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Lena Oberdorf.

DFB-Elf

Im Doppelstress

Lena Oberdorf leitet an der Algarve die Abwehr und schreibt Klausuren.

Auf dem Trainingsplatz stand Deutschlands neue Abwehrchefin Lena Oberdorf am Donnerstagvormittag nicht. Das lag aber weniger an der leichten Oberschenkelblessur, die sich die verheißungsvollste deutsche Nationalspielerin beim siegreichen Start mit dem hochverdienten 1:0 gegen Schweden in den Algarve-Cup zugezogen hatte. Und auch nicht am ungewohnt regnerischen Schmuddelwetter im Süden Portugals. Nein, die seit dem 19. Dezember volljährige Oberdorf musste im Teamhotel in Almancil eine Klausur schreiben.

Noch geht die Bundesligaspielerin der SGS Essen zur Schule, demnächst stehen die Abitur-Prüfungen an. Wenn Lena Oberdorf ihren schulischen Herausforderungen so gewissenhaft und überzeugend nachkommt wie ihrer Pflicht auf dem Platz, müsste der Abi-Schnitt im Einser-Bereich liegen. Sie verdiente sich beim erfolgreichen Länderspielauftakt in diesem Jahr im Estadio Algarve mal wieder die Bestnote.

Mit gerade einmal 18 Jahren ist die Gymnasiastin aus Gevelsberg in der DFB-Elf im Abwehrzentrum gesetzt. Bei der verkorksten Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich zählte Oberdorf zu den wenigen Gewinnerinnen, die aufgrund ihrer Robustheit und Physis ruhig noch mehr Einsatzzeit hätte bekommen können. Mit 17 Jahren, fünf Monaten und 20 Tagen hatte sie gegen China ihr WM-Debüt gegeben und in ihrem vierten Länderspiel eine Bestmarke geknackt: Bei ihrem ersten WM-Einsatz war Oberdorf 52 Tage jünger als Rekordnationalspielerin Birgit Prinz.

Nun spielte sie bis zu ihrer Auswechslung erneut so abgezockt und clever, dass die Schwedinnen während der gesamten 93 Minuten nur eine echte Torchance hatten. Im Hinblick auf eine erfolgreiche EM 2021 in England gilt sie für Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg längst als die vielleicht wichtigste Stütze.

Dabei schafft Oberdorf nicht nur einen Spagat zwischen Schule und Leistungssport, sondern auch ein bemerkenswertes Wechselspiel zwischen Verein und Nationalmannschaft. In Essen spielt sie meist im defensiven Mittelfeld. Auch die Zehner-Position hat sie dort schon ausgefüllt. Voss-Tecklenburg jedoch sieht den Teenager im Nationaltrikot als erste Wahl in der Innenverteidigung.

„Ich glaube, ihre Zukunft liegt auf dieser Position, weil sie von dort sehr viel Dynamik auslösen kann“, sagt die 52-Jährige. Mit ihrem Klub gebe es die klare Absprache, „dass wir es gut finden, wenn sie dort auf der Sechs oder auch mal auf der Zehn spielt“, berichtete Voss-Tecklenburg. „Das hilft ihr, sich zu entwickeln.“ Bislang verläuft dieser Prozess derart rasant, dass Oberdorf schon jetzt zu den Führungsspielerinnen und auch zu den gefragten Gesprächspartnerinnen zählt.

Samstag gegen Norwegen

Voss-Tecklenburg jedenfalls weiß um die besondere Bedeutung Oberdorfs. „Keine Frage, dass Obi ein großes Talent ist. Das sehen alle, die sie Fußball spielen sehen.“ Vermutlich wird sie aber nicht im Halbfinale gegen Norwegen (Samstag 18.30 Uhr) zu sehen sein: Die Bundestrainerin hat umfangreiche Rochaden fürs zweite Spiel angekündigt. „Das hat mit Belastungssteuerung zu tun. Wir sind es den Vereinen schuldig.“ Und irgendwann muss auch Lena Oberdorf mal durchatmen. 

dpa/hel

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