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„Donata Hopfens Persönlichkeit hat nicht gepasst“

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Einmal hat sie die Meisterschale an den FC Bayern übergeben dürfen: Donata Hopfen.
Einmal hat sie die Meisterschale an den FC Bayern übergeben dürfen: Donata Hopfen. © Imago

Der Frankfurter Personalberater Heiner Thorborg über die Gründe des Scheiterns der DFL-Chefin und die Fehler beim DFB bei der WM und bei der Trennung von Oliver Bierhoff

Herr Thorborg, Donata Hopfen ist nach nur 341 Tagen als DFL-Geschäftsführerin wieder entmachtet. Sie sagte, ihr habe der Rückhalt gefehlt. Hatte Sie als Frau in der Männerdomäne Fußball überhaupt eine faire Chance?

Als ich las, dass sie die Nachfolgerin von Christian Seifert werden sollte, war ich sehr überrascht. Meines Wissens nach hat sie überhaupt keine Nähe zu diesem Sport. Davor hatte Sie Positionen in kleineren Start-ups, in denen sie kurze Zeit war. Sie war auch bei Springer. Daraus zu schließen, dass sie die Aufgabe bei der DFL wuppen kann, ist nicht nachvollziehbar für mich. Da würde sich jeder schwer tun – egal, ob Mann oder Frau. Einerseits braucht man für Jobs dieser Kategorie Kompetenz und andererseits Persönlichkeit. Wenn es so schnell zu Ende geht wie bei Frau Hopfen, dann ist fast immer die Persönlichkeit der Grund dafür.

Muss sich die DFL bei dieser Personalentscheidung nicht auch an die eigenen Nase packen?

Natürlich. Sechs Männer sitzen im Aufsichtsrat. Diese hatten für diese Entscheidung eine Personalberatung. Es muss bei der Wahl auch eine gewisse Naivität gewesen sein – nach dem Motto: Der erste Eindruck zählt. Ich weiß nicht, ob vorab die Referenzen von Frau Hopfen genau geprüft wurden. Denn das ist eine Bedingung bei solch wichtigen Personalentscheidungen. Es muss ein vernünftiges Onboarding stattfinden, man muss so einer Frau zu Beginn ihres Jobs einen Coach zur Seite stellen. Ob das gemacht wurde, weiß ich nicht. Im Zweifel nein. Daher suche ich die Schuld nicht nur bei Frau Hopfen, sondern eben auch bei den Entscheidern und dem Personalberater.

War ihr Scheitern programmiert?

Ich erinnere sie nicht als hochempathische Frau. Meiner Erinnerung von vor ungefähr drei Jahren nach ist sie sehr kopfgesteuert und analytisch. Herrn Seifert kenne ich auch persönlich. Deswegen habe ich zu beiden Personen eine eigene Meinung. Er hat alles mit Herz gemacht. Ich glaube, bei Frau Hopfen war das nicht der Fall. Bei ihr ist alles kühler. Es dürfte schon nach wenigen Monaten klar gewesen sein, dass der Job bei der DFL nichts für sie ist.

„Es wäre nicht schlecht, eine Geschäftsführung zu installieren, die nicht komplett fußballfremd ist“, sagte DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke. War Hopfen nur eine Quotenfrau?

Das glaube ich nicht. Das wäre nicht nötig gewesen. Ich glaube schon, dass die DFL-Entscheider die Idee, eine Frau dazu zu holen, gut fanden. Wenn die Frau – oder auch ein Mann – den Erwartungen nicht entspricht, dann kommt die Enttäuschung. Ich würde das in diesem Fall nicht auf das Geschlecht beziehen. Die Persönlichkeit hat nicht gepasst. Das ist bitter. Herr Seifert hat eine hohe Empathie. Der Job ist eine diffizile Aufgabe. Man muss die Männer bei der DFL entsprechend behandeln. Ich glaube, dass Frau Hopfen daran gescheitert ist. Sie hat versucht, durchzumarschieren. Auch Carla Kriwet wurde nach nur zwei Monaten als Chefin von Fresenius Medical Care nach 2 Monaten ausgetauscht. Meistens ist es ein Persönlichkeitsclash.

Nun will Watzke sich mit Kollegen selbst auf die Suche nach einem Nachfolger machen und nicht wieder Headhunter auf die Jagd schicken.

Nach zwölf Monaten ist die Personalberatung, die Frau Hopfen empfohlen hatte, in der Pflicht. Die muss kostenlos Ersatz suchen. Den Aussagen von Watzke zufolge, dürfte es aber ein Zerwürfnis zwischen der DFL und der Personalberatung gegeben haben. Watzke & Co. sind offenbar wahnsinnig enttäuscht, dass es nicht geklappt hat.

Welche Eigenschaften muss der Nachfolger von Frau Hopfen mitbringen?

Er oder sie muss erstens viel Empathie haben. Die Menschen müssen die Person mögen. Sie muss innerlich sehr stark sein und unabhängig bleiben, ein hohes Maß an Diplomatie anwenden. Man kann nicht einfach durchmaschieren. Nur wenn sie die Leute überzeugen, kann es funktionieren. Das dauert. Und sie müssen Überzeugungskraft mitbringen. Wenn sie das nicht haben, dann ist es vorbei.

Auch der DFB ist nach der enttäuschenden WM in der Krise. Wie haben Sie den ehemaligen Direktor Oliver Bierhoff während dem Turnier wahrgenommen?

