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Peter Bosz, Trainer auf Abruf.

Revierderby

Das Donnergrollen

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Bei Borussia Dortmund ist Peter Bosz nach der historischen 4:4-Niederlage nur noch ein Trainer auf Abruf.

Als das rasende Chaos der ganz großen Fußballgefühle einen absurden Höhepunkt erlebte, kratzte Peter Bosz sich erstmal mit einem Finger am Dreitagebart. Die Menschen waren außer sich, entfesselte Schalker bejubelten ihren Treffer zum 4:4 als historische Großtat, und die schwarz-gelbe Masse auf der Südtribüne wütete, schimpfte und brüllte verzweifelt. Der königsblaue Torhüter Ralf Fährmann sprach etwas später von „purem Wahnsinn“, aber Worte taugen nur unzureichend, um dieses wilde Erlebnis zu beschreiben. Insofern war es sogar passend, dass Bosz gar nicht erst versuchte, der Wucht verbal habhaft zu werden. Der stärkste Begriff, den er hinterher in jedes Interview einflocht, war „Enttäuschung“. So etwas „darf nicht passieren“, sagte er immer wieder.

Man könnte ihm geradezu dankbar sein für diese Zurückhaltung in einem Moment, der noch sehr lange glühen wird in den Herzen der Fußballmenschen aus dem Ruhrgebiet. Doch so langsam verdichtet sich das Bild eines Fußballtrainers, der nicht nur dann passiv bleibt, wenn ohnehin unkontrollierbare Kräfte am Werk sind. Sondern auch in Momenten, in denen klare, strukturierte Handlungen erforderlich ist. Nie war das so eindrucksvoll sichtbar wie an diesem Tag. Ein Blick hinunter in die Coaching Zonen reichte, um zu sehen, wie unterschiedlich Fußballlehrer mitunter arbeiten.

Das Publikum wird in den Irrsinn gerissen

Vor der Schalker Bank tanzte Domenico Tedesco, schon früh in der Partie rief er immer wieder Spieler zu sich, stellte um, diskutierte, und nach einer halben Stunde wechselte er beim Stand von 4:0 für den BVB zwei mal aus. Das war einerseits das Eingeständnis eines eigenen Fehlers und andererseits der Türöffner für das unvergessliche Drama, von dem das Publikum anschließend in den Irrsinn gerissen wurde.

Bosz hingegen wirkte wie gelähmt, als das Desaster in der Schlussphase immer konkretere Formen annahm. Seine Einwechslungen gaben falsche Signale (Wir haben Angst! Nur noch verteidigen!), und einen eigenen Fehler hat der Holländer noch nie eingeräumt. Auch die Debatte um die angeblich unzureichende Fitness des Teams wurde natürlich weiter geführt, daran liege es „total nicht“, behauptete Bosz. Allerdings ist der 53-Jährige auch für die Arbeit am labilen mentalen Zustand des Teams verantwortlich, den er selbst immer wieder als Grund für die vielen grauenhaften zweiten Halbzeiten der vergangenen Wochen anführt. Ohne sichtbaren Fortschritt.

An diesem Tag konnte der System-Dogmatiker immerhin mal erleben, wie wirkungsvoll eine unerwartete Aufstellung sein kann. Die Dreierkette habe er „nicht erwartet, das war ein kluger Schachzug“, sagte Tedesco. Doch nach einer halben Stunde hatten die Schalker eine Lösung, und Bosz wusste keine eigene Antwort mehr. Dass dieser Mann noch ein Trainer wird, der den BVB zu strahlenden Erfolgen führt, ist ähnlich unwahrscheinlich wie das Kunststück, nach einem 0:4 nicht zu verlieren. In der Bundesliga hat das vor den Schalkern nur der FC Bayern geschafft, 1976 beim 6:5-Erfolg in Bochum.
 

Der Inner Circle aus der Chefetage um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc entschied sich dennoch in der Nacht, an dem Holländer festzuhalten. Wohl auch, weil derzeit weder in der A-Jugend noch bei der U23 Trainer arbeiten, denen man zutraut, vorübergehend mit dieser schwierigen Mannschaft klar zu kommen. Und weil auf dem internationalen Trainermarkt weder eine zufriedenstellende Übergangs-, noch eine überzeugende Langfristlösung bereit steht. Aber Watzke sprach Bosz auf der Mitgliederversammlung am Sonntag auch mit deutlichen Worten ins Gewissen. „Ich habe die klare Erwartung an dich und dein Team, Peter, dass ihr in dieser Woche gemeinsam mit Michael Zorc und seinen Leuten alles auf den Prüfstand stellt und jeden Stein umdreht“, sagte der Geschäftsführer. „Da darf es keine Denkverbote geben.“ Aber warum haben sie das nicht schon viel früher gemacht?

Die gut 1200 Mitglieder bedachten die Profis und den Trainer am Morgen nach dem historischen Einbruch mit verhaltenem Beifall und lauten Pfiffen. „Ich fühle mich genauso beschissen wie ihr alle“, rief Watzke den versammelten Menschen in der Westfalenhalle zwischen Pils und Erbsensuppe kämpferisch zu. „So etwas habe ich noch nie erlebt! Das Problem ist aber, dass es keine Patentlösung gibt.“

Mangel an Struktur und Zusammenhalt

Es ist eine tiefe Ratlosigkeit, die nach dem Trainer auch die Klubführung erfasst hat, auch Watzke und Zorc geraten daher immer mehr ins Zentrum der Kritik. Dass es ihnen nicht gelungen ist, mit dem Erfolgscoach Thomas Tuchel zusammenzuarbeiten, hat zwischenmenschliche Ursachen, die man niemandem zum Vorwurf machen kann, die aber in der eskalierenden öffentlichen Auseinandersetzung ausgesprochen schlecht gemanagt wurden und viel zu viel Energie kosteten. Dass sie mit einem Kader in die Saison gegangen sind, der fatale Mängel in der Defensive und ein großes Problem mit dem Zusammenhalt hat, hätten die beiden in besseren Jahren zu verhindern gewusst.

Auf diesen Mangel an Struktur und Zusammenhalt spielte Kapitän Schmelzer wohl an, als er sagte, „es gibt Gründe“ für den krassen Kontrast zwischen gutem Saisonbeginn und dem folgenden Absturz, der sich in diesem Derby noch einmal im Zeitraffer betrachten ließ. Aber die Öffentlichkeit müsse bitte „Verständnis“ aufbringen, dass er diese „jetzt nicht nennen kann“, erklärte Schmelzer.

Watzke brachte sogar noch einmal den Gedanken ins Spiel, dass der Sprengstoffanschlag auf dem Mannschaftsbus zu den Ursachen für den schlechten Umgang mit Bedrohungs- und Angstsituationen auf dem Platz zählen könnte. „Wenn ich jetzt mit der Mannschaft nicht so hart umgehe, sollten wir das bei aller berechtigten Kritik einfließen lassen“, sagte der Geschäftsführer. Aber er sagte mit Blick auf die desaströse Bilanz in der Champions League auch: „Zwei Punkte in dieser Gruppe zu holen, in der wir zweimal 1:1 gegen Nikosia spielen, das ist schlicht und ergreifend nicht zu ertragen.“

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