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Alles gegeben und doch nicht getroffen: Robert Lewandowski (Mitte) scheitert an Werders Torwart Jiri Pavlenka.

Bayern München

Doppelter Stabilitätspakt

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Die Bayern glänzen nicht in Bremen ? trotzdem ist der 2:1-Arbeitssieg Balsam auf die Seele des Rekordmeisters.

Es sind Bilder wie diese, die der FC Bayern für seine Daseinsberechtigung braucht: Der breitschultrige Niklas Süle nahm den eher schmalbrüstigen Joshua Kimmich in den Arm; Thomas Müller schwang in der Thermojacke vor der mitgereisten Münchner Anhängerschaft die Hände zum Himmel und daneben jubelte der Kapitän Manuel Neuer im hellblauen Unterziehhemdchen. Siege im Bremer Weserstadion sind zwar seit mehr als einem Jahrzehnt zur Münchner Gewohnheit geworden, aber dieser 2:1-Erfolg taugte fraglos zu echten Glücksgefühlen. Weil er Balsam war für die geschundene Seele eines im Umbruch befindlichen Vereins, deren Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß einen Tag nach einer Aufsehen erregenden Mitgliederversammlung auf weitere Kommentare verzichteten. Das Ergebnis war als Statement vorerst ausreichend.

Niko Kovac ballte nach Ende der vierminütigen Nachspielzeit die Fäuste. Nur der trotzige Tonfall verriet ansonsten, unter welcher Bringschuld der in Berlin geborene Kroate gestanden hatte. „Das war ein außergewöhnlich gutes Spiel. Wir haben technisch und taktisch dominiert“, betonte der Bayern-Trainer, der sich wieder ein glattrasiertes Antlitz zugelegt hat. Der verwegene Eindruck mit seinen wild sprießenden Bartstoppeln hätte auch gar nicht mehr gepasst, denn Kovacs Mannschaft wirkt nach dem vogelwilden 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf wieder akkurat geordnet: mit einer Doppelsechs (Joshua Kimmich und Leon Goretzka) und einem rechten Verteidiger, der eher tief als hoch verteidigt (Rafinha).

„So hat es mir gefallen: defensiv alle zusammen, gemeinsam gegen den Ball, gute Umschaltsituationen“, lobte der 47-Jährige, der sich über einen doppelten Stabilitätspakt freuen durfte. Rückendeckung von präsidialer Seite auf der Mitgliederversammlung gut und schön, aber wenn tags darauf seine Spieler die Gefolgschaft verweigert hätten, wären die Debatten erneut losgegangen. Nun konnte der Fußballlehrer erraten, dass er den Freitagabend nicht am Live-Ticker zugebracht habe, „sondern ich habe entspannt ein bisschen Golf geschaut“. Am Sonntag beim in der Vorweihnachtszeit üblichen Besuch der FCB-Fanklubs wurde Kovac in Inzell mit Ovationen empfangen, dann wurde ihm noch ein bayerischer Schuhplattler beigebracht.

Müller reißt Witzchen

Mitunter kommt das Glück auch unverhofft. Den kurzfristigen Ausfall seiner heiligen Flügelflitzer Arjen Robben, 34, und Franck Ribery, 35, kompensierte der zuvor für seine vorhersehbaren Aufstellungen kritisierte Coach, indem er den gar nicht für die Anfangsformation vorgesehenen Serge Gnabry, 23, für den beim Aufwärmen über Probleme klagenden Robben aufstellte und Kingsley Coman, 22, für den nach einem Schlag auf den Oberschenkel humpelnden Ribery einwechselte. „Das gibt uns nach vorne eine neue Dimension.“ Vor allem besitzt die Flügelzange der Zukunft mehr Draufgängertum, der sich in Gnabrys Doppelpack (20. und 50.) ausdrückte. Dass der Matchwinner bei seiner Auswechselung unter gellenden Pfiffen plötzlich vom Sprinter zum Spaziergänger mutierte, animierte Werder-Trainer Florian Kohfeldt zur spitzen Bemerkung: „So wie Bayern München ab der 55. Minute auf Zeit gespielt hat, waren die nicht sicher, dass sie hier gewinnen.“

„In unserer augenblicklichen Situation gehört es dazu, auch mal auf schönes Spiel zu verzichten“, erklärte Müller. „Befreiungsschläge bis zur Eckfahne“ seien zwar nicht sein bevorzugtes Stilmittel, aber es bringe nach dem Sieg gegen Benfica Lissabon (5:1) ja nichts, „wenn wir nur ein Ausrufezeichen setzen.“ Der 29-Jährige bestätigte, dass es intensive Unterredungen intern gegeben habe, deren Inhalt selbstverständlich geheim bleibe: „Sonst könnten wir ja auch eine Pressekonferenz dazu einberufen oder eine Talkshow veranstalten, bei der wir auch Fragen aus dem Publikum zulassen.“

Dass das bayerische Unikum überhaupt wieder Witzchen machte, belegt eine gewisse Beruhigung des Betriebsklimas. Nur der grantig in die Kabine hastende Kapitän Manuel Neuer ließ sogar das eigene Klubfernsehen wie Schulbuben stehen. Der längst nicht mehr beste Torwart der Welt leistete sich gemeinsam mit dem sich wegduckenden Innenverteidiger Jerome Boateng den einzigen slapstickartigen Aussetzer, den Yuya Osako zum zwischenzeitlich Ausgleich nutzte (33.). Zu viel mehr Widerstand war der zu verzagte SV Werder nicht in der Lage.

Sportchef Hasan Salihamidzic sah eine „gute Woche für uns“ und wollte sogar einen vom Trainer „eingeleiteten Trend“ erkennen. Kovac gab derweil als nächstes Ziel aus, „alle Spiele bis zur Winterpause zu gewinnen, dafür müssen wir fleißig arbeiten, dann können wir bis Weihnachten hamstern.“ Zum Lackmustest dürften das über den Gruppensieg entscheidende Champions-League-Auswärtsspiel bei Ajax Amsterdam (12. Dezember) sowie die Bundesligapartien gegen RB Leipzig (19. Dezember) und bei Eintracht Frankfurt (22. Dezember) werden. Dass der Hinrunden-Kehraus genau an jenem Ort steigt, an dem der aktuelle Coach erst die Größe erlangte, um für den Rekordmeister zum Objekt der Begierde zu werden, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

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