Er war schon sehr lange in diesem Job. Er hat nicht nur als Fußballer, sondern auch als Sportdirektor seine Verdienste. Ich muss dazusagen, ich habe die WM nicht geguckt. Man hat alles gewusst. Dass die Fifa verrottet und korrupt ist, weiß man. Ich bin enttäuscht, dass der DFB nicht in der Lage war, Rückgrat zu zeigen und zu sagen: „Lieber Herr Infantino, wir werden die One-Love-Binde tragen und auch den Rest der Nationen davon überzeugen. Dann gebt uns doch die Gelbe Karte.“ Der DFB ist der größte nationale Sportverband der Welt, er hat also Gewicht. Herr Bierhoff hätte DFB-Präsident Neuendorf in dieser Causa den Rücken stärken sollen. Für dieses Einknicken habe ich null Verständnis.“

War der anschließende Kompromiss der Mund-zu-Geste typisch deutsch?

Zur Person

Heiner Thorborg aus Frankfurt ist einer der führenden Headhunter und Personalberater im deutschsprachigen Raum. Im Interview betont er, wie wichtig die Menschenführung gerade im Sport ist. FR

Typisch deutsch wäre gewesen, wir hätten Infantino unseren Stinkefinger gezeigt.

Haben Führungskräfte in der Privatwirtschaft mehr Rückgrat?

Relativ gesehen ja.

Bierhoff wurde von der Öffentlichkeit zum Sündenbock abgestempelt. Hätte er damit überhaupt eine Chance gehabt, in seinem Amt zu bleiben?

Das hängt von denen ab, die die Entscheidungen treffen. Ich weiß nicht, welches Ansehen Bierhoff zuletzt intern noch gehabt hat. Aber als Chef eines Unternehmens muss man nach außen hinter seinen Leuten stehen. Wenn Bierhoff in den Medien niedergemacht wird, muss ich mich als oberster Chef davorstellen und ihn in Schutz nehmen. Was hinterher passiert, ist eine andere Sache. Wenn Unternehmen Führungskräfte loswerden wollen, wird deren Vertrag meist noch vorher verlängert und dann verlässt derjenige die Firma im gegenseitigen Einvernehmen. Bei Bierhoff war das kein guter Stil. Das macht man anders.

Die DFL im Chaos, der DFB in der Krise. Wie würde so etwas ein DAX-Unternehmen regeln?

Die würden erstens dem Personalberater sagen, du bist in der Pflicht, sorg dafür, dass die richtige Person kommt. Ohne Personalberater solche Aufgabe zu lösen, halte ich für nicht ideal. Bei DAX-Unternehmen ginge das gar nicht bei guter Corporate Governance. Gewisse Bedingungen müssen eingehalten werden. Wenn das Verhältnis zum Personalberater zerrüttet ist, dann muss ein anderer her. Ich muss einen Partner, zu dem ich Vertrauen habe, dazuholen. Die handelnden Personen sind in der Beurteilung von Führungskräften keine Experten. Woher auch? Jetzt bei der DFL und dem DFB einen Alleingang zu machen, ist ein hohes Risiko. Es sei denn, sie haben die gewünschte Führungsperson schon lange im Blick und kennen diese sehr gut.

Was muss eine Führungspersönlichkeit beim DFB charakterlich mitbringen? Wonach würden Sie Ausschau halten?

Die Person muss viel Fachkompetenz mitbringen. Ich würde keinen auf den Posten setzen, der mit Sport wenig am Hut hat. Das wäre per se eine Fehlbesetzung. Es müsste jemand sein, der die Charakteristika eines guten Managers mitbringt: Transparenz, Wertschätzung gegenüber seinen Gesprächspartnern, Offenheit, es sollte auch ein guter Zuhörer sein. Dann werden Sie sehen, dass es sehr gut läuft. Die Umgebung muss merken, dass man seinem Job mit Leidenschaft nachgeht. Wenn Sie keine Leidenschaft für ihr Unternehmen haben, dann sollten Sie besser nicht Chef werden. Man muss alle Leute mitnehmen. Der Stil, von oben nach unten zu führen, ist vorbei.

Die Nachfolger von Bierhoff und Hopfen sollen aus dem Fußball kommen. Ist das notwendig?

Das würde ich nicht so eng sehen. Sporterfahrung ja, aber es muss meiner Meinung nach nicht ein ehemaliger Fußballer sein. Das muss jemand sein, der weiß, was so eine Aufgabe beinhaltet. Bei Führungspositionen im Basketball oder Handball gibt es ähnliche Themen zu bearbeiten. Fußball ist zwar Massensport, aber da reicht gesunder Menschenverstand und Erfahrung im Sportbereich. Noch mal: Sie müssen die Menschen gewinnen.

Im Idealfall wollen Watzke & Co. bis Weihnachten einen Bierhoff-Nachfolger präsentieren.

Man darf sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Im Laufe meiner Tätigkeit als Personalberater habe ich gelernt, dass man die Unternehmen darauf aufmerksam machen sollte, ihre Entscheidung nicht zu überstürzen. Das führt zu Fehlern. Nach dem Motto: Nimm dir genügend Zeit, um die richtige Wahl zu treffen.

Interview: Philipp Kessler

Der Frankfurter Personalberater Heiner Thorborg über die Gründe des Scheiterns der DFL-Chefin Donata Hopfen und die Fehler beim DFB bei der WM und bei der Trennung von Oliver Bierhoff

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