1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Vor Schicksalsspiel gegen Spanien: Donnerhall im Sitzungssaal

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Bundestrainer Hansi Flick und seine Mannschaft setzen auf eine deutliche Aussprache als reinigendes Gewitter – ob das reichen wird gegen Spanien?

Doha – Es kann schon mal vorkommen, dass es in der Wüste blitzt und donnert. Das passiert zwar selten, aber dann wird es meist heftig. Das haben nun auch die deutschen Fußball-Nationalspieler und ihr Trainer Hansi Flick erlebt. 29 Grad, Sonnenschein, keine Wolke am Himmel. Meteorologisch schlechte Voraussetzungen für ein reinigendes Gewitter am Persischen Golf. Also haben sie alle miteinander das Unwetter höchstselbst herbei beschworen: alle Mann hinein in einen Sitzungssaal im Zulal Wellness Resort am Nordrand von Katar, Türen zu und Münder offen. Dort, wo die besser Betuchten der arabischen Halbinsel sich ansonsten Ayurveda-Anwendungen verabreichen oder sich zu den Lauten von Klanggabeln im Flüsterton therapieren lassen, wurde in gebotener Deutlichkeit Klartext gesprochen.

Denn der Bundestrainer sah angesichts des dem drohenden WM-Aus vor dem Spiel am Sonntag in Al Khor gegen Spanien (20 Uhr/ZDF) dringenden Gesprächsbedarf. Zu sehr waren sie alle miteinander aus der Spur geraten. Ob das Treffen eines Tages als Wende für Deutschland bei dieser Weltmeisterschaft interpretiert wird oder als hilfloser Versuch zu retten, was nicht mehr zu retten war nach viereinhalb Jahren, die von Pleiten, Pech und Pannen viel mehr begleitet wurden als von Glücksmomenten?

Unter Druck: Bundestrainer Hansi Flick.
Unter Druck: Bundestrainer Hansi Flick. © dpa

Vor Schicksalsspiel gegen Spanien – Flick nimmt berechtige Kritik seiner Arbeit wahr

Flick möchte jedenfalls nicht als derjenige Bundestrainer Berühmtheit erlangen, der für ein historisch frühes Scheitern in die Geschichtsbücher eingeht, ohne nicht vorher sämtliche Wege der Krisenkommunikation genutzt zu haben. Eine bloße Ansprache an die Mannschaft nach dem Versagen sämtlicher Systeme in der Schlussphase beim 1:2 zum WM-Auftakt gegen Japan erschien ihm zu profan. Statt einer Ansprache entschied er sich für eine Aussprache. Die dauerte mehr als eine Stunde lang. Und sie hinterließ Spuren. Flick verfügt über feine Antennen. Er hat die öffentlich geäußerte Fundamentalkritik von Ilkay Gündogan („Einige haben sich versteckt“) und Manuel Neuer („Pässe ohne Message“) natürlich vernommen. Er hat den Frust von Leon Goretzka wahrgenommen und die berechtigte Kritik gelesen, die an seiner Aufstellung und den Auswechslungen geübt wurde. Er scheint zu spüren, dass all das, was er sich in 15-monatiger kleingliedriger Vorbereitung mit Trainerstab und Beraterteam ausgedacht hat, nach dieser intern vollkommen unerwarteten Schlappe kaum noch zählt.

Vor viereinhalb Jahren, nach einem ähnlich verkorksten WM-Start beim 0:1 gegen Mexiko, hat sich Joachim Löw versonnen lächelnd, mit Sonnenbrille auf der Nase an einer Laterne im russischen Sotschi, mit Blick auf Schwarze Meer präsentiert. Das sah gut aus, war aber kontraproduktiv. Die Haltung strahlte nicht nur nach außen, sondern vor allem auch nach innen aus. Spieler und Staff schüttelten den Kopf. Das Foto zur Hybris, die wenig später das Vorrundenaus des damals noch amtierenden Weltmeisters bedeutete.

Kai Havertz vor Schicksalsspiel gegen Spanien – „Es war Zeit, dass wir uns allen die Wahrheit sagen“

Hansi Flick will es besser machen als sein Vorgänger Joachim Löw, mit maximaler Ernsthaftigkeit und einer Menschenführung, die nicht allein auf Autorität setzt. Sondern auch auf Zuhören. Es wurde leidenschaftlich debattiert. Das bestätigten tags darauf die Nationalspieler Julian Brandt und Kai Havertz, die der DFB zwei Tage vor der brisanten Partie gegen Spanien zur Pressekonferenz ins Medienzentrum von Al Ruwais beordert hatte. Kai Havertz machte seine Sache dort um einiges besser als auf dem Spielfeld gegen Japan, als er unentdeckt geblieben war. Er lobte Flick für dessen Klarheit im Umgang mit den Spielern. „Ich brauche keinen Trainer, der mich anschreit. Nach diesem Meeting weiß jeder, was Sache ist.“

Der Offensivmann berichtete, er habe „zwei Tage lang große Wut in mir gehabt und war auch nicht gut gelaunt“. Nach dem Gedankenaustausch in Fußballersprache, die bekanntermaßen wehtun kann, „habe ich jetzt große Vorfreude auf Spanien“.

Havertz beantwortete auch die Fragen englischer Reporter in bemerkenswerter Transparenz in deren Muttersprache. Übersetzt hörte sich das in etwa so an: „Es war Zeit, dass wir uns allen die Wahrheit sagen. Es ist nicht immer schön, das zu tun, aber es macht uns stärker.“

Schicksalsspiel gegen Spanien – Harte Arbeit gegen die iberische Passmaschine

Julian Brandt, nicht auf den Mund gefallen, präsentierte Küchenpsychologie in immerhin gehobener Version: „Ja, wir sind jetzt in einer Scheißsituation. Aber vor allem ist es eine Chance, die Stimmung zu drehen. Das kann extrem viel Energie freisetzen.“ Havertz stimmte zu: „Vielleicht kann das den Turnaround bringen.“

Zumindest ist es der Versuch des Bundestrainers, die Dinge nicht einfach laufen zu lassen und lediglich mit taktischen Anweisungen und ein paar Änderungen im Personal ins schicksalshafte Spanien-Spiel zu gehen. Flick wies leidenschaftlich darauf hin, dass gegen die iberischen Passmaschinen stabil härtere Arbeit gegen den Ball vonnöten ist als in der Phase des kollektiven Zusammenbruchs gegen Japan. Thema sei auch gewesen, berichtete Brandt, „dass wir auch mal tiefer stehen und kontern“.

Tiefer stehen wird die deutsche Nationalmannschaft fortan auch mit politischen Botschaften. „Unser Fokus“, berichtet Havertz, „ist hundertprozentig auf dem Fußball.“ Alle andere Gedanken: fortgespült im Gewitterregen. (Jan Christian Müller)

Auch interessant

Kommentare