Anschlusstreffer zum 1:2 eine innere Barriere überwunden zu haben. In dieser finalen halben Stunde habe „man die Qualität der Mannschaft richtig gesehen“, sagte Kehl.

Jadon Sancho berichtete von einer besonderen „Energie“, die er verspürt habe, der Engländer hatte eine sehenswerte Vorarbeit zu Marco Reus‘ 2:2 beigesteuert und auch Paco Alcacers 4:2 aufgelegt. Es war bereits Sanchos fünfter Assist in gerade einmal 124 Bundesligaminuten während dieser Saison. Noch spektakulärer ist aber Alcacers Bilanz, der in 51 absolvierten Minuten nun schon drei Tore erzielte. Darunter das wegweisende 3:2 in Leverkusen, mit einem höchst anspruchsvollen Torabschluss, der am Ende eines fantastischen Laufweges stand.

Lucien Favre denkt eher defensiv

Kehl sprach später von einem „brutal emotionalen Erlebnis für die Spieler“, was einerseits eine treffende Beschreibung der Dramatik war, andererseits aber auch auf die Reaktivierung eines Wesenszuges hindeutete, der zuletzt nicht so präsent gewesen ist beim BVB. Unter Thomas Tuchel und Peter Bosz gab es zwar auch diese wilden Fußballspiele, diese Shows für Adrenalinjunkies – mit den mittlerweile gut bekannten Abgründen allerdings. Mit Peter Stöger ist dieser Aspekt der BVB-DNA etwas verkümmert. Und da auch Lucien Favre eigentlich ein Trainer ist, der im Zweifel defensiv denkt, dessen Teams eher rational agieren als emotional, gab es Grund zur Annahme, dass die Zeiten, in denen das Publikum regelmäßig Spektakel geboten bekommt, vorerst vorbei sind. 

Das 7:0 gegen den 1. FC Nürnberg und dieses 4:2 taugen nun als beeindruckende Gegenargumente. In gewisser Weise waren die beiden Partien eine Reminiszenz an Jürgen Klopp: jung, wild, couragiert und sehr, sehr emotional. „Die Mannschaft hat wirklich an sich geglaubt, die Gier ist im Moment sehr groß“, griff Kehl Schlüsselbegriffe der Ära des berühmten Ex-Trainers auf.

Favre hatte den Mut, eine sehr junges Team zu nominieren, sechs Startelfakteure waren 23 oder jünger, darunter die komplette Viererkette. Mit der Einwechslung von Sancho (18) kam zudem viel Schwung von der Bank, Dan-Axel Zagadou (19) brillierte als Abwehrchef, Achraf Hakimi (19) war permanent präsent in der Offensive, und Mahmoud Dahoud (22), der in der Pause den fehlerhaften Thomas Delaney ersetzte, bereicherte die Mannschaft ebenfalls. 

Aber es gab eben auch diese Schattenseite: die erste Halbzeit. Marco Reus war bereits in der halben Stunde vor dem Anpfiff aufgefallen, dass das 7:0 vom Mittwoch gegen Nürnberg Kollateralschäden hinterlassen haben könnte. Er habe schon beim Warmlaufen „geahnt“, dass die Mannschaft diese Partie nicht gut beginnen werde, „weil wir überhaupt kein gutes Aufwärmen absolviert haben“, erklärte der Kapitän. Bei einigen Spielern hatte das Nürnberg-Spiel offenkundig eine Art Überheblichkeit zurückgelassen. Dass Reus diese Beobachtung nach der Partie öffentlich machte, ist Indiz für eine neue Alltagskultur. In der Zeit, als Marcel Schmelzer die Binde trug, wurden all die kleinen Nachlässigkeiten, die sich Leute wie Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé und einige mehr erlaubten, immer möglichst geheim gehalten, und selbst intern großzügig toleriert. 

Nun ist da ein Anführer, der solche Tendenzen öffentlich anprangert, auch das ist Teil der neuen Mentalität, an deren Erzeugung seit dem Ende der vergangenen Saison gearbeitet wird. Natürlich ist Vorsicht geboten, es mangelt noch an Konstanz und wird vermutlich auch wieder schwächere Phasen geben. Aber für einen Bessermacher wie Lucien Favre könnte diese Mischung aus Talent, Mentalität und offensichtlicher Unvollkommenheit ein ziemlich perfektes Arbeitsumfeld darstellen.

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