Grid_1-4-B_145217
+
Naturtalent: Kai Havertz (rechts) zieht’s auf die Insel.

FR-Bundesliga-Tipptabelle (10)

Bayer Leverkusen: Dominostein Kai Havertz

Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der Werkself auseinander. Der Wechsel des Nationalspielers wird einen Umbruch in der Offensive einleiten.

Wann geht Kai Havertz? Seit Wochen dreht sich bei Bayer Leverkusen alles um die Frage, wann der Transfer des hochtalentierten Nationalspielers zum FC Chelsea in die Premier League vollzogen wird. Die Engländer sind bereit, die geforderten rund 100 Millionen Euro inklusive Bonizahlungen zu überweisen. Wenn der Wechsel über die Bühne geht, würde der Europa-League-Teilnehmer zum Big Player in der Bundesliga aufsteigen. Zumal auch Kevin Volland die Werkself wohl für rund 25 Millionen Euro in Richtung AS Monaco verlassen wird. Zum heutigen Trainingsauftakt werden aber sowohl Havertz als auch Volland erwartet.

Wie ist die Stimmung?

Die Enttäuschung nach dem Aus im Viertelfinale der Europa League gegen Inter Mailand (1:2) ist noch nicht ganz verflogen. „Anspruch und Realität liegen bei uns auseinander“, sagte Fernando Carro, der Vorstand der Geschäftsführung. Der Anspruch bleibt, dauerhaft unter die Top Vier der Bundesliga zu kommen. Das wurde verpasst. Die Stimmung zum Trainingsauftakt wird seltsam sein, denn bis zum ersten Pflichtspiel am 13. September im DFB-Pokal gegen Eintracht Norderstedt wird sich der Kader noch stark verändern, wenn der Dominostein Kai Havertz fällt. Für Ärger hat mal wieder Leon Bailey gesorgt. Der 22-jährige Jamaikaner war in seiner Heimat bei der Geburtstagsparty von Sprintkönig Usain Bolt, bei dem anschließend die Infizierung mit dem Coronavirus festgestellt wurde. Bailey muss in 14-tägige Quarantäne und darf erst nächste Woche nach Deutschland fliegen. Der Linksaußen, der von der Premier League träumt, könnte die Werkself ebenfalls verlassen, sollte ein Klub mehr als 40 Millionen Euro auf den Tisch legen.

Wie stark ist der Kader?

Neben Havertz und Volland will auch Stürmer Lucas Alario den Klub verlassen. Ein möglicher Nachfolger in der zentralen Sturmposition ist Patrik Schick, der vergangene Saison an Leipzig ausgeliehen war und zehn Tore erzielte, aber noch bei AS Rom unter Vertrag steht. Er könnte für 25 Millionen Euro an den Rhein kommen, da die Sachsen nicht bereit sind, die Summe für den 24-jährigen Tschechen zu zahlen. Er wäre ein echter Knipser, der Leverkusen zuletzt fehlte. Gesucht wird ein neuer Rechtsverteidiger. Den auf dem Wunschzettel stehenden Reinier von Real Madrid hat sich Borussia Dortmund geschnappt. Leverkusen hat einen ausgeglichenen Kader mit einem guten Mix aus erfahrenen und hungrigen Spielern. Was fehlt, ist die internationale Top-Klasse.

Worauf steht der Trainer?

Peter Bosz setzt auf ein offensives, schnelles und pressingbetontes System mit den unterschiedlichsten Grundordnungen. Kein Team lief in der abgelaufenen Spielzeit mehr als Bayer Leverkusen (4054 Kilometer). 40 Kilometer mehr als der Zweite Union Berlin. Am häufigsten setzte der Niederländer auf ein 4-2-3-1 mit zwei Sechsern, von denen der eine den klaren Auftrag hat, sich in die Offensive einzuschalten. „Ich arbeite bei Bayer Leverkusen, das ist ein super Verein. Dann muss das Ziel doch sein, auch Titel zu holen“, sagt Bosz.

Zu- und Abgänge

Zugänge: Lennart Grill (1. FC Kaiserslautern), Tin Jedvaj (FC Augsburg, Leihe beendet), Joel Pohjanpalo (Hamburger SV, Leihe beendet), Panagiotis Retsos (Sheffield United, Leihe beendet)

Abgänge: Adrian Stanilewicz (SV Darmstadt 98), Ramazan Özcan (Karriereende)

Woran hapert’s noch?

In großen und wichtigen Spielen abzuliefern. Im Kampf um die Champions-League-Plätze verlor Leverkusen am vorletzten Spieltag 0:2 bei Hertha BSC und musste sich letztlich mit Rang fünf begnügen. Die Titelchance vergab Leverkusen im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München, weil Bosz in der ersten Halbzeit entgegen seiner Prinzipien zu defensiv begann. Insgesamt muss das Team konstanter werden. Das dürfte zu Beginn der Saison schwierig werden, wenn die Offensive neu formiert werden muss. Die im vergangenen Sommer und Winter für insgesamt 60 Millionen Euro geholten Kerem Demirbay, Nadiem Amiri und Exequiel Palacios müssen den nächsten Schritt machen. Der Havertz-Abgang könnte Demirbay entgegenkommen, da er sich auf der Zehnerposition deutlich wohler fühlt, als eine Position dahinter. Amiris Können blitzte ab und an mal auf, er fand aber vergangene Saison noch keine feste Position. Palacios, für 17 Millionen Euro von River Plate losgeeist, kam in der Bundesliga nicht über 177 Minuten Einsatzzeit hinaus, in der Europa League gegen die Rangers und Inter stand er dann in der Startelf.

Wer sticht heraus?

Besser gesagt, wer hat das größte Potenzial herauszustechen: Das ist ganz klar Florian Wirtz, der im Winter vom 1. FC Köln mit einigen Nebengeräuschen auf die andere Rheinseite geholt wurde. „Florian ist ein außergewöhnlicher Junge, der alles mitbringt, um den deutschen Fußball in den kommenden Jahren vielleicht entscheidend mitzuprägen“, lobt Rudi Völler, Geschäftsführer Sport bei Bayer 04, das Talent. Der 17-Jährige trainierte zunächst bei der A-Jugend, ehe ihn Peter Bosz nach der Corona-Pause ins kalte Wasser warf. Mit seinem Treffer zum 2:4 am 6. Juni gegen den FC Bayern München wurde er der jüngste Torschütze in der Geschichte der Bundesliga (17 Jahre und 34 Tage). Kürzlich erhielt Wirtz die Fritz-Walter-Medaille in Gold für die Altersklasse U17 vom DFB. Natürlich wird sich der flinke 1,75-Meter-Bursche noch an das Tempo und die Härte im Profibereich gewöhnen müssen. Seine Zeit wird kommen, verheizt werden soll Wirtz keinesfalls – weder im Verein noch in der U21, für die er bald sein Debüt geben soll.

Die Bundesliga-Tipptabelle der FR-Redaktion für die Saison 20/21

PlatzVerein
1noch nicht gesetzt
2noch nicht gesetzt
3Borussia Mönchengladbach (4)
4noch nicht gesetzt
5Hertha BSC Berlin (10)
6Bayer Leverkusen (5)
7noch nicht gesetzt
8TSG Hoffenheim (6)
9noch nicht gesetzt
10FC Augsburg (15)
11Union Berlin (12)
12noch nicht gesetzt
13Werder Bremen (16)
14Mainz 05 (13)
15noch nicht gesetzt
16VfB Stuttgart (-)
17noch nicht gesetzt
18Arminia Bielefeld (-)

In Klammern: Platz in der letzten Saison

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Gut. Hinter Bayern und Dortmund „sehe ich uns wirtschaftlich auf demselben Niveau wie Leipzig. Wir können also auch erreichen, was Leipzig jetzt erreicht hat“, sagt Boss Carro. Wenn die Havertz-Millionen aufs Konto überwiesen sind, hat Leverkusen sogar noch bessere Möglichkeiten, hochkarätige Spieler als die Sachsen zu verpflichten.

Was ist drin?

Der Angriff auf die Top Vier muss weiter warten. Bayer 04 Leverkusen wird sich erst einmal neu einspielen müssen. Die Endplatzierung hängt vor allem davon ab, wie gut sich die Neuen einfügen und welchen Entwicklungsschritt die vorhandenen Spieler machen können. Leverkusen kommt auf jeden Fall ins europäische Geschäft, Platz sechs.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